Leichtathletik
Sieg bei deutschen Hallenmeisterschaften: Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye haut einen raus
Als sich Yemisi Ogunleye beim Frühstücksbüfett in einem Hotel in Dortmund eine Portion Ei auf den Teller lädt, hört sie plötzlich eine Stimme hinter sich. „Ein Mann ist an mir vorbeigelaufen und hat gesagt: 20 Meter. Sonst hat er nichts mehr hinzugefügt“, erzählt die 26-jährige Kugelstoßerin aus dem südpfälzischen Bellheim. Ein besonderer Ansporn sei jene Aussage des Unbekannten zwar nicht gewesen – und dennoch begann Ogunleye ein wenig nachzudenken. Warum eigentlich nicht? Warum nicht heute? „Warum nimmst du die Herausforderung nicht an?“, fragt sie. Ein paar Stunden später steht sie in der Helmut-Körnig-Halle und lässt sich von den Zuschauern feiern. Deutsche Meisterin, Titel verteidigt, noch dazu persönliche Bestweite: 20,27 Meter.
Seit Ogunleye im Sommer 2024 in Paris Olympiasiegerin wurde, hat sich ihre Rolle verändert. Sie gilt als Aushängeschild der deutschen Leichtathletik. Als jene, die den etwas ramponierten Ruf Deutschlands als einstige Werfernation wieder herstellen soll. Bei den Hallenmeisterschaften in Dortmund ist sie das Gesicht auf den Werbeplakaten. Die Kugelstoßentscheidung der Frauen ist der Höhepunkt des Freitagabends. Viele Zuschauer sind gekommen, um die Pfälzerin zu sehen.
Und: Nun ist es Ogunleye, die es zu schlagen gilt. Weil sie mit ihrer offenen Art punktet, mit ihrer Herzlichkeit und Authentizität, weil sie eben Geschichten vom Frühstücksbüfett im Hotel erzählt, kann sie auch Dinge sagen wie: „Eigentlich will ich die 20 Meter bei richtig wichtigen Wettkämpfen stoßen, bei Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften.“ Sind deutsche Meisterschaften im Umkehrschluss also kein wichtiger Wettkampf mehr für sie? Andererseits: Die Trainingsform stimmt, warum nicht einfach mal versuchen?
Mit der offenen Art punkten
Es ist kein Ausdruck von Überheblichkeit der Athletin, die zwar Pfälzerin ist, aber für die MTG Mannheim startet. Sondern eine realistische Einschätzung. Auf nationalen Ebene ist Ogunleye derzeit ohne wirkliche Konkurrenz. Die Zweitplatzierte stößt weit über einen Meter kürzer als sie. Mit vier ihrer fünf gültigen Versuche hätte die 26-Jährige den Titel gewonnen. „Mir war es wichtig, die Serie zu halten“, sagt Ogunleye, „das Level zu halten und konstant über 19 Meter zu kommen.“ 15 Mal hat sie in dieser Hallensaison diese Marke bislang geknackt.
Erst das Klatschen, dann das Grinsen. Ogunleye atmet tief ein, schließt die Augen und es ist förmlich zu spüren, wie sie die Energie in der Halle aufzunehmen versucht. Sie betritt den Kreis, bringt sich in Position, beginnt ihre Drehbewegung. Die Kugel verlässt ihre Hand, ein lauter Schrei, ihr Arbeitsgerät schlägt Sekunden später auf dem Mattenboden auf. Die Pfälzerin hüpft auf und ab, nimmt die Hände vors Gesicht. Die Weite will sie kaum glauben. 20,27 Meter, erster Versuch, mal eben einen rausgehauen. „Es geht darum, die Ruhe und die Freude beizubehalten“, sagt Ogunleye.
Bei den Olympischen Spielen musste sie bis zum sechsten Stoß warten, ehe ihr der goldene Versuch gelang. Nun macht sie direkt am Anfang des Wettkampfs alles klar. „Dieses Vertrauen mitzunehmen, das Niveau beizubehalten, das ist superwichtig“, sagt Ogunleye, „ich genieße es und bin dankbar, dass so viele Menschen Anteil daran nehmen.“ Die Goldmedaille von Paris ist für sie derzeit kein Ballast, das Rampenlicht scheint sie zu beflügeln, ihr Rückenwind zu geben.
Stimmung ist anders
„Hier ist natürlich eine lockere Atmosphäre, man kennt sich untereinander. Wir unternehmen auch außerhalb des Sports mal etwas miteinander“, sagt Ogunleye. „Da ist die Stimmung noch mal anders. Bei internationalen Meisterschaften, da steht man da und weiß, heute kommt es drauf an.“ Das gilt natürlich auch für die deutschen Titelkämpfe, wenngleich alles andere als der Sieg eine Enttäuschung gewesen wäre. Mit ihrer neuen Bestleistung von Dortmund ist Ogunleye nun die Zweitbeste der Welt – in einem Jahr, in dem Welt- und Europameisterschaften anstehen sowie die Freiluft-WM in Tokio. „Ich traue mir diese Weiten zu und möchte nicht auf die ganz großen Wettkämpfe warten“, sagt Ogunleye, „sondern will darauf aufbauen, um bei den Höhepunkten noch mal einen draufzusetzen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.