Olympia
Selfies mit Gefühlen
Ich bin ein Gewinner
Wir sind zu Beginn der Pandemie von Mallorca zurückgeflogen worden, danach war ich mehrere Wochen daheim und habe mir zum Glück einen Kraftraum einrichten können mit Geräten, die am Stützpunkt nicht benutzt werden durften. Jetzt ist bei mir gerade alles sehr entspannt. Vor vier Wochen ging es mit den Lehrgängen wieder los. Beim ersten musste ich passen wegen des Einstellungstests bei der Bundespolizei. Ab 1. September geht es für mich von Kaiserslautern nach Kienbaum. Es wird ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Ich denke, das wird ganz gut. Ich kann dann im Winter wieder auf einer Bahn trainieren, was für mich mit Blick auf Olympia sehr gut ist. Mit der Verschiebung wurde ich zu einem Gewinner, weil ich im letzten Stechen einen Tick langsamer als zwei Konkurrenten war und den Kürzeren zog. Jetzt habe ich eine neue Chance bekommen. Alleine zu trainieren, war ziemlich hart. Man hat mehr Willen gebraucht, weil man komplett auf sich alleine gestellt war. Ich fand das extrem schwierig. Ob es Tokio 2021 geben wird, steht in den Sternen. Es wäre fatal, wenn die Spiele ausfallen würden, gerade für die, die ein Ticket schon in der Tasche haben. Ich bin guter Dinge.
Keiner will verzichten
Genau in der Zeit, in der meine Vorrunde und mein Finale gewesen wären, weilten wir zum Trainingslager auf dem Herzogenhorn im Schwarzwald. Ich habe dort sehr oft an die Spiele gedacht. Jetzt wäre alles rum. Stattdessen muss ich ein Jahr länger für Tokio trainieren und auch darauf warten. Aber so ist es nun mal. Ich stehe damit nicht alleine da, alle Sportler dieser Welt sind in der gleichen Situation. Ich muss gucken, wie ich das Beste daraus mache. Mein Blick ist nach vorne gerichtet. Ich glaube, dass die Spiele 2021 auf alle Fälle stattfinden, habe aber keine Vorstellung, ob es Geisterspiele werden oder wir Sportler zwei Wochen früher anreisen müssen, um dann im Olympischen Dorf in Quarantäne zu sein und ständig getestet zu werden. Aber besser so als gar keine Spiele. Wir Ringer sind eine Randsportart, wir stehen nur alle vier Jahre im Mittelpunkt. Keiner will darauf verzichten. Ich würde auch Wettkämpfe ohne Zuschauer in Kauf nehmen.
Ich bleibe, wie ich bin
Ich hatte ja die parantänischen Spiele ins Leben gerufen, die Spiele für Zuhause. Das war in der schwierigen Zeit meine Art, die Leute ein bisschen aufzumuntern und ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern. Es war klar: Ich bleibe, wie ich bin, und dies war sehr gut. Ich habe nur positives Feedback bekommen. Die Familien saßen beim Abendessen, und die Kinder haben sich um 18 Uhr auf ein neues Video von mir im Internet gefreut. Es kam gut an, ich fand das krass. Ich habe dazu eine Spendenaktion gemacht, in der ich quasi Tickets für meine Spiele verkaufte. Die Summe von 6000 Euro ging dann an die „Aktion Mensch“. Wahnsinn, was man aus einer verrückten Idee machen kann. Ich sage, die Spiele werden im kommenden Jahr in Tokio stattfinden. Zumindest werde ich hundertprozentig weitertrainieren, ich werde keinen einzigen Tag Gedanken an eine Absage zulassen, und ich werde alles geben, um am Tag X fit zu sein. Mit Zweifeln kommt man nicht weiter. Schwierig mit der Motivation ist es nur für jene Sportler, die im Sommer 2020 ihre Karriere beenden wollten.
Ich kämpfe, ich kann das
Ich bin seit Ende März wieder auf dem Polizeirevier in Heidelberg voll im Dienst, habe zwei Monate gar nicht trainiert, was mir gelegen kam, weil ich ein Malheur an der Hüfte hatte, das ich auskurieren konnte. Die Ungewissheit bleibt, was ein Problem in Sachen Motivation ist. Ob die EM im Herbst in Moskau stattfindet, ist ungewiss. Ich wäre bis dahin nicht fit und hoffe deshalb auch auf eine Verschiebung. International wäre für mich ja im August 2020 Schluss gewesen, aber jetzt ziehe ich das durch und hänge ein Jahr dran, was ich mir mit meinem Arbeitgeber, der Polizei, und der erneuten Freistellung erlauben kann. Bei mir ist eher die Frage, ob die alten Knochen mitmachen, denn ich bin nicht mehr so belastbar. Ich kämpfe und ich kann das ja, kämpfen. Was mit der Familie nicht einfach ist. Wir haben einen vierjährigen Sohn. Ob die Spiele 2021 unter vernünftigen Bedingungen, also mit Zuschauern und einem guten Flair, stattfinden können, ist eine vage Hoffnung. Ich hatte das Glück, an drei Spielen teilzunehmen, deshalb ist es für mich schwer vorstellbar, vor leeren Rängen zu heben. Es wäre tragisch, aber besser so als eine Absage. Viele Athleten haben nur einmal im Leben die Chance, an Olympischen Spielen teilzunehmen, für die wäre eine Absage hart. Ich könnte das besser verkraften als ein Junger.
50:50 ist keine Option
Die letzten Wochen sind mental eine enorme Herausforderung, weil sich vieles ständig ändert. Ich bin trotzdem motiviert. Bei der Olympiaverschiebung im März dachte ich mir, jetzt habe ich über ein Jahr Zeit, mich noch gründlicher darauf vorzubereiten. Denn die Spiele 2020 wären ein bisschen zu früh für mich gekommen. Ich war nicht in Form. Jetzt vergeht die Zeit wie im Flug, aber man hat noch nichts erlebt. Nur monotones Training. Ich bin gespannt, wohin der Weg führen kann. Was mich unglaublich nervt, ist, wenn Leute sagen: Ich bezweifle, dass die Spiele nächstes Jahr stattfinden können. Was soll ich als Athletin dazu sagen? Ich habe doch trotzdem meine Träume. Wir Athleten haben die Hoffnung bis wir im Flieger sitzen. Ein Vielleicht ist keine Option. Mit 50:50 kann man nicht aufwachen und nicht trainieren. Wir alle werden 2021 in Tokio starten.
Ich dachte zuletzt oft an die ausgefallenen Spiele in Tokio, denn ich sah sie im Zusammenhang mit dem größten Urlaub, den ich jemals machen wollte. Ich wollte im Juli, vor und bei den Spielen, alles geben und dann in den wohlverdienten Urlaub fliegen, auf den ich mich riesig freute. Es wären drei Wochen in den USA gewesen, Los Angeles, San Francisco, Las Vegas. Wir hatten alles durchgeplant. Nun ist das weggefallen. Dumm gelaufen. Aber das Leben geht weiter, das Ziel ist immer noch da. Einen Cut nach Tokio zu machen, war nicht der Plan, aber auch Olympia 2024 ist nicht der Plan. Irgendetwas dazwischen wird es wohl sein. Keiner hätte jemals gedacht, dass die Spiele, ein so großes, so lange vorausgeplantes Event, einfach verlegt werden, aber auch nicht, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden. Es ist alles möglich. Ich hoffe so sehr, dass die Spiele 2021 stattfinden können – ohne Einschränkungen und ohne Angst haben zu müssen. Der Sport bedeutet mir extrem viel. In der Coronazeit weiß ich aber umso mehr, dass es zwar ein schöner Teil vom Leben ist, aber nicht das, was ich auf jeden Fall brauche. Was ich brauche, sind meine Familie, meine Freunde und vor allem Gesundheit.
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Die Olympiaverschiebung war für alle Sportler, die sich vorbereitet hatten, eine maximale Umstellung und schwierig zu verarbeiten. Wir Ruderer sagten uns, dass wir im Juli noch mal eine kurze Pause und Urlaub machen, um durchzuatmen und dann das Jahr durchzuziehen. Die Maßgabe war, einmal am Tag individuell Ausdauer zu trainieren. Am Tag der eigentlichen Eröffnungsfeier in Deutschland zu sein, fand ich skurril, das einzige „Gute“ war, keiner war alleine, jeder Sportler hatte diese Last zu tragen, und es ist ja schon so: Wir Sportler stehen immer wieder auf. Corona stellt uns alle vor große Herausforderungen, wir sind genervt, das kann man, glaube ich, so sagen. Wichtig ist, dass wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Auch meine Lebensplanung wurde um ein Jahr verschoben. Ich versuche derzeit, viel für die duale Karriere und meine Promotion zu machen, was nicht einfach ist. Man muss schauen, alles als eine Chance zu sehen, um sich weiterzuentwickeln und die Schwächen, die man hat, auszumerzen.
