Leichtathletik
Rheinland-Pfalz-Meisterschaften: Sportlerin aus Ukraine holt zwei Titel
Niklas Kaul ist schnell mal um die Ecke gekommen – aus Mainz nach Eisenberg. Ein bodenständiger Rheinland-Pfälzer bei den Landesmeisterschaften, wie schon so oft. Der Primus inter Pares fühlt sich auf dem Sportplatz einfach wohl, mittendrin unter den Konkurrenten. Ganz ohne Starallüren. „Es ist halt nicht so weit hierher, das ist ganz schön. Und deswegen kann man auch sagen, man macht jetzt mal zwei Disziplinen, fährt wieder heim und hat noch was vom Wochenende“, sagte Kaul, der sich Ende Mai im Zehnkampf-Mekka Götzis für die EM in München qualifizierte, nachdem er drei Wochen zuvor in Ratingen wegen einer Verspannung im Nacken aufgeben musste.
Am Freitag ehrte der 24 Jahre alte Zehnkampf-Weltmeister von Doha 2019, der Mitte Juli in Eugene/Oregon seinen Titel zu verteidigen hat, in Mainz noch die Sieger im LSB-Vereinszeitschriften-Wettbewerb, am Samstag lief er in Eisenberg 100 Meter und warf den Diskus. „Das in Mainz am Freitag war besser“, sagte er scherzhaft: „Ich habe müde Beine. Die letzten beiden Wochen waren sehr hart. Wir machten nach Götzis absichtlich auch relativ wenig Pause, zwei Tage nur, und so viele harte Trainingsblöcke wird es bis zum Saisonhöhepunkt nicht mehr geben. Deshalb ist es verständlich, dass die Beine müde sind.“
„Hätte schon gerne weiter geworfen“
Kaul lief die 100 Meter im Vorlauf in 11,38 Sekunden und verzichtete auf den Endlauf, weil er sich ganz auf den zeitgleichen Diskuswettbewerb konzentrieren wollte. „Er braucht da einfach mehr Routine beim Spannungsaufbau, das üben wir“, sagte Vater Michael Kaul. Nach den sechs Versuchen mit der Zwei-Kilo-Scheibe, die weiteste flog auf 43,88, rund sechs Meter unter seiner Bestleistung, stellte Kaul trocken fest: „Ich hätte schon gerne weiter geworfen.“
Was Michael Kaul andeutete, den stumpfen Wurfring in Eisenberg, kommentierte Niklas souverän: „Ja, er ist stumpf, und das ist doof. Aber das gilt nicht als Ausrede für alles, es war auch technisch nicht so gut, nicht so, wie ich es mir vorstellte und wie es im Training schon lief“. Den Wettbewerb gewann Bastian Küver (ABC Ludwigshafen) mit 44,26 Metern.
Ukrainerin wohnt nun in Landau
Eine Woche vor dem Meeting in Götzis hatte sich Kaul am Fuß des Sprungbeins verletzt, war umgeknickt und sich „in Götzis ein bisschen durchgemogelt“ (Vater Michael). Sprünge hat er seither noch nicht wieder gemacht, aber das wird das Thema für die nächsten Wochen. „Ich kann schmerzfrei sprinten und werfen, und ich würde ganz gerne die Deutschen Meisterschaften in Berlin machen. Aber ich muss erst schauen, wie es im Training läuft“, sagte Kaul. Und: „Um die Form mache ich mir mental wenig Gedanken, ganz ehrlich“. Michael Kaul ergänzte: „Niklas ist fit und gut im Rennen.“
Inna Sydorenko kommt von weiter her: aus Donezk in der Ukraine. Sie ist seit 14. Mai in Deutschland, genauer in Landau, wo sie bei der Familie Zernikel lebt – und seit Samstag zweifache Rheinland-Pfalz-Meisterin. Im Weitsprung siegte sie mit 6,13 und im Dreisprung mit 12,84 Metern, ihre Bestleistungen stehen bei 6,30 und 13,28. Der Vater von Stabhochspringer Oleg Zernikel, Sergej, hatte den in der Pfalz renommierten Sprungtrainer Juri Tscherer schon vor zweieinhalb Monaten angefragt, ob er helfen könne und quasi aus dem Ruhestand geholt. „Ich hatte mir davor schon Gedanken gemacht, denn ich ahnte, dass Sportlerinnen und Sportler aus der Ukraine kommen werden“, sagte Tscherer.
Erste Sätze auf Deutsch
Nun üben Inna und Juri gemeinsam – die Springerei, aber ganz zaghaft auch die deutsche Sprache. „Ich bin froh“ – das hat Inna schon mal gelernt zu sagen. Über ihr Gesicht huscht ein Lachen, der Daumen geht nach oben. Sie ist eine ganz besondere Person, überaus freundlich und aufgeschlossen. Neben ihrem sportlichen Hobby hat die 25-Jährige, die zuletzt in Dnipro lebte, ein anderes Faible: Sie studierte dort „Klassischer Gesang“, hat den Bachelor in der Tasche und legte vergangenen Montag übers Internet ihre letzte Prüfung mit Auszeichnung ab – Note 1,0.
Aus den sechs Weitsprung-Versuchen ragt der vierte heraus: Mit 6,13 Metern gewann sie auf der schwierig zu springenden Anlage den Titel für den ABC Ludwigshafen, der Inna auf Tscherers Vermittlung sofort integrierte. „Wir passen uns langsam an, für uns beide ist das alles neu. Inna war zum Beispiel noch nie im Ausland. Sie muss erst mal ankommen, auch mental“, sagte Tscherer, „mal gucken, wie es mit der Unterstützung und der Sprache klappt. Sie fühlt sich wohl, aber es sind natürlich sehr viele Fragen offen“. Ihre Aufenthaltsgenehmigung läuft über 18 Monate.