Fussball
Pfälzer Amputiertenfußballer sind nach EM stolz auf sich
Wenn sich nach großen Endspielen unterlegene Profi-Fußballer sofort der soeben verliehenen Silbermedaille entledigen, dann mag das der Enttäuschung des Moments geschuldet sein – stößt aber oft und zu Recht auf Kritik. Die deutsche Nationalmannschaft der Amputiertenfußballer kann da als leuchtendes Gegenbeispiel dienen.
Auch sie hatten bei der EM in Krakau ihr Ziel, das Viertelfinale, verpasst. Aber als sie am Sonntag zum Abschluss der Platzierungsrunde in einem packenden „Finale“ gegen Griechenland (1:0) doch noch Rang neun ergatterten, gab’s kein Halten mehr: Im Kleinfeldstadion wurde mit Fans und Angehörigen gejubelt und gesungen. Der Abschiedsabend geriet feucht-fröhlich, berichtet Florian Fischer, einer der drei Pfälzer: „Ein paar Kaltgetränke, ein bisschen Büfett – und eine wirklich große Party bis spät nachts.“ Nach der „Trostrunde“ war die anfängliche Enttäuschung vertrieben: „Ein mega Event mit einem kleinen Happy End für uns.“
Drei Nationalspieler aus der Pfalz, drei Schicksalsschläge
Marcel Herrmann (29) verlor nach einem Motorradunfall sein linkes Bein, davor spielte er „normalen“ Fußball beim FV Dudenhofen und FV Heiligenstein. César Leszinski (37), wie Herrmann in Speyer daheim, büßte in seiner alten Heimat Angola als Kind durch einen Starkstromunfall seinen rechten Arm ein – er ist Torwart der deutschen Nationalmannschaft. Dem Neupotzer Florian Fischer (24) musste kurz vor seinem 16. Geburtstag sein rechtes Bein abgenommen werden, im Knie hatte sich zuvor ein bösartiger Tumor buchstäblich breit gemacht.
Alle stehen mitten im Leben
Klagen hört man die drei lebenslustigen Pfälzer, die in der neugegründeten Amputiertenfußball-Bundesliga für das Modellprojekt Anpfiff Hoffenheim spielen, nicht. Im Gegenteil. Auch beruflich stehen alle mitten im Leben, und ihr Sport vermittelt zusätzliches Selbstvertrauen – selbst wenn sie für die Spiele ihre Prothesen gegen die Krücken tauschen müssen. Leszinski gilt als Stimmungskanone im Team. Und wenn jemand quasi auf sein fehlendes Bein starrt, dann entgegnet Herrmann mit viel Selbstironie auch schon mal: „Warum gucken die Leute da hin, da ist doch nichts.“
„Die Wade brennt“
Die EM in Polen war für alle drei ein Karrierehöhepunkt. „Mit die schönste Woche in meinem Leben“, schwärmt Florian Fischer – und leckt dennoch ein paar Wunden. „Ich habe mir wohl eine Rippe angeschlagen, und die Wade brennt. Ich bin froh, dass jetzt ein paar Tage Pause sind.“ In drei Wochen geht’s in der Bundesliga weiter, so lange wird das Trio die bleibenden Erinnerungen an Krakau voll auskosten.
Dabei war der Traum vom Viertelfinale nach zwei Auftaktniederlagen schon geplatzt. Doch dann führte Fischer – für seinen gesperrten Mannschaftsführer – erstmals die Auswahl als Kapitän aufs Feld. Der 5:0-Erfolg gegen Belgien war der Auftakt für die euphorisierende Serie mit am Ende drei Siegen in Folge. „Darauf sind wir stolz, auch wenn wir unser Ziel verpasst haben“, sagt Fischer und berichtet: „Wir haben im Bus gefeiert, als hätten wir das Turnier gewonnen.“
Das Turnier hat für Fischer „gezeigt, dass Amputiertenfußball mal eine richtig große Sportart werden kann“. So sahen über 6000 Zuschauer den letzten Sieg des Gastgebers Polen, der EM-Dritter wurde. Die Türkei verteidigte ihren Titel erfolgreich. Aber der deutsche Amputiertenfußball hat aufgeholt – und eine Aufnahme ins paralympische Programm für die Spiele 2028 ist keine Utopie mehr.