Voltigieren
Pauline Riedl: Alles auf Anfang – und dafür auch in die Pfalz
Siege in Saumur und Ermelo, Platz zwei beim CHIO in Aachen, Rang neun bei der EM in Ermelo, dazu Weltmeisterin und deutsche Meisterin als Trainerin und Longenführerin des Juniorteams des RSV Neuss-Grimlinghausen: 2019 erlebte die 26-jährige Pferdeturnerin, die aus Neuss stammt und in Aachen lebt und studiert, ein famoses Jahr. „Mit Flamant hatte ich ein junges Pferd. Ich hatte nie gedacht, so weit zu kommen. Dass der so brav war, war der Hammer“, sagt sie im Rückblick. „Es war aber klar, dass man das nicht bis zum Ende der Saison abrufen kann“, ergänzt sie. Die deutsche Meisterschaft in Alsfeld im August 2019 war nur noch ein „Spaßturnier“. Und sie war ihr Ausstand als Voltigiererin des RSV Neuss-Grimlinghausen. „Erfolg ist immer schön und gut, er ist aber nicht alles“, sagt sie. 20 Jahre gehörte sie dem RSV Neuss-Grimlinghausen an, verbrachte fast jede freie Minute auf dem Nixhof. Zuletzt habe man sich auseinandergelebt. Es kam zu Trennung.
Ein Leben ohne Voltigieren
„Es ist keine Schande, ein paar Schritte zurückzugehen. Ich war 20 Jahre in einem Topverein, ich stand 17 oder 18 Jahre am Stück im A-Kader“, erzählt die Maschinenbaustudentin. Nach diesem Schritt zurück fiel sie in ein kleines Loch. „Im Winter habe ich einige Monate gar nichts gemacht“, sagt sie. Riedl lernte ein Leben ohne Leistungssport kennen. „Ich war mal am Wochenende zu Hause, habe zum ersten Mal ein komplettes Wochenende in meiner Wohnung verbracht“, erzählt sie. „Ich habe alte Freundschaften wieder aufleben lassen. Ich war ja vorher immer die, die keine Zeit hat.“ Und sie hat gemerkt: „Es gibt ein Leben nach dem Voltigieren.“
Ganz aufhören wollte sie nicht. „Ich hatte einige Angebote, unter anderem aus Bremen“, bemerkt sie. Sie schlug sie aus. Das Masterclass-Turnier in Leipzig Anfang des Jahres auf einem fremden Pferd war ihr vorerst letzter Auftritt im Voltigierzirkel. Alle Überlegungen und Bemühungen, die Einzelkarriere fortzusetzen, machte dann die Corona-Pandemie zunichte. Sie intensivierte ihr Studium, das zu oft hinten anstehen musste, trieb den Bachelor-Abschluss voran.
Zum Praktikum in die Pfalz
„Ich habe mir gedacht, ich nutze den Sommer mal zum Praktikum, wenn ich nicht gebunden bin“, bemerkt sie. Riedl fand einen Platz bei der BASF in Ludwigshafen. Das hat gut gepasst, denn sie hat familiäre Wurzeln in der Metropolregion und pflegt eine Freundschaft mit der Herxheimer Voltigiertrainerin Sophie Kuhn. „Mein Vater ist in Heidelberg geboren und in Mannheim aufgewachsen“, erzählt sie. In Mannheim besitzt die Familie ein Haus, dort bezog sie die Dachwohnung. An den Wochenenden gab sie Lehrgänge bei Voltigiervereinen. Mit Lehrgängen hat sie sich ihren Sport jahrelang finanziert. Zum Voltigieren kam sie zuletzt selten. „Ab und zu spring ich mal auf ein Pferd. Aber das ist kein volles Einzeltraining“, erzählt sie.
Weichen neu gestellt
In ihrer Zeit in Ludwigshafen und Mannheim hat Riedl Weichen gestellt. Beim Reitverein Aachen baut sie seit Anfang Oktober eine Voltigier-Leistungsgruppe auf. Das erste Casting Anfang September war ein großer Erfolg. Und sie fand ein Pferd: Willi heißt der Siebenjährige, der eine Dressurgrundausbildung genoss und „noch nichts Schlechtes erlebt hat“. Riedl ist dankbar, dass sie Willi bei den Voltigierern auf dem Lindenhof im Bensheimer Stadtteil Schwanheim unterbringen konnte. So ging es nach der Arbeit bei der BASF noch zum Pferd. Dessen Ausbildung wird viel Zeit in Anspruch nehmen.
Riedl ist ein Neusser Urgestein. „Ich wollte immer zum Springreiten. Weil ich aber so klein war, haben sie gesagt, mach mal eine Voltigierstunde mit.“ So kam sie im Alter von sechs Jahren zum RSV Neuss-Grimlinghausen, wo auch ihre beiden Schwestern voltigierten. Mit acht Jahren war sie in der ersten Mannschaft, mit zwölf Jahren Weltmeisterin. Das war 2006 bei der Heim-WM in Aachen. Das zwölfjährige, kesse und witzige Voltigierküken avancierte dabei zum beliebten Interviewpartner.
Auf allen Positionen geturnt
Riedl hat im Team als Obermann begonnen. Sie gehört zu den erfolgreichsten Teamvoltigierern überhaupt: Drei WM- und vier EM-Titel gewann sie mit dem Team Neuss. „Aachen 2006 ist immer noch meine Nummer eins“, sagt sie. Ein Dutzend deutsche Meisterschaften hat sie mit dem Team gewonnen, zehn davon in Folge. „Jede Goldmedaille war hart erkämpft, jedes Mal aufs Neue hart erarbeitet. Jeder Titel ist etwas Besonderes“, ergänzt sie. „Das Team war immer meine Leidenschaft“, betont Riedl. Deshalb sprang sie 2017 noch einmal ein, noch einmal wurde Neuss deutscher Meister.
Pauline Riedl hat einen immensen Aufwand betrieben, um ihren Sport auf Weltklasse-Niveau ausüben zu können. Unzählige Stunden pendelte sie mit dem Zug von Aachen nach Neuss. Die Einzelkarriere liegt erst mal auf Eis. Pläne macht sie nicht. „Im Moment fehlt mir nur wenig. Das ist nächstes Jahr vielleicht anders. Das Jahr Pause hat mit gut getan. Ich komme ganz gut klar“, sagt sie. Sie freut sich auf die neue Aufgabe in Aachen, darauf, ein eigenes Projekt als Trainerin vorantreiben zu können, ihre Werte vermitteln, ihre Ideen umsetzen zu können. „Ich habe in meinem Sport alles erreicht. Alles, was jetzt kommt, ist zusätzlich“, sagt Pauline Riedl. Sie freut sich auf den Neuanfang.