Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Olympia 1972: Unterm Zeltdach aus dem Häuschen

Hildegard Falck jubelt ausgelassen.
Hildegard Falck jubelt ausgelassen.

Gewöhnlich ist ein goldener Sonntag der letzte Adventssonntag vor dem Weihnachtsfest, wenn im Handel die Kassen klingeln. In die Sportgeschichte indes ist der 3. September 1972 als „goldener Sonntag“ eingegangen. Als eine Sternstunde der Leichtathletik. Innerhalb einer Stunde haben drei Deutsche bei den Olympischen Spielen in München Gold gewonnen.

Die 800-m-Läuferin Hildegard Falck (23), der Speerwerfer Klaus Wolfermann (26) und der Geher Bernd Kannenberg (30) brauchten für die größten Triumphe ihrer Karrieren unterschiedlich lang: zwischen knapp zwei Minuten und fast vier Stunden. Aber alle drei Entscheidungen unterm Münchner Zeltdach und dem so blauen Himmel der bis dahin heiteren Olympischen Spiele 1972 fielen innerhalb von einer Stunde. Außerdem gewann an diesem neunten Tag der Spiele Heide Rosendahl – mit ihrer Nickelbrille, den rot-weiß-gestreiften Socken und der eleganten Power der Publikumsliebling – Silber im Fünfkampf. Die einzigartigen 80.000 Zuschauer im Olympiastadion waren derart aus dem Häuschen, dass sie sogar Rosendahls Bezwingerin, die Britin Mary Peters, mit ihrem Applaus überschütteten.

„Wie ein Pferd mit Scheuklappen“

Interessant ist und aus ihrer Sicht geradezu verständlich, was die vier deutschen Athleten in vielen Interviews immer wieder betonten: Alle waren so sehr auf ihren eigenen Wettbewerb eingestellt, dass sie diesen deutschen Feiertag nicht wirklich als „goldenen Sonntag“ wahrnahmen. „Ich war durchgängig so auf meinen Wettbewerb, auf meine Würfe und meine Gegner konzentriert, dass ich um mich herum kaum was mitbekommen habe“, erinnert sich etwa Klaus Wolfermann: „Ich kam mir vor wie ein Pferd mit Scheuklappen.“

Hildegard Falck sagte vor gut einem Jahr anlässlich ihres 70. Geburtstages der RHEINPFALZ schmunzelnd: „Wer da wann und zuerst Olympiasieger wurde, das weiß ich nicht mehr, das müssen Sie nachschlagen.“ Sie erzählte, dass sie den Schalter innerlich umlegt, wenn sie ins Stadion reinkommt, und erst wieder etwas wahrnimmt, wenn sie alles hinter sich gebracht hat.

Bernd Kannenberg schließlich, dessen Start nach einem Sturz auf der 20-km-Strecke gefährdet war und der auf der 50-km-Distanz nach einer Runde als erster das Stadion verlassen hatte, bekam Falcks und Wolfermanns Siege sowieso erst nach seinem Zieleinlauf mitgeteilt.

Frech dagegengehalten

Also, der Pulk der Geher war draußen auf den Straßen Münchens unterwegs, bejubelt von über 100.000 Menschen, und drinnen bereiteten sich die 800-m-Läuferinnen vor. 1971 war Hildegard Falck Weltrekord gelaufen und das versprach für die Heimspiele in München Verheißungsvolles, auch wenn sie nicht als deutsche Meisterin angereist war. Sie hatte sechs Wochen davor an gleicher Stelle ihre Tempohärte auf der ersten Runde ausprobiert und zeitgleich in 2:03,2 Minuten gegen Sylvia Schenk verloren. Aber bei den Spielen erfüllte sie alle Erwartungen, als sie auf der für sie vorteilhaften Bahn 1 startete, alle vor sich sah und ihr Rennen gestalten konnte, wie sie es wollte. „Ich wollte natürlich gewinnen, ganz klar, lag schon im Vor- und Zwischenlauf vorne und wollte schauen, dass ich ein taktisch kluges Rennen im Finale abliefere“, lautete die Marschroute. Für einen Moment schien es, als könne die Litauerin Nijole Sabaite sie noch einholen, aber 20 Meter vor dem Ziel hielt Falck frech dagegen: 1:58,6 Minuten die Siegerzeit, der Jubel der 23-Jährigen fiel grenzenlos aus, mit den Armen rückwärtsrudernd hüpfte sie über die Tartanbahn.

Und dann kam Kannenberg

Das Speerwerfen lief da schon. Klaus Wolfermann sah sich vor dem Wettkampf in der Verfolgerrolle, denn Janis Lusis, der Lette mit den breiten Koteletten, hatte zwei Monate davor mit 93,80 Meter Weltrekord geworfen. Der Olympiasieger von Mexico City, der vor vier Monaten 81-jährig starb, schien unbezwingbar. Er führte auch, doch im fünften Versuch surrte Wolfermanns Speer so federleicht durch die Luft, als wolle er nie mehr landen. Bei 90,48 Meter steckte er im satten Grün – die Führung. Das Volk tobte, und Lusis, der Mann des letzten Versuchs, wurde nervös. Er schien Wolfermann tatsächlich im sechsten Versuch geknackt zu haben, eine Zentimeterentscheidung – 90,46 Meter wurden gemessen. Gold für den Außenseiter. Bei der Gratulation zuckte der vollbärtige Wolfermann mit den Schultern und entschuldigte sich bei Janis Lusis.

Und dann kam Bernd Kannenberg auch als Erster wieder ins Stadion zurück und rettete mit seinem Stil des Gehens den auf der olympischen Streichliste stehende 50-km-Wettbewerb bis heute. Der Ostpreuße aus Königsberg, gerade 30 geworden, der in Christoph Höhne und Hartwig Gauder zwei DDR-Leute als olympische Vorgänger und Nachfolger hatte, siegte souverän in 3:56:11,7 Stunden. Umgehend wurde Kannenberg, der erst drei Jahre zuvor bei einem Militärmarsch die Lust aufs Gehen entdeckt hatte, zum Hauptfeldwebel befördert – als Vorzeigeathlet der damals noch jungen Bundeswehr-Sportkompanien.

Bernd Kannenberg faszinierte die Massen in München.
Bernd Kannenberg faszinierte die Massen in München.
Klaus Wolfermann und Janis Lusis – zwei Zentimeter trennten sie.
Klaus Wolfermann und Janis Lusis – zwei Zentimeter trennten sie.
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