Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Nicht nur Miriam Welte: In Kaiserslautern starteten große Sportkarrieren

Aktueller Blick aufs Heinrich-Heine-Gymnasium, das am Freitag 75 Jahre alt wird.
Aktueller Blick aufs Heinrich-Heine-Gymnasium, das am Freitag 75 Jahre alt wird.

Das Heinrich-Heine-Gymnasium, das am Freitag seinen 75. Geburtstag feiert, ist über die Pfalz hinaus als Sportinternat und Eliteschule des Sports bekannt. Vier prominente Ehemalige erinnern sich.

HHG-Jahre waren besonders

„Die Jahre am Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern waren eine tolle, prägende Zeit. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese Zeit bis 1983 meinen Weg so hätte gehen können“, sagt Patrik Kühnen (57), in dessen Leben sich „noch immer alles um die gelbe Filzkugel dreht“. Seit 15 Jahren ist der Sky-Tennisexperte Turnierdirektor der BMW-Open in München. Der dreimalige Gewinner des Davis Cups (1988, 1989, 1993) und spätere Kapitän des deutschen Teams war mit zwölf Jahren ans HHG gekommen, lebte dort immer im Internat. In der elften Klasse sagte der Saarländer, er wolle Tennisprofi werden, verließ die Schule mit der Option, zum Abitur zurückkommen zu können, falls es mit der Karriere nichts wird. Er kam nicht wieder. Aber er pflegt noch immer viele Freundschaften aus dieser Zeit.

Gefragter Tennisexperte: Patrik Kühnen war auch einst am HHG.
Gefragter Tennisexperte: Patrik Kühnen war auch einst am HHG.

„Die HHG-Jahre waren besonders. Von der Struktur war alles richtig gut. Schon vor der Schule Konditionstraining mit Norbert Lechner, dann gemeinsames Frühstück in der Mensa, danach Schule und Hausaufgabenbetreuung, gegenüber die Plätze von Rot-Weiß Kaiserslautern. Man hat keine Zeit verloren“, sagt Kühnen, „ich nehme gern meine Eltern mit rein: Das Setting war überragend, ich konnte Schul- und Tennisausbildung bestmöglich angehen.“

Gut erinnern kann er sich an Gerd Dobner. „Er war Lehrer und ein sehr guter Spieler und Trainer. Er hatte die Leidenschaft und die richtige Ansprache“, lobt Kühnen, in dessen Zeit auch Eric Jelen (58) für ein Jahr am HHG war. Dieser stand 1988 und 1989 mit Boris Becker, Carl-Uwe Steeb und Patrik Kühnen im siegreichen Davis-Cup-Team.

Man verlor keine Zeit

„Man konnte aus dem Bett in die Halle, aus der Halle in die Schule und aus der Schule in die Mensa fallen, man hat einfach keine Zeit verloren“, erinnert sich Elke Schall-Süß (49), mit fünf Olympiateilnahmen (1992 bis 2008) und mehreren EM-Titeln eine der erfolgreichsten deutschen Tischtennisspielerinnen, an ihre dreieinhalb Jahre am HHG. Nach der zehnten Klasse verließ sie Schule und Internat. „Für mich war klar, dass ich Profi werden will, deshalb habe ich es riskiert, die Schule abzubrechen“, sagt sie und betont: „Für mich war das HHG ein wichtiger Meilenstein in meiner Karriere, dadurch, dass sich Herbert Schwarz und Karl-Gerhard Emmerich sehr um mich gekümmert und die Kombination aus Schule und Training hervorragend für mich gemanagt haben.“ Die beiden Lehrer und Trainer feiern mit ihr auch ihre Party am 50. Geburtstag im Juli: „Ich bin ihnen sehr dankbar.“ Vor ihr war auch Steffen „Speedy“ Fetzner am HHG, mit Jörg Roßkopf Doppel-Weltmeister 1989 und Olympiazweiter 1992.

Tischtennis-Ass Elke Schall-Süß.
Tischtennis-Ass Elke Schall-Süß.

„Ich glaube, dass jeder individuell herausfinden muss, was das Beste für ihn ist. Für mich war der Sportzweig, der später dann zur Eliteschule wurde, hervorragend. Es gab nicht viele andere, die das Niveau und die Ambitionen hatten, so konnten sich die Trainer stark um mich und Markus Teichert kümmern“, sagt Elke Schall. Sie stammt aus Heiligenstein, lebte aber im Internat: „Sonntagabends haben mich meine Eltern dorthin gefahren oder ich fuhr mit dem Zug, freitags ging’s zurück oder gleich aufs Turnier.“ Elke Schall-Süß lebt nun mit ihrer Familie in Düsseldorf.

Aushängeschild Radsport

Miriam Welte (36) steht wie keine andere für den überragenden Erfolg der Schwerpunktsport Radsport am HHG, der ersten Sportart im 1978 eröffneten Modell „Talentförderung durch Sportklassen“. Mit sieben Radsportlern und Ex-Radrennfahrer Hermann Mühlfriedel als Lehrertrainer, der von 1987 bis 2017 der Leiter des Sportzweiges war, ging es los. Wie Stefan Steinweg (1992), Philip Hindes (2012 und 2016 für Großbritannien) und Lisa Klein (2021) holte sie olympisches Gold und wie Jan van Eijden WM-Gold. „Ich habe den Vergleich nicht, aber ich denke, ohne meine Schulzeit am HHG wären die Konzentration auf den Sport und die Erfolge so nicht möglich gewesen“, sagt die heutige Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes, die betont: „Die Eliteschulen sind für den deutschen Sport megawichtig.“

Vielfach vergoldeter Bahnrad-Star: Miriam Welte.
Vielfach vergoldeter Bahnrad-Star: Miriam Welte.

Die Schulzeit sei eine enorm prägende Zeit. Beides parallel machen zu können – Schule und lernen, Sport und trainieren –, „das gibt einem wahnsinnig viel fürs Leben in Sachen Konzentration, Leistungsbereitschaft und Motivation“, sagt Welte. Sie lebte nie im Internat, sondern daheim in Otterbach, „aber ich war immer mit den Internatssportlern zusammen, beim Essen in der Mensa, beim Quatschmachen und Musikhören auf dem Zimmer und natürlich beim Training“. 2002 kam sie im Alter von 15 Jahren auf die Schule, machte 2006 Abitur, einer ihrer Mitschüler in der Sportklasse war Ex-FCKler Fabian Schönheim. Ihre Erfolge – Olympiagold 2012 und Olympiabronze 2016, sechs WM-Titel – kamen natürlich nach der Schulzeit, sie sind aber sehr eng mit dem HHG verbunden. Als Otterbacherin konnte sie immer die Einrichtung, vor allem den Kraftraum, nutzen und in der Trainingsgruppe ihres Entdeckers Frank Ziegler bleiben. Dort ist die Mutter der kleinen Ida bis zum heutigen Tag Vorbild.

Der wichtigste Schritt

Die zweifache Olympiastarterin Jasmin Grabowski, geborene Külbs (31), aus Böhl-Iggelheim, die heute in Neukirchen-Vluyn lebt und eine Ausbildung zur Physiotherapeutin macht, weiß von sich: „Es war der richtige, vor allem der wichtigste Schritt in Richtung große internationale Karriere. Man konnte Schule und Sport vereinbaren und das ganze Konzept und die Struktur leben – die Ortsnähe, das Internat, die Trainer, die an der Schule Lehrer sind“, sagt sie. 2006 sagte sie bei der dritten Anfrage von Stefan Hahn und Uli Scherbaum, ob sie sich nicht mal Schule und Internat anschauen wolle, endlich ja, wechselte aus der Schifferstadter Schule ans HHG und machte dort 2011 Abitur. „Dann kam Sergio Oliviera an die Schule, dem ich große Teile meiner Karriere zu verdanken habe.“

Holte Olympia-Bronze: Judoka Jasmin Grabowski (rechts),
Holte Olympia-Bronze: Judoka Jasmin Grabowski (rechts),

Auf die Frage, ob sie den Weg bis zur Bronzemedaille in Tokio 2021 auch ohne HHG geschafft hätte, antwortete sie: „Es ist das Spielchen: Wir spekulieren mal. Ich glaube, ohne das HHG wäre der Weg deutlich schwerer gewesen, und unter dem Gesichtspunkt, dass ich mir kurz vor dem Wechsel das Kreuzband gerissen hatte, vermutlich sogar nicht machbar.“ Jasmin Grabowski sieht das HHG, und damit steht sie sicher nicht alleine da, als den Startschuss ihrer Karriere.

x