Meinung
Reise mit Rollstuhl: Gute Noten für den Flieger, schlechte für die Bahn
Es kommt nicht oft vor, dass mein lieber Mann und ich verreisen. Höchstens mal alle paar Jahre für ein paar Tage an die Nordsee oder ins Sauerland. Doch zuletzt haben wir ganz gegen unsere Gewohnheit eine ganze Urlaubswoche in der norwegischen Hauptstadt Oslo verbracht. Nicht aus Jux und Tollerei, sondern aus gutem Grund: Mein guter Sohn hat in der Ferne eine Weile studiert, und nun stand die Abschlussfeier dieses wichtigen Lebensabschnitts auf dem Programm. Da wollten wir natürlich dabei sein. Hinzu kam noch, dass die Norweger um diese Zeit ihren Nationalfeiertag begehen. Beide Ereignisse schienen es uns wert zu sein, uns mit Bahn und Flieger auf den weiten Weg zu machen. Was für ein Abenteuer!
Nun ist mein lieber Mann seit einiger Zeit nicht mehr so mobil und neuerdings sogar zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen. Wir beide üben noch, uns mit dieser neuen Situation zurechtzufinden. Vor allem stellen wir fest, wie wenig behindertenfreundlich unser Ludwigshafener Lebensumfeld ist. Das fängt bei hohen Bürgersteigen an und hört bei der Fahrt mit nicht barrierefreien Bussen und Bahnen leider nicht auf. In Oslo war es auch nicht immer ganz unkompliziert, das Gefährt mit meinem Mann zu steuern, aber doch viel, viel besser als in unserer Pfälzer Heimat. Da können wir uns von den Skandinaviern etwas abschauen!
Gute Lösungen für weite Wege
Überraschend gut und höchst komfortabel war ein Reiseabschnitt mit einem Linienflug der Lufthansa. Auf den Flughäfen in Frankfurt und Oslo werden beeinträchtigte Menschen überaus zuvorkommend und freundlich behandelt, um ihnen zusätzliche Strapazen zu ersparen. Rollstühle zum Ausleihen und kleine Elektromobile mit netten Fahrern stehen dort zur Verfügung, um die teilweise weiten Wege zu den Gates bequem und schnell zu bewältigen.
Auf dem Rückflug wurde sogar ein spezieller Hubwagen für meinen lieben Mann angefordert. Der Flieger konnte nicht am geplanten Gate andocken, sondern landete zunächst auf dem Außengelände des Flughafens, sodass die Passagiere die Kabine über Treppen verlassen mussten. Die beeinträchtigen Fluggäste – und ihre Angehörigen – wurden mithilfe jenes Hubwagens auf den Erdboden und dann mit einem Kleinbus bis ans Terminal befördert. Was für ein toller Service!
Erst anmelden?
Den vorletzten Abschnitt unserer Rückreise legten wir dann mit der Bahn zurück, die leider auf dieser Strecke gar nicht auf den spontanen Transport von Rollstuhlfahrern eingestellt war. Vielleicht fehlt uns da noch die Routine und wir hätten uns mit entsprechendem Vorlauf anmelden müssen. Nachdem ich meinen Mann, den Rollstuhl und unser Gepäck in den ICE nach Mannheim verladen hatte, ließ ich mich völlig geschlaucht auf einen freien Platz fallen. Kaum hatte ich mich etwas erholt und dachte darüber nach, wie wir den Zug wieder verlassen könnten, ertönte die strenge Stimme einer Zugbegleiterin: „Wem gehört der Rollstuhl? Der kann nicht im Gang stehenbleiben, sondern muss verstaut werden!“
Da wir den Zug schon beim nächsten Stopp wieder verlassen mussten, durfte der Rollstuhl zu meinem Glück dann doch vor der Zugtür verbleiben. Freundliche Menschen waren uns beim Herausklettern über mehrere Stufen behilflich. Wir waren heilfroh, unbeschadet wieder zu Hause zu sein.
Die Deutsche Bahn muss sich nicht nur mit Blick auf die Pünktlichkeit ihrer Züge endlich mal ins Zeug legen. Auch in Sachen Barrierefreiheit und Unterstützung von Passagieren mit Beeinträchtigung ist da noch sehr viel Luft nach oben.
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.