Fussball
Neuendorf ein Jahr DFB-Chef: Präsident und Diplomat
„Klassenzimmer“ nennen sie auf dem DFB-Campus jenen Raum, in denen zumeist Junioren-Nationalspieler längere Vorträge über den Fußball, aber auch mal das Leben hören. Nicht zufällig hatte sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf diesen Raum mit Blick auf die Fußballplätze ausgesucht, um nach einem Jahr Amtszeit – am 11. März 2022 wurde er gekürt – Bilanz zu ziehen. Bei seinem Amtsantritt sei der DFB jahrelang „um sich selbst gekreist“, die Ethikkommission durch immer neuen Anzeigen „schwer beschäftigt“ gewesen, erinnert er. Viele Gräben seien seitdem geschlossen worden, etliche Streitigkeiten beigelegt – es sind zugleich aber auch viele neue Baustellen entstanden.
Politik der kleinen Schritte
Als arg belastet gilt die Beziehung zum Weltverband Fifa nach der Debatte um die One-Love-Binde bei der WM in Katar, bei der Neuendorf viel Lehrgeld auf dem Funktionärsparkett zahlte. Für den DFB stehen diplomatische Verrenkungen an, wenn Fifa-Präsident Gianni Infantino beim Kongress in Kigali am 16. März wiedergewählt wird. Der DFB-Boss hat sich zuletzt mit der gegenüber der Fifa sehr kritisch eingestellten norwegischen Verbandspräsidentin Lise Klaveness oder Kollegen in anderen europäischen Länder abgestimmt. „Ich habe die Wiederwahl an Bedingungen geknüpft. Ohne Rückmeldung ist es schwer, ihn zu unterstützen“, sagt Neuendorf.
Konkret stört sich der 61-Jährige an Infantinos vollmundigen Ankündigungen, in Katar so genannte „Migration Working Centers“ einzurichten, an die sich Gastarbeiter wenden können. Oder auch die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für Gastarbeiter oder deren Hinterbliebene, den der Fifa-Boss in Doha ebenfalls versprochen hatte. Doch wenn man ganz einfache Frage stelle, was davon umgesetzt sei, bekomme man „keine befriedigenden Antworten“, sagt Neuendorf.
Trotzdem könnte Infantinos erneute Kür per Applaus erfolgen, andere Kandidaten gibt es nicht. Auch die europäischen Verbände haben es nicht geschafft, einen geeigneten Gegenspieler aufzubauen. Bleiben zumindest die Hände von ein paar der Delegierten bei der Wahl unten? Neuendorf hält nichts davon, „eine Fundamentalopposition“ aufzubauen.
Oft führe die Politik der kleinen Schritte ans Ziel, das weiß der frühere SPD-Politiker und Staatssekretär Nordrhein-Westfalens aus seinem Berufsleben. Und wenn es eine Lehre aus der Wüsten-WM gibt, dann doch diese: sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufzuführen, bringt in diesem Geflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten am wenigsten. „Wir müssen versuchen, in der Sache vernünftig zu diskutieren“, sagt Neuendorf, der umstrittene Fifa-Vorhaben wie beispielsweise eine riesige Klub-WM ab 2025 in Saudi-Arabien ohnehin nicht mehr stoppen kann. Der DFB-Präsident wird formal am 5. April auf dem nächsten Uefa-Kongress anstelle von Peter Peters in das Fifa-Council einziehen.
Er möchte dann „Protokolle lesen, Anträge aktiv begleiten“ – und letztlich will er für den DFB als nächstes Leuchtturmprojekt die Frauen-WM 2027 gemeinsam mit den Niederlanden und Belgien an Land ziehen, um ein weiteres Turnier neben der EM 2024 nach den hier gültigen Wertemaßstäben auszurichten. Jenes Event will der Bund übrigens mit 19 Millionen Euro bezuschussen. Neuendorf wünscht sich unverhohlen „ein deutlicheres Commitment der Politik“ zur Heim-EM. Das habe er auch mehrfach beim Bundeskanzler Olaf Scholz hinterlegt, schließlich sei es doch eine riesengroße Chance, übernächsten Sommer auch „für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu werben und unser Land zu präsentieren“. Oder ist das gar nicht mehr gewollt?
19 Millionen Euro Defizit
Wie den Bund plagen auch den DFB finanzielle Sorgen: Im laufenden Geschäftsjahr wird der Verband, der zu Jahresanfang seinen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb in eine eigene GmbH ausgelagert hat, 19 Millionen Euro mehr ausgeben als er einnimmt, sagte Schatzmeister Stephan Grunwald. „Das kann die nächsten zehn Jahre nicht so bleiben, dann wird der DFB nicht mehr existieren.“ Vor allem die ausbleibenden Erfolge der A-Nationalmannschaft der Männer mit drei vermasselten Turnieren in Folge verursachen laut Grunwald das Defizit. „Wir brauchen den sportlichen Erfolg mit der A-Nationalmannschaft: Das ist nichts anderes als bei einem Bundesligaverein.“
Auch die Aberkennung der Gemeinnützigkeit für 2014 und 2015 tue weh, denn dadurch mussten allein Rückstellungen von 50 Millionen Euro gebildet werden. Dritter Kostentreiber ist der Betrieb der Akademie, die mal eben locker einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr verschlingt, weil das Gelände 15 Mal so groß ist wie das alte Domizil in der Otto-Fleck-Schneise. Die schöne Aussicht aus dem Klassenzimmer auf dem Campus hat ihren Preis.