Kommentar Entfremdung zwischen DFB und Fans: Wen juckt das schon?
Natürlich klingt das im ersten Moment toll, wenn der Deutsche Fußball-Bund ankündigt, dass die Nationalmannschaft häufiger aufs Land kommt. Im DFB-Sprech hieß das 2017: „Wir gehen in Regionen, in denen wir schon lange nicht mehr waren.“ Bei einem Länderspiel mussten auch nicht mehr mindestens 40.000 Menschen in ein Stadion passen. Oder: Die DFB-Kicker bekommen die großen Arenen nicht mehr voll.
Der Klassiker gegen England im März 2017 in Dortmund war nicht ausverkauft. Gegen Frankreich blieben in Köln 10.000 Plätze leer. Dann folgte das Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland, wenig später war das Gladbacher Stadion gegen Weißrussland mit 33.000 Zuschauen nur zu drei Vierteln gefüllt. Nach der Corona-Zwangspause hieß es im März gegen Israel in Sinsheim wieder „ausverkauft“. In die Arena passen aber auch nur 25.600 Zuschauer.
„Für 'nen Zehner aufn Steher“ – mit solchen Preisaktionen für Stehplätze hatte der DFB ebenfalls versucht, das Interesse an seinem Premium-Produkt zu steigern. Das reimt sich noch nicht einmal richtig und zeigt beispielhaft den ungelenken Umgang des Verbands mit seinen Anhängern. Die Mannschaft firmierte plötzlich auch ganz offiziell als „Die Mannschaft“, Slogans wie #zsmmn oder #BestNeverRest funktionierten bei den Fans einfach nicht. Zu künstlich, zu aufgesetzt. Die besondere Beziehung, die Deutschland zu seiner Nationalmannschaft hatte, gibt es nicht mehr.
Diese Entfremdung haben die Spieler in Katar gespürt und klagten über mangelnde Unterstützung von daheim. Stattdessen gab es Spott und Häme nach den Spielen und auch dazwischen. Das Vorrunden-Aus löste bei vielen keinen Aufschrei aus, sondern maximal ein Schulterzucken. In dieser Mentalität gleichen sich Spieler und Zuschauer übrigens. „Wir sind eine sehr, sehr liebe Mannschaft“, sagte Antonio Rüdiger in den Tagen von Doha. Es fehlte an Gier, an Zorn, an Wut, an Emotionen. Stattdessen Gleichgültigkeit, auf und neben dem Platz.
Wenn geringes Interesse auf Boykottaufrufe und einen umstrittenen WM-Gastgeber trifft, ist das eine gefährliche Mischung. Die Folge ist eine weitere Klatsche für die DFB-Elf: 17,43 Millionen schauten das Spiel gegen Costa Rica zur besten Sendezeit im TV – 17,9 Millionen das EM-Finale der Frauen gegen England. Die Männer müssen die Herzen der Nation zurückgewinnen. Das klappt nicht von selbst, und die Zeit drängt: Die EM 2024 findet in Deutschland statt.
