Fußball
Mexiko und die Weltmeisterschaft – eine Geschichte des Scheiterns
Anders als in Kanada und den USA ist der Fußball in Mexiko Nationalsport. Aber die Mexikaner haben zu ihrer Nationalmannschaft ein Hassliebe-Verhältnis. Denn wenn es wirklich um was Großes geht wie bei einer WM, dann versagen der Nationalmannschaft „Tri“ meistens die Nerven oder ihr fehlen schlicht die Fähigkeiten.
Und die mexikanischen Fans reagieren oft persönlich beleidigt, wenn die „Tri“ verliert. Denn in keinem anderen Land Lateinamerikas klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie in Mexiko. Das Land ist Rekordteilnehmer bei Fußball-Weltmeisterschaften, aber außer im eigenen Land 1970 und 1986 schaffte es Mexiko nie ins Viertelfinale. 28 Niederlagen hat die „Tri“ bei 18 Teilnahmen einstecken müssen. Kein anderes Land verlor öfter. Gerne aber erklärt sich das Land zum ultimativen WM-Favoriten.
Die forsche Ansage des Ausnahmetalents
Dieses Mal war es das neue Kronjuwel des mexikanischen Fußballs, Gilberto Mora. Der gerade mal 17 Jahre alte Mittelfeldspieler ließ krachend verlauten: „Wir sind Favoriten auf den Titel. Wir spielen zu Hause.“ Und am Ende steht dann doch vielleicht das Aus spätestens im Achtelfinale. Der Volksmund in Mexiko beschreibt das passend: „Gespielt wie noch nie, verloren wie immer.“
Mexiko hungert nach Erfolgen auf hohem Niveau. Das Land wurde Olympiasieger in London 2012, und ein Jahr zuvor holte der U17-Nachwuchs im eigenen Land den WM-Titel. Aber bei der mit einer EM vergleichbaren Copa América oder Weltmeisterschaften steht kaum Erwähnenswertes zu Buche. Stolz ist man hier auf die 13 Titel beim Gold Cup, der wenig kompetitiven Meisterschaft der Teams aus Nord- und Mittelamerika und der Karibik.
Dieses Mal soll bei der dritten Heim-WM alles anders werden, auch weil inzwischen ein bisschen Realismus in Mexiko eingezogen ist. Aber die Mannschaft von Trainerveteran Javier Aguirre kann ihr wahres Leistungsvermögen kaum einschätzen, da sie als Gastgeber keine Qualifikation spielen musste. Der 67-jährige Coach berief gleich 14 Auslandsprofis in den Kader und dazu das vielleicht größte mexikanische Talent aller Zeiten: Gilberto Mora vom Club Xolos aus Tijuana. Der offensive Mittelfeldspieler wird von Aguirre noch dosiert eingesetzt, hat jetzt acht Länderspiele und steht schon bei Real Madrid und Manchester City auf der Einkaufsliste. Tatsächlich gilt der jüngste Spieler und einzige Minderjährige des WM-Turniers als derjenige Spieler, der den Unterschied machen kann. Auf seinen jungen Schultern ruht die Hoffnung von 130 Millionen Mexikanerinnen und Mexikanern.
Dennoch überwiegt die Skepsis im Land: „Wenn Mexiko bei dieser WM weit käme, wäre das eine Art Science-Fiction-Roman“, findet Schriftsteller und Fußballfan Antonio Ortuño mit einem Augenzwinkern. Aber Weiterkommen ist in einer Gruppe mit Südafrika, Tschechien und Südkorea schon Pflicht.
Die unmittelbare Vorbereitung der Gastgeber auf das Eröffnungsspiel am Donnerstag ließ sich gut an. Aber nach dem fulminanten 5:1-Sieg gegen Serbien überraschte Nationaltrainer Aguirre mit der Aussage, dass er bestenfalls drei Spieler nennen könnte, die am Donnerstag zur WM-Eröffnung gegen Südafrika in der Startaufstellung stehen werden.
Der Kader scheint stärker als je zuvor
Unumstrittene Stars wie früher Rafael Márquez oder den legendären Hugo Sánchez hat Mexiko nicht mehr, aber der Kader ist insgesamt stärker als diejenigen früherer Turniere. Die „Tri“ 2026 ist ausgeglichener, hat weniger Gefälle im Leistungsvermögen. Mexiko baut dabei stark auf Fußballer, die im Ausland geboren und dann eingebürgert wurden. Allen voran Santiago Giménez, der wertvollste Spieler im mexikanischen Kader und Stürmer bei AC Mailand. Er wurde in Argentinien geboren und kam mit seinem Vater, einem Profifußballer, nach Mexiko. Der Mittelfeldakteur Obed Vargas kam im US-Bundesstaat Alaska zur Welt, Álvaro Fidalgo (Betis Sevilla) ist eingebürgerter Spanier, und der Torschützenkönig der Saudi Pro League, Julián Quiñones, stammt aus Kolumbien.
Die internationalisierte Nationalmannschaft ist Folge schlechter Nachwuchsförderung und der ungewöhnlichen Struktur des mexikanischen Profifußballs, die junge Talente daran hindert, aufzusteigen. Von den U17-Weltmeistern von 2011 schaffte es keiner annähernd in den Dunstkreis der A-Nationalmannschaft.
Die Struktur als Teil des Problems
Da ist zum einen das leidige Thema Korruption, das auch den Lieblingssport der Mexikaner trifft. Viele Hochbegabte werden in den Vereinen nur dann gefördert, wenn ihr Aufstieg auch mit regelmäßigen Zahlungen an Clubs oder Trainer begleitet wird. Das Hauptproblem der Nachwuchsförderung liegt aber in der Struktur des Fußballs, der dem US-Sport und nicht europäischen Vorbildern gleicht. Fast alle mexikanischen Erstligateams gehören Großunternehmen oder Milliardären und sollen vor allem Rendite abwerfen. Und da bleibt eben oft kein Platz für den behutsamen Aufbau junger Talente. Und da viel Geld im Fußball vorhanden ist, kaufen die Manager im Ausland alles ein, was günstig zu haben und gut ausgebildet ist. Pro Spieltag sind noch immer neun Ausländer im 18-er-Kader erlaubt.
Und so bevölkern die mexikanische Liga Argentinier, Brasilianer, Kolumbianer, Ecuadorianer, Uruguayer, Chilenen und Paraguayer, die den Sprung nach Europa noch nicht geschafft haben oder nicht schaffen werden. Andere lassen ihre Karriere in Mexiko ausklingen und nehmen dabei noch mal ein paar Dollars mit. Keine Liga in Lateinamerika zahlt annähernd so gut wie die mexikanische.