Handball
Liga-Neustart auf wackeligen Beinen
„Die Wahrheit“, sagt Frank Bohmann, „kommt im Oktober.“ Der Geschäftsführer der HBL weiß, dass das am Mittwoch vorgestellte Konzept auf wackeligen Beinen steht und davon abhängt, ob die Liga Anfang Oktober tatsächlich wie vorgesehen mit Zuschauern ihren Betrieb aufnehmen kann. Um beste Argumente liefern zu können, befindet sich der Handball mit den Profiligen im Basketball und Eishockey im Austausch.
Aktuell erarbeitet die HBL ein Hygienekonzept, um die Wettbewerbe in der Ersten und Zweiten Liga durchführen zu können und – was ebenso wichtig ist – Zuschauer in den Hallen zuzulassen. Im Vergleich zum Fußball spielen die Zuschauereinnahmen für die Klubs eine deutlich größere Rolle im Gesamtbudget. Eine komplette Spielzeit ohne Zuschauereinnahmen und mit den erwartbaren Rückgängen beim Sponsoring dürften nur die wenigsten Vereine wirtschaftlich überstehen. Mit einer Auslastung von etwa 50 Prozent der Hallenkapazität planen die HBL-Verantwortlichen derzeit. Selbst mit Erlösen aus Ticketverkäufen stehen die Klubs vor einer immensen Herausforderung.
Sorge vor der „nackten Angst“
Grundlage der Planungen ist die derzeitige Entwicklung in der Corona-Krise. Eine neuerliche Verbreitung des Erregers könnte alle Hoffnungen der Klubs und des Verbandes schnell zunichtemachen. „Wenn wir bis in den Januar ohne Zuschauer spielen müssen, hätten wir bei den Vereinen die nackte Angst“, sagt Bob Hanning, Manager der Berliner Füchse – die nackte Angst vor dem Exitus. „Das wäre ganz schwer zu verkraften“, schiebt Hanning nach. „Das halten wir nicht lange aus“, ergänzt Bohmann. Ohne Zuschauereinnahmen und damit in Zusammenhang stehenden Sponsoringerlösen wäre der Handball nicht überlebensfähig.
Hilfe könnten die Vereine von staatlichen Stellen erhalten. In Berlin und anderen Bundesländern finden Gespräche statt, inwiefern die öffentliche Hand Profiklubs wirtschaftlich stützen kann. Zudem gibt es Überlegungen, dass der Bund einen Solidarfonds einrichtet, um den professionellen Sport neben dem Fußball zu unterstützen. Im Verlauf der kommenden Monate, vor allem im Fall einer zweiten Pandemiewelle, könnte diese Option große Relevanz erhalten. „Der Austausch mit den politischen Stellen ist derzeit ein Haupttätigkeitsfeld“, sagt Bohmann.
„Die anstrengendste Saison meiner Karriere“
Auf die Spieler wartet – ganz unabhängig von den äußeren Umständen – eine besondere Herausforderung. „Die kommende Saison wird mit Abstand die anstrengendste in meiner Karriere werden“, ahnt Hendrik Pekeler vom THW Kiel. Da neben der Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten im Juli 2021 das olympische Handball-Turnier in Tokio geplant ist, drohen Nationalspielern wie Pekeler zwei Jahre hintereinander ohne Pause. Nach den Olympischen Spielen schließt sich laut Rahmenterminplan direkt die Bundesliga-Spielzeit 2021/22 an. „Man wird eine gute Belastungssteuerung benötigen“, erklärt Pekeler: „Wie das komplett umgesetzt werden kann, da bin ich auch überfragt.“
Um die Einnahmeausfälle zu kompensieren, werden die Spieler, die bereits in der im April abgebrochenen Spielzeit 2019/20 auf Teile ihres Gehalts verzichtet haben, erneut Lohneinbußen akzeptieren. „Wir werden verzichten müssen“, berichtet Pekeler. Nicht nur beim deutschen Meister in Kiel befinden sich Klubs und Spieler in Gesprächen, auch bei fast allen anderen Vereinen werden Absprachen getroffen. „Uns wurde eine Zahl genannt, aber unterschrieben wurde noch nichts“, sagt Pekeler. Denkbar ist eine Lösung, wonach die Akteure auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten und im Nachgang Bonuszahlungen erhalten, sollte sich die Einnahmesituation verbessern.
Eulen-Trainer freut die Perspektive
Ben Matschke, der Trainer der Eulen Ludwigshafen, ist froh, dass die Vereine und die Sportler eine Perspektive erhalten haben. Mit einem Start im Oktober haben die Spieler bereits ein halbes Jahr ohne Wettkampf. Keine einfache Situation. „Wir versuchen für uns einen Vorteil daraus zu machen“, sagt der 37-Jährige. Die Eulen trainieren als eine der wenigen Bundesliga-Mannschaften seit sechs Wochen. Für den Trainer ist das eine Verletzungsprophylaxe und „Vor-Vorbereitung“ zugleich. Matschke ist froh, dass alle mitziehen. Nun wird er seinen Jungs eine kleine Pause geben, bevor es dann in die richtige Vorbereitung geht – auf eine „herausfordernde Saison mit 38 Spielen“, wie es der Trainer sagt: „Von der Belastung her war das vermutlich noch nie dagewesen.“