Sport
Leichtathletik: Marathon-Olympiasieger Cierpinski wird 70
„Liebe junge Väter vielleicht oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar. Waldemar ist da!“ kommentierte HFO, der heute 92-Jährige, am 1. August vor 40 Jahren den Zieleinlauf Cierpinskis – im blauen DDR-Hemd und beide Arme hochreißend.
Viele Jahre später erzählte Cierpinski bei einer Tasse Kaffee im RHEINPFALZ-Gespräch in Landau, wie wenig er damals diese Worte mochte, und wie viel mehr ihm Oertels Kommentierung beim Olympiasieg 1976 in Montreal gefiel: „Wir springen mit ihm auf. Und wenn man steht, ist die Verbeugung tiefer.“ Gleichwie, Oertel hatte Cierpinski berühmt gemacht.
Mehr als sechs Mal um die ganze Welt
Wenn der nur 1,70 Meter große Sportsmann mal angefixt ist, dann plaudert er drauf los, dann sprudelt es aus ihm heraus. Ein Energiebündel noch immer – der Mann, der sechs Mal um die ganze Welt lief. Über 250.000 Kilometer oder umgerechnet mehr als 6000 Marathonläufe. „So viele Kilometer hätte kein Trabbi geschafft“, sagte Cierpinski augenzwinkernd. Als Zehnjähriger hatte das älteste von sieben Kindern, geboren in Nienburg, Abebe Bikila bei dessen Barfußlauf zum Olympiasieg in Rom bewundert. Übers Boxen, Turnen und Angeln kam die Sportskanone zum Hindernislauf und wurde Spartakiadesieger.
Seine Frau Maritta Politz, bei den Spielen 1972 in München über 800 Meter im Vorlauf ausgeschieden, motivierte ihn zum Weitermachen, als ihn die DDR-Funktionäre schon aussortiert hatten. Schon nicht mehr im Kader, war er in der Olympiaausscheidung 1975 schnellster DDR-Mann gewesen. Die Siege damals gegen Afrikaner oder den Sieger von 1972, Frank Shorter – eine Sensation. „Die Afrikaner trainieren zweimal am Tag. Wenn ich dreimal am Tag trainiere, bin ich sie los“, dachte er sich. Ein Trainingsquartier war zum Beispiel das Mietshaus, in dem er wohnte. Er sprintete immer wieder in den fünften Stock ...
Boykott 1984 verhinderte dritten Olympiasieg
„Aus Montreal kehrte ich leer nach Hause zurück, hatte symbolisch die Schuhe an den Nagel gehängt. Ich dachte nicht, dass ich weitermache“, erzählte Cierpinski, aber die Waschkörbe voller Fanpost stimmten ihn um. Er siegte auch in Moskau, der Waldemar. Seinen Traum vom dritten Olympiasieg 1984 in Los Angeles machte der Gegen-Olympiaboykott des Ostblocks zunichte. Seine Bestzeit: 2:09:55 Minuten! Das ist Platz sechs der ewigen deutschen Bestenliste.
Vor der Coronavirus-Pandemie kickte er noch regelmäßig mit seiner AH und versammelte eine Schar von Läuferinnen und Läufern um seinen sonntäglichen Lauftreff. In Quedlinburg und in Halle hatte er bald nach der Wende zwei Sportläden eröffnet, Sohn Falk, einer von drei Söhnen und ebenfalls ein erfolgreicher Marathoni und Triathlet gewesen, ist Geschäftsführer geworden. Die Zeiten waren schon besser, aber die Cierpinskis hatten schon immer einen langen Atem ...