Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Landauer Stabhochspringer Oleg Zernikel schaut bei Flugshow nur zu

Haderte mit sich: Oleg Zernikel.
Haderte mit sich: Oleg Zernikel.

6,25 Meter springt Armand Duplantis im Finale der Stabhochspringer – Weltrekord. Der Landauer Oleg Zernikel kann bei diesen Höhen nicht mithalten. Er wird Neunter und stellt die Sinnfrage.

Als sich Armand Duplantis um 22.19 Uhr zum dritten Mal in den Pariser Nachthimmel katapultiert, um mal wieder den Weltrekord im Stabhochsprung zu knacken, flippt die Menge restlos aus. Oleg Zernikel indes ist in diesem Moment ganz still. „Mondo, Mondo, Mondo“, skandieren die Menschen auf den Rängen den Spitznamen des schwedischen Flugakrobaten. Der Landauer steht im Rund des Stade de France, stemmt die Hände in die Hüfte und schaut einfach nur zu. Er staunt – und hadert. 6,25 Meter liegen auf, 55 Zentimeter mehr als er geschafft hat. Das sind Welten.

„Da denkst du dir, was mache ich denn eigentlich falsch? Was muss ich noch machen?“, sagt der 29-Jährige zur RHEINPFALZ, „welchen Knopf soll ich noch mehr drücken, damit ich das auch schaffen kann. Ich verstehe das nicht.“ Es klingt durchaus nach der Sinnfrage, die Zernikel da stellt. „Man trainiert jeden Tag, man arbeitet so hart für seinen Traum“, sagt er. „Man kommt hier hin und die Leute springen dann natürlich nur sechs Meter und 6,20 Meter.“

Gefeierter Superstar: Armand Duplantis.
Gefeierter Superstar: Armand Duplantis.

Mithalten kann der Südpfälzer in diesen Sphären nicht. Die Anfangshöhe von 5,50 Metern meistert er im ersten Versuch, auch über 5,70 Meter kommt er auf Anhieb. „Es war laut da draußen, sehr laut“, sagt Zernikel. Gestört habe es ihn nicht, und es ist noch kein Vergleich zur Lautstärke, die eine Stunde später herrschen wird, als Duplantis sich anschickt, zum ersten Mal die 6,25 Meter zu überwinden. Zum neunten Mal will er den Weltrekord verbessern.

Am 8. Februar 2020 ist es dem 24-Jährigen zum ersten Mal gelungen, damals lag die Bestmarke bei 6,17 Metern. Seither geht es Zentimeter für Zentimeter für oben, zuletzt im April dieses Jahres. „Der hat den Stab 10.000 Stunden mehr als ich in der Hand, der ist jünger als ich“, sagt Zernikel, „der ist schneller als ich. Der ist mental stärker als ich. Da muss man nicht lange drüber reden und diskutieren.“ Dass er Gold gewinnen würde, scheint keine Frage zu sein. Nur drei Sprünge braucht er, um Sam Kendricks aus den USA (5,95 Meter) und Emmanouil Karalis aus Griechenland (5,90 Meter) auf die anderen Podestplätze zu verweisen. Sein vierter Sprung bedeutet schon olympischer Rekord: 6,10 Meter. Doch der Weltrekord muss warten, vorerst.

Bescheidene Ziele

Zernikel wäre derweil schon mit 5,80 Meter zufrieden – oder zumindest zufriedener. Doch er reißt er einmal, beim zweiten Versuch fällt die Latte erneut. „Ich muss das erst einmal verdauen, weil es sind gemischte Gefühle“, sagt Zernikel. „Ich weiß einfach nicht so ganz genau, was da vorgefallen ist, was passiert ist.“ Er geht ins Risiko, lässt den dritten Versuch aus und die Latte auf 5,85 Meter legen. „Die 80 bringen in dem Fall ja nichts, mit 85 wäre ich Fünfter gewesen“, sagt er – wohlwissend, dass er bei der EM im Juni nur 5,82 Meter geschafft hatte, um Bronze zu gewinnen. Einmal kann er sich nun an der Höhe versuchen, doch es reicht nicht. Zernikel klatscht Richtung Publikum, bedankt sich für die Unterstützung. Er wird Neunter des olympischen Finals. Dass er bei seinem letzten Versuch wegen eines Vorlaufs im Sprint warten musste, ist für ihn keine Entschuldigung. „Das passiert oft“, sagt er. Dann eher das: Zernikel springt lieber bei Rückenwind, im Stade de France herrschte leichter Gegenwind.

Beim zweiten Versuch über die 6,25 Meter fordert ein anderer Stabhochspringer das Publikum auf, ruhiger zu sein. Nur, damit Duplantis es wieder anstacheln kann. Er will selbst den Rhythmus des Klatschens bestimmen, der Schwede zieht seine Show durch. Während Zernikel zuvor an der Seite des Stadions war, bei Trainern, Freunden, Familie, ist er nun zurück auf seinem Platz. Der Wettkampfdress ist der Jogginghose gewichen. Duplantis läuft an, berührt die Latte aber erneut zu stark. Als zweimaliger Weltmeister, dreimaliger Europameister und Olympiasieger von Tokio ist er nach Paris gekommen – zudem hatte er 83 Wettkämpfe mit einer übersprungenen Höhe von mindestens sechs Metern aufzuweisen. Was fehlt, ist ein Weltrekord bei den Olympischen Spielen. Davon habe er schon immer geträumt, wird er später sagen.

„Ein bisschen surreal“

Trotz seines frühen Ausscheidens verlässt Zernikel die Arena nicht. Er beobachtet die anderen, mal steht er, mal sitzt er. „Das hat sich natürlich nicht gut angefühlt“, sagt er, „zu sehen, wie die anderen dann 95 plus springen und dann auf sechs Meter gehen. Das ist ein bisschen surreal.“ Ob er den Weg zu Olympia in Los Angeles 2028 auf sich nimmt, ist noch offen.

Sechs Minuten hat Armand Duplantis für seinen dritten Versuch über die 6,25 Meter. Vier Minuten und 40 Sekunden vor Ende des Countdowns nimmt er den Stab in die Hand, eine Minute später läuft er an. Das Stadion scheint die Luft anzuhalten – um einen Orkan zu entfachen. Weltrekord. Die übrigen Athleten huldigen dem Höhenflieger, auch Zernikel klatscht. „Er verdient es, er springt gut und super“, sagt er. Und doch dürfte sich die Stabhochsprung-Welt fürchten: Duplantis hat die Latte nicht einmal berührt.

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