Fußball
Julian Nagelsmann zwei Jahre Bundestrainer: Seiner Zeit voraus
Eigentlich ist es doch so: Julian Nagelsmann war oft seiner Zeit voraus. Als er im Februar 2016 Huub Stevens bei der TSG 1899 Hoffenheim als Trainer ablöste, war er gerade 28 Jahre alt. Wie jung. Als er beim großen FC Bayern München auf Hansi Flick folgte, war er auch erst 33 Jahre alt. Und als er Bundestrainer Hansi Flick beerbte und damit eine am Ende sehr unerquickliche Zeit beendete, war er für einen Auswahltrainer erst im zarten Alter von 36 Jahren.
Mutige Ansage
Seiner Zeit voraus war er auch, als nach der EM-Niederlage im Viertelfinale gegen Spanien der Satz fiel: „Tut weh, dass man jetzt zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird.“ Dieser Satz wurde ihm mächtig um die Ohren gehauen. Wie könne man nur. Seine Absicht war klar: Trotz des unglücklichen Ausscheidens deutete er das absolute Vertrauen in seine Mannschaft an. Dieses Team hat es drauf. Später relativierte er die Aussage mit der Erklärung, er könne doch nicht mit dem Ziel in die WM gehen, in der Vorrunde ausscheiden zu wollen. Aber da war es schon zu spät.
Julian Nagelsmanns Zeit als Fußball-Bundestrainer ist ein stetes Auf und Ab. Mit einem 3:1 in Hartford gegen die USA und einem 2:2 gegen Mexiko in Philadelphia startete er im Oktober 2023 verheißungsvoll. Er holte Weltmeister Mats Hummels nach über zwei Jahren Nationalmannschaftspause zurück, um ihn dann nicht für die Heim-Europameisterschaft zu nominieren. Aber schon gleich wurde es kompliziert. Im November 2023 gab es zwei pikanten Niederlagen – mit 2:3 gegen die Türkei und mit 0:2 gegen Österreich. Der Boulevard wünschte sich Rudi Völler als Teammanager zurück.
Ein Stimmungsumschwung
Nagelsmann zog seine Schlüsse und holte den hoch dekorierten Toni Kroos ins Team zurück. Damit nahm er auch Druck von sich. Die Heim-EM wird heute so gedeutet, dass das Aus gegen Spanien sehr ärgerlich war, es aber immerhin zu einem Stimmungsumschwung kam. Die deutschen Fans hatten ihre Nationalmannschaft wieder lieb, was an einem Sieg wie dem 5:1 zum EM-Start in München gegen Schottland lag.
Julian Nagelsmann aber blieb in der Achterbahn sitzen. Zur Halbzeit des Nations-League-Spiels in Dortmund führte die deutsche Mannschaft 3:0 gegen Italien, sie bot begeisternden Fußball, der WM-Titel 2026, warum denn nicht? Dann wechselte Nagelsmann zu oft, und am Ende stand es 3:3. Dass bei der Endrunde der Nations League die Partien gegen die Großgewichte Portugal und Frankreich verloren gingen, war ein weiterer Dämpfer.
Ein großer Fürsprecher
Nagelsmann hat einen prominenten Fürsprecher. Immer wieder stützt ihn Rudi Völler. „Wir lieben Julian genauso, wie er ist. Obwohl er noch jung ist, hat er eine Riesen-Trainervita“, sagt der DFB-Sportdirektor. Wie ist Julian Nagelsmann? Er ist forsch, direkt, angriffslustig, er lässt sich nichts gefallen.
Und wie sehr sie ihn schätzen in Frankfurt, verrät auch die Tatsache, dass der bis zur WM 2026 befristete Vertrag Nagelsmanns im Januar bis zur Europameister 2028 (ohne Not) verlängert wurde. Das hat nicht jeder verstanden. Tenor: Der Weg ist noch nicht zu Ende. Aber die Frage ist doch: Ist Nagelsmann mit seinem Team auf dem Weg zurück in die Weltspitze? Die Frage kann jetzt gerade nicht beantwortet werden, weil in dieser Länderspielsaison viele wichtige Spieler noch nicht mitmachen konnten – wie Jamal Musiala oder Kai Havertz oder Torhüter Marc-André ter Stegen. Nathaniel Brown war am Freitag in Sinsheim bereits der 20. Debütant in der Ära Nagelsmann.
Die Auswahl für den deutschen Kader wirkte zuletzt etwas konfus, erst mit dieser Länderspielsequenz könnte sich annähernd eine Stammformation herausbilden. Beratungsresistent ist der 38-Jährige nicht, so installierte er für das Spiel gegen Luxemburg Joshua Kimmich wieder als rechten Außenverteidiger.
In Belfast geht es am Montag weiter. Nordirland hat noch ein Hühnchen zu rupfen mit dem Coach. Nagelsmann sagte nach dem 3:1 in Köln: „Diese Art von Fußball ist nicht besonders schön anzusehen.“ Das Kleingedruckte nahmen die Nordiren nicht mehr so richtig wahr, nämlich die Aussage, das Team sei „effektiv und nicht so einfach zu verteidigen.“