Handball RHEINPFALZ Plus Artikel Jo Deckarm wird 70: Der große Kämpfer

Kurz nach dem Unfall beim Europapokalspiel 1979 im ungarischen Tatabánya: Joachim Deckarm liegt bewusstlos mit Kopfverletzung au
Kurz nach dem Unfall beim Europapokalspiel 1979 im ungarischen Tatabánya: Joachim Deckarm liegt bewusstlos mit Kopfverletzung auf dem Boden.

Jo Deckarm war bereits in jungen Jahren Weltklasse und Weltmeister. Doch ein Sportunfall beendete seine Karriere, machte ihn zum Invaliden. Er musste sich ins Leben zurückkämpfen. Am 19. Januar wird er 70.

30. März 1979, Tatabánya in Ungarn, 17.23 Uhr: Die 23. Spielminute im Halbfinale des Europapokal-Rückspiels zwischen dem VfL Gummersbach und Banayasz Tatabánya teilte das Leben von Joachim „Jo“ Deckarm in zwei Hälften. In das des Weltklasse-Handballers, der mit den Gummersbachern etliche Titel gewann, der 1978 mit Deutschland sensationell die hochfavorisierten Russen schlug und Weltmeister wurde. Und in das des Sportinvaliden, der sich nach dem schweren Sportunfall an diesem Tag mühsam ins Leben zurückkämpfte.

Dabei hatte das Rückspiel eigentlich so etwas wie ein Spaziergang werden sollen. Der VfL hatte das Hinspiel hoch mit 18:10 gewonnen, zum Spiel in Ungarn waren auch viele Familienmitglieder mitgereist. In besagter Minute aber fing Deckarms Freund und Teamkollege Heiner Brand einen Gegenstoßpass des ungarischen Torwarts ab, spielte ihn sofort wieder nach vorne zu „Jo“. Der schaute in Richtung Ball, fing ihn auch, prallte aber im Umdrehen direkt mit dem Kopf des Ungarn Lajos Pánovics zusammen. Der 25-jährige Deckarm knallte, bereits bewusstlos, unkontrolliert mit der linken Seite seines Kopfes auf den harten Hallenboden. Der Zementuntergrund war nur mit einer dünnen PVC-Schicht überzogen.

Schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten

Es war ein Zusammenstoß, wie er im Handball häufig geschieht, ohne ein Foul. Deckarm war allerdings nicht ansprechbar. In der Halle gab es keinen Arzt oder Sanitäter, geschweige denn eine Trage. Spieler und Betreuer des VfL brachten Deckarm schließlich in die Kabine. Über holprige Landstraßen wurde der verletzte Spieler in die Neurochirurgie ins 60 Kilometer entfernte Budapest gebracht, das Gummersbacher Team musste derweil die Partie zu Ende spielen.

„Jo“ Deckarm hatte sich bei dem Sportunfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Hirnquetschungen und geplatzten Gefäßen zugezogen. Heiner Brand erzählte später mal, dass die VfL-Mannschaft nach dem Spiel fassungslos in der Kabine saß. Zwischenzeitlich sei sogar die Meldung gekommen, dass „Jo“ gestorben sei. Da kämpften alle mit den Tränen, auch wenn sich das nicht bewahrheitete. Rund einen Monat nach dem Unfall wurde Deckarm in die Universitätsklinik Köln und Anfang Juli 1979 dann ins Universitätskrankenhaus Homburg verlegt. 131 Tage lang, über vier Monate, lag er insgesamt im Koma.

Ein ganz spezielles Rehaprogramm

Durch die Schädigung seines Hirns war Deckarm motorisch stark beeinträchtigt, „Jo“ war auf einen Rollstuhl angewiesen, auch das Sprechen musste er wieder neu lernen. Im Herbst 1982 galt er als austherapiert und als Pflegefall. Sein früherer Handballtrainer Werner Hürter aus Saarbrücken konnte und wollte das damals so nicht hinnehmen. Hürter arbeitete sich in die Thematik mit Hirnverletzungen ein, dachte sich ein eigenes, unkonventionelles Therapiekonzept aus und setzte es nach und nach mit Deckarm um. Das neue Motto von „Jo“ lautete: „Ich kann, ich will, ich muss!“

Wer zu dieser Zeit tagsüber an die Saarbrücker Sportschule kam, konnte Hürter, später auch Reinhard Peters und Albert Hippchen, oft beim Schwimmen, Kraft- oder Koordinationstraining antreffen. In kleinen Schritten und mit viel Lebensmut kämpfte sich Deckarm zurück, lernte wieder gehen, Schach zu spielen und sich auch im Alltag wieder zurecht zu finden.

Sein damaliger Gegenspieler ist längst ein Freund

Auch im Sport war die Hilfsbereitschaft riesig. Die Deutsche Sporthilfe gründete den Joachim-Deckarm-Fonds und sammelte damit Spenden, die „Jo“ medizinische Betreuung in Zukunft sichern sollten. Die 78er-WM-Mannschaft spielte in späteren Jahren immer wieder zugunsten des Fonds und für ihren Freund. „Am Anfang hatte ich damit sicher große Probleme. Damals war es schrecklich, ich musste oft mit den Tränen kämpfen, wenn ich ,Jo’ wieder gesehen habe. Inzwischen ist es ein Stück Normalität geworden“, sagt Heiner Brand heute dazu.

Im Jahr 2014 fuhr „Jo“, zusammen mit Brand und dem Journalisten Thomas Braml, noch mal nach Ungarn. „Meine Reise nach Tatabánya“ lautete der Titel des Films zu diesem Trip in die Vergangenheit. Sein damaliger Gegenspieler Lajos Pánovics war da, ist längst ein Freund geworden. Er ist auch beim Deckarm-Festival am 25. Januar 2024 wieder dabei.

Sein früherer Handballtrainer Werner Hürter (links) wollte die Diagnose „Austherapiert“ nicht akzeptieren und betreute ihn ganz
Sein früherer Handballtrainer Werner Hürter (links) wollte die Diagnose »Austherapiert« nicht akzeptieren und betreute ihn ganz speziell: Deckarm im Jahr 1993 beim Reha-Training in Saarbrücken.
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