Schwimmen
Im Wasser ist die Welt für Milena und Miroslava wieder in Ordnung
Milena (14) und ihrer Schwester Miroslava (12) waren in ihrer ukrainischen Heimat in Charkiw das, was man glücklich und zufrieden nennt. Die beiden begeisterten Schwimmerinnen sprangen schon vor der Schule zum Training ins Wasser. Der Unterricht folgte, es gab Kraftsport, und nachmittags waren sie erneut im Wasser. Auf Meisterschaften schwammen sie in ihren Jahrgängen weit vorne mit. Das war ihre Welt – und sie war gut.
Bis Putin die Welt grausam auf den Kopf stellte.
Mit gedrückter Stimme erzählen sie vom Alarm, den Bomben, die aufs Haus gefallen sind, von Verletzten und davon, dass sich die Familie auf den Weg zu Oma und Opa weiter ins Innere der Ukraine macht. Aber auch dort fallen die Bomben. Ohne den zurückbleibenden Vater und den Onkel fliehen sie mit Mutter, Tante, Cousin und Cousinen in zwei Autos nach Polen. „Freunde haben uns nach Kaiserslautern gebracht“, schildern sie, wie sie in die Westpfalz gekommen sind und seitdem in der Sammelunterkunft in der Burgherrenhalle in Kaiserslautern-Hohenecken leben. Mehr als Joggen und Radfahren bleibt den beiden Schwimmerinnen erst mal nicht. Keine Privatsphäre, kein Schulbesuch und auch kein Schwimmtraining mehr.
Russischstämmiger Busfahrer hilft
Dann ein kleiner Lichtblick, entzündet von einem russischstämmigen Busfahrer. Die Schwestern zeigen als Mitfahrberechtigung ihren ukrainischen Pass. Der Mann sieht das Leid in ihren traurig leeren Augen, spricht sie auf Russisch an, hört ihre Geschichte und sorgt umgehend für den Kontakt zum KSK und damit für ein erstes kleines Lächeln bei den Schwestern.
Dreimal in der Woche trainieren sie seitdem in Kaiserslautern im Sport- und Freizeitbad Monte Mare gemeinsam mit der KSK-Wettkampfmannschaft. Geht alles gut, dann werden es nach den Ferien sechs Wassereinheiten sein.
Sprachbarriere kein Problem
„Mit Vormachen, Händen und Füßen und dem Übersetzungsprogramm kriegen wir das hin.“ Die Sprachbarriere ist für Bianca-Mara Stief, KSK-Trainerin, überhaupt kein Thema. Milena und Miroslava sprechen weder Deutsch noch Englisch, aber es funktioniert. Eine große Hilfe sind drei Mädels aus Russland, die schon länger im KSK-Team sind und mit Freude auf Russisch dolmetschen. Gerade haben sie die Ferien-Trainingspläne übersetzt.
„Wir sind mit dem KSK im Ferien-Trainingslager in Frankreich“, bedauert die Trainerin, dass sie die Schwestern aus Platzmangel nicht nachmelden konnte. Ohne Training wollte sie Milena und Miroslava, die bislang sichtbar nur im Wasser ein Stück Normalität erleben, nicht zurücklassen. „Es ist so schön zu sehen, wie die beiden mit dem Wasser das Lächeln wieder finden.“ Sagt Stief und sorgt dafür, dass die Mädels, während der KSK nicht da ist, nun alleine morgens im Sportbad Monte Mare trainieren dürfen. „Wir sind der Geschäftsleitung wirklich sehr dankbar“, sagt die Trainerin, das sei nicht selbstverständlich.
Kontakt zum Papa nur über Handynachrichten
Nicht die einzigen Gespräche, die Stief und der Verein in jüngster Zeit geführt haben. Die Lizenzen, um an Wettbewerben zu starten, sind auf den Weg gebracht. Und wenn dann noch der Deutsche Schwimmverband die Ausnahmeerlaubnis erteilt, werden die ukrainischen Schwestern im Mai mit dem KSK-Team im Zug nach Berlin zur deutschen Jahrgangsmeisterschaften sitzen und wohl für ihr Land, für die Ukraine, starten. Ein Gedanke, der Milena und ihre jüngere Schwester nach vorne blicken lässt, etwas was sie bereits dem Papa in der Ukraine mitgeteilt haben. „Es geht ihm gut“, sagen sie traurig. Mehr als ein Nachrichtenaustausch übers Handy ist mit dem Papa derzeit nicht möglich.