Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Handball hat eine enorme integrative Kraft“

Keine Berührungsängste: Eine Rollstuhlfahrerin beim symbolischen Anwurf mit Andy Schmid, damals bei Bundesligist Rhein-Neckar Lö
Keine Berührungsängste: Eine Rollstuhlfahrerin beim symbolischen Anwurf mit Andy Schmid, damals bei Bundesligist Rhein-Neckar Löwen – Impression vom Tag der Vilefalt der Handball-Bundesliga 2022.

Zu den Pionieren in zwei inklusiven Sportarten will der Pfälzer Handball-Verband zählen. Über Rollstuhlhandball und die Teilnahme einer pfälzischen Mannschaft an der bundesweiten Glücksliga soll am Samstag ab 10 Uhr in der Pfalzhalle Haßloch informiert werden. Arno Schade sprach darüber mit der Verbandspräsident Ulf Meyhöfer.

Herr Meyhöfer, mit dem Inklusionstag tritt der Pfälzer Handball-Verband in Haßloch erstmals mit einer großen inklusiven Veranstaltung an die Öffentlichkeit. Seit wann ist Ihr Verband mit diesem Thema beschäftigt und was hat den Anstoß gegeben?
Der PfHV ist bereits seit vielen Jahren sehr engagiert, allen Menschen – unabhängig von ihren körperlichen oder geistigen Voraussetzungen – die Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, die sie benötigen, um mit uns allen gemeinsam Handball zu spielen. Der PfHV hat die Themen Inklusion und Integration 2021 bereits in seine Satzung aufgenommen, und seither engagieren sich hier zwei Referenten im erweiterten Präsidium. Wir sind stolz, dass Alexander Zimpelmann, der erfolgreiche Nationaltrainer der Deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft im Handball, uns nicht nur für das Thema Inklusion mit seiner Expertise begleitet.

Wie lief die Vorbereitung des ersten Inklusionstages, gab es Anregungen aus anderen Sportbereichen?
Inklusion kann nur als gemeinschaftliches Ziel erreicht werden. Deshalb ist es uns als Verband wichtig, dass im Zusammenspiel mit allen unseren Vereinen das Ziel der Inklusion verfolgt wird. Daher haben wir als Verband uns zunächst erfolgreiche Projekte anderer Verbände und Vereine angesehen. Wir haben viel von den Erfahrungen des BASF-Tennisclubs im Austausch mit Manfred Birner gelernt. Der BASF TC ist ein Vorreiter, wenn es darum geht, Menschen mit Beeinträchtigungen zu integrieren. Weiterhin haben uns der LSB, Special Olympics und zahlreiche Inklusionslotsen in der Region beraten.

Mit der Anerkennung der als Austragungsort von Trainingslagern der Nationalmannschaft bereits bewährten Pfalzhalle Haßloch als Bundesleistungszentrum im Gehörlosenhandball hat der Verband ja bereits ein inklusives Leuchtturmprojekt vorzuweisen.
Wir sehen das als Auszeichnung für die bereits seit Jahren enge Verbundenheit mit den „Deafboys“. Diese besondere Verbindung wurde rund um das Benefizspiel der „Deafboys“ gegen die Pfälzer Auslese in der Pfalzhalle im Mai deutlich. Die gesamte Pfälzer Handballfamilie war schnell versammelt, und jeder wollte einen Beitrag leisten, damit die Jungs dann bestens vorbereitet zur WM nach Kopenhagen reisen konnten.

Der pfälzische Verbandschef Ulf Meyhöfer.
Der pfälzische Verbandschef Ulf Meyhöfer.

2026 ist Frankenthal Austragungsort der Gehörlosen-WM. Inwieweit wird der Handball-Verband dabei in der Organisation beteiligt sein?
Wir pflegen schon lange eine enge Zusammenarbeit mit dem Gehörlosensportclub (GSC) Frankenthal um deren Vorsitzenden Daniel Haffke. Wir waren so bereits sehr früh in die Idee und die erste Planung zur WM 2026 eingebunden – für uns im PfHV ein Highlight im sogenannten Jahrzehnt des Handballs in Deutschland.

Mit dem Rollstuhlhandball wird beim Inklusionstag eine in Deutschland noch verhältnismäßig neue Sportart vorgestellt, die bislang noch im Schatten des weitaus bekannten Rollstuhlbasketballs steht. Wie sieht das Angebot am Samstag konkret aus?
Die Fachbereichsleiterin Rollstuhlhandball im DRS, Meike Lüder-Zinke, hat uns hier angesprochen. Aus den Vorgesprächen habe ich einiges über diese Sportart erfahren dürfen. Rollstuhlhandball verkörpert eine moderne Spielart des Handballs unter der Verwendung eines zusätzlichen Sportgeräts, dem Sportrollstuhl. Nicht ohne Grund wird diese moderne Innovation in Europa und weltweit bereits seit Jahren erfolgreich im Wettkampfbetrieb praktiziert und hat sich zur neuen Trendsportart entwickelt. Durch den Sportrollstuhl, den leichten Ball in einer für alle passenden Größe, das ebenerdige Tor und die zwei Torpositionen erfüllt Rollstuhlhandball den inklusiven Ansatz eines Sports mit gesellschaftlicher Funktion in allen Punkten. 2024/25 soll es erstmals deutsche Meisterschaften geben.

Seit 1991 im Programm der Special Olympics World Games vertreten ist der Handball für Menschen mit geistiger Behinderung bei Männern und Frauen. Wie beim Rollstuhlhandball besteht dabei durch Unified-Mannschaften eine ideale Voraussetzung zu gemeinsamen sportlichen Aktivitäten. Wie wollen Sie diese fördern, und welche Rolle können dabei die Vereine spielen?
Zwei Teams, die an den Special Olympics World Games in Berlin erfolgreich teilgenommen haben, sind unsere Gäste am Samstag: die „Wiesel“ aus Wiesloch und die „Turnados“ aus Karlsruhe-Durlach. Beide Teams werden mit der C- und B-Jugend der HSG Dudenhofen-Schifferstadt ab 15 Uhr gemeinsam Handball spielen, um unseren Vereinsvertretern und Trainern ein wenig dieser Begeisterung, die man bei den World Games in Berlin als Teilnehmer oder Zuschauer erfahren durfte, zu vermitteln. Die engagierte HSG Dudenhofen-Schifferstadt ist im PfHV schon sehr lange dem Thema Inklusion zugewandt. Mich begeistert die Herangehensweise dort, denn Handball hat auch eine enorme integrative Kraft, denn er verbindet Menschen miteinander, führt zu gegenseitigem Respekt und kann somit Barrieren in der Öffentlichkeit abbauen. Das lebt man in Dudenhofen-Schifferstadt seit Jahren erfolgreich vor. Nun wollen wir weitere Vereine im PfHV mitnehmen und ein Team an den Start bringen, damit auch wir in den bereits bestehenden Handball-Spielbetrieb in der Metropolregion Rhein-Neckar einsteigen können.

Im Hinweis auf die Veranstaltung in Haßloch am Samstag wird die Gründung des ersten inklusiven Handball-Teams in der Pfalz angekündigt, das in der nach skandinavischem Vorbild 2021 in Deutschland eingeführten Glücksliga für entwicklungsbehinderte Kinder und Jugendliche antreten soll. Welche Angebote gibt es dazu in Haßloch?
Die Gründung eines Glücksteams innerhalb einer bestehenden Klubstruktur ist eine großartige Möglichkeit zur Förderung der Inklusion. Zu Beginn sollten sich vier bis fünf Freiwillige finden, die bei der Ausbildung helfen. Es ist wichtig, die Idee einem breiten Kreis vorzustellen, da dies zusätzliche Zeit in der Halle bedeutet. Eine Stunde pro Woche ist ein guter Ansatzpunkt. Die Glücksliga setzt auf Sport, Bewegung und soziale Kontakte, um Kinder zu Helden, Torjägern und Teamplayern zu machen. In einer Handballmannschaft sind alle Spieler wichtig!

Stichwort: Die Glücksliga

In Skandinavien ist die „Glücksliga“ schon ein Begriff, nun verbreitet sie sich auch nach Deutschland. Handball in einer „ganz anderen Liga“, das war die Idee der ehemaligen dänischen Nationalspielerin Rikke Nielsen für die „Lykke Liga“ (Glücksliga). 2009 wurde sie Mutter von Magda mit Down-Syndrom. Im August 2017 gründete Rikke Aalborgs ein erstes Handballteam für gehandicapte Kinder. Der Leistungsgedanke steht dabei hintenan. Zielstellung ist es, positive Erfahrungen in der Gemeinschaft für Kinder und Familien zu verschaffen.
2021 nahm Maria Ravn Jargensen die Idee auf, transportierte sie nach Deutschland und startete die erste Trainingsgruppe bei Handball Bad Salzuflen. Aktuell gibt es Angebote in 17 deutschen Vereinen, deren Mitglieder sich am 14. Oktober in Bad Salzuflen zum zweiten Glücksliga-Cup treffen werden. Als Paten der Glücksliga unterstützen Bennet Wiegert (Cheftrainer SC Magdeburg), Lukas Mertens (SC Magdeburg) und Lukas Zerbe (TBV Lemgo) das Projekt.

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