Sport RHEINPFALZ Plus Artikel Hamburch, keine Perle

Der Himmel blau, die Aussicht trist: Auch in der kommenden Saison erlebt das Volksparkstadion keinen Bundesliga-Fußball.
Der Himmel blau, die Aussicht trist: Auch in der kommenden Saison erlebt das Volksparkstadion keinen Bundesliga-Fußball.

Die zweitgrößte Stadt Deutschlands nennt sich selbstbewusst das „Tor zur Welt“. Was den Profi-Mannschaftssport angeht, bringt die Hansestadt aber seit Jahren nichts mehr auf die Reihe. Fast nichts. Ein Erklärungsversuch.

Udo Bandow hadert. „Es ist eigentlich ein Jammer“, sagt er. „Hamburg lechzt nach erstklassigen Vereinen in der Stadt. Aber es gibt sie kaum.“ Der 88-Jährige ist der Grandsigneur des Hamburger Sports. Als Vorstandssprecher der Vereins- und Westbank war er wesentlich beteiligt an der Finanzierung des Volksparkstadions vor 20 Jahren, er war elf Jahre Aufsichtsratsvorsitzender des HSV. Kaum einer kennt die sportlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge in der Hansestadt so gut wie er. Der HSV und der FC St. Pauli – nur zweitklassig im Fußball. Der HSV Hamburg – nur zweitklassig im Handball. Die Eishockey Crocodiles – gar nur drittklassig. Einzig die Basketballer der Hamburg Towers sind in einer der großen Mannschaftssportarten erstklassig, wenn man einmal von den Teams aus Harvestehude oder Uhlenhorst absieht, die in den doch weniger beachteten Hockey-Oberhäusern zu Hause sind. Die Towers hatten wegen Corona indes Glück. Durch den Saisonabbruch in der BBL gab es keine Absteiger, der letzte Tabellenplatz blieb ohne Folgen.

Warum misslingt es einer der stärksten Wirtschaftsmetropolen der Republik, dem selbst ernannte „Tor zur Welt“, sportliche Aushängeschilder hervorzubringen? Warum hat Berlin zwei Fußball-Bundesligisten und ist im Eishockey, Basketball und Handball erfolgreich, Hamburg aber nicht? Udo Bandow holt tief Luft: „Es müsste eigentlich gehen, und doch sind die Gründe viel komplexer.“ Bandows Herzensangelegenheit ist der HSV. „Wir haben hier heute die schlechteste Situation seit der Vereinsgründung 1887“, sagt Bandow unumwunden. Die ruhmreichen „Rothosen“ haben gerade zum zweiten Mal in Folge die Rückkehr in die Bundesliga verpasst. In den letzten zehn Jahren hat der Klub, der inzwischen eine AG wurde, einen gewaltigen Abwärtstrend hingelegt, vom Europapokal-Halbfinalisten in die Zweitliga-Tristesse. „Die personelle Besetzung war nicht mehr erstklassig“, sagt Bandow. „Was die Abwärtsentwicklung angeht, muss man sagen: menschliches Versagen.“

Viele Fehlentscheidungen auf Führungsebene haben nach Bandows Ansicht für den Absturz gesorgt. Dazu kamen ständige personelle Wechsel. Sein Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden etwa, den er von 1996 bis 2007 innehatte, wechselte nach Bandows Ausscheiden allein elf Mal den Besitzer. „Dafür muss man dem HSV allein die Schuld geben, das ist keine Basis für einen kontinuierlichen Aufbau.“

Der einzige große Partner, den der HSV zuletzt an Bord ziehen konnte, war Milliardär Klaus-Michael Kühne. Dem Unternehmer gehören mittlerweile gut 20 Prozent der HSV AG, die er für mehr als 60 Millionen Euro erworben hat. Das Geld ist versickert in schlecht investierten Ablösesummen, horrenden Abfindungszahlungen an geschasste Trainer, Manager und Vorstandsvorsitzende. Nun hat auch Kühne die Nase voll. Zuletzt hat er sein Sponsoring der Namensrechte am Volksparkstadion zurückgezogen.

Am Tropf des Mäzens

Eine ganz andere, keineswegs aber nachhaltigere Struktur hatte der HSV im Handball. Organisatorisch hatte dieser HSV nichts mit den Fußballern zu tun. Doch auch die Handballer hingen am Tropf eines Mäzens, des Medizin-Unternehmers Andreas Rudolph. „Es war zu sehr auf eine Person aufgebaut“, erklärt Udo Bandow. „Und man hat zu sehr auf schnelle Erfolge gesetzt und die teuersten Handballspieler aus Europa geholt.“ Gemeint sind die deutschen Stars Pascal Hens oder Jogi Bitter, die französischen Gilles-Brüder und weitere Top-Leute aus Kroatien, Südkorea, Dänemark. Die Erfolge kamen: Europacup der Pokalsieger 2007, Meister 2011, Champions League 2013. Handballstadt Hamburg, so schien es.

Das Dumme an der Geschichte: Investor Rudolph hatte in einem Jahrzehnt nach eigenen Angaben mehr als 50 Millionen Euro in das Projekt gesteckt und konnte nicht mehr. Andere Geldgeber blieben aus, Ende 2015 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. „Die Zuschauerresonanz beim Handball war lange hervorragend“, blickt Udo Bandow zurück. „Vielleicht hätten die Handballer noch ein paar Jahre durchhalten müssen, bis sich ein sportlicher Unterbau und ein tragbares wirtschaftliches Konzept gebildet hätten.“ Doch diese Zeit war nicht da – heute versucht ein neuer HSV Handball über die Zweite Liga mit bescheidenen Mitteln nach oben zu kommen. Einmal im Jahr erlebt Hamburg Spitzenhandball – wenn das Final Four um den deutschen Pokal ausgetragen wird. Ein Event, auf das der handballverrückte Teil des Landes hinfiebert.

Kein Rückhalt für eine Rettungsaktion

In der großen Mehrzweckhalle im Hamburger Volkspark, direkt neben dem HSV-Stadion, war – neben dem HSV Handball – jahrelang ein zweiter Zuschauermagnet zu Hause: die Hamburg Freezers. 2002 hievte das US-Unternehmen „Anschutz-Entertainment-Group“ die „Gefrierschränke“ aus der Taufe. Das Team erhielt die DEL-Lizenz der München Barons und sorgte für einen Eishockey-Boom in der Schlittschuh-Diaspora Hamburg. Titel gab es nicht, doch 8000 bis 10.000 Fans kamen regelmäßig. Bis eines Tages, für die Öffentlichkeit unerwartet, das Ende nahte. 54 Millionen Euro Bilanzverlust – das hatte die Anschutz-Gruppe in all den Jahren erwirtschaftet. Von heute auf morgen hatte sich auch erstklassiges Eishockey erledigt. Udo Bandow zieht eine Parallele zu den Handballern: „Eishockey hätte ein Bestandteil der Stadt werden können, aber der Rückhalt für eine Rettungsaktion war noch nicht da. Und die Stadt Hamburg trifft da eh wenig Schuld.“

Der Hamburgische Senat hat sich nie in die Belange der strauchelnden Hamburger Profivereine eingemischt. Im Rathaus fährt man ganz bewusst eine andere Strategie, um sich trotz der Probleme im Handball, Fußball und Eishockey als Sportstadt zu vermarkten. 10,1 Millionen Euro stellt die Stadt allein in diesem Jahr für den Breitensport zur Verfügung. Sportanlagen werden saniert, große Sportereignisse gefördert. Corona-bedingt fällt 2020 zwar fast alles aus, doch Hamburg unterstützt mit großen Summen den traditionellen Marathon, den Weltcup-Triathlon, den Ironman, das Cyclassics-Radrennen, das Beachvolleyball- und Tennis-Turnier am Rothenbaum. „Hamburg Active City“ – das ist das Motto der Stadt.

Der Profisport muss sich selbst helfen

Imagewerbung ist notwendig. 2015 war das Olympia-Referendum in der Hansestadt knapp gescheitert. Auch dies ist ein Indiz, wie schwer es Spitzensport an der Elbe hat. Sport-Staatsrat Christoph Holstein macht sich auch Gedanken um die Profi-Vereine. „Es ist nicht so, dass die Hamburger Wirtschaft diese Vereine grenzenlos auffängt“, hat Holstein beobachtet.

Seine Erfahrung ist, dass ein sport-interessierter Sponsor lieber in nachhaltige Jugendprojekte investiert, als den großen Sport-Unternehmen aus der Klemme zu helfen. Hier sieht Holstein die Verantwortung – ähnlich wie Bandow – bei HSV, Freezers und Co. selbst: „Die einfachste Erklärung für deren wirtschaftliche Nöte ist, dass mit dem sportlichen Erfolg die Management-Strukturen nicht mitgewachsen sind.“ Der Profisport muss sich schon selbst helfen, und dass es funktionieren kann, zeigen die Basketballer der Hamburg Towers.

„Was dort auf die Beine gestellt wird, ist ein positives Beispiel“, lobt Bandow. Südlich der Elbe, im struktur-schwachen Bezirk Wilhelmsburg, ist in den vergangenen Jahren die Basketball-Hochburg in der Hansestadt entstanden. Die Towers verstehen sich einerseits als Profi-Basketball-Verein und betreiben andererseits Sozialhilfe vor Ort. Zahlreiche Jugendteams spielen für die Towers, Spieler haben aus dem eigenen Nachwuchs den Sprung in die erste Mannschaft geschafft.

Was kitschig klingt, erlangt Respekt

Vater des Erfolges ist Ex-Nationalspieler Marvin Willoughby. Der 42 Jahre alte Sportliche Leiter und Geschäftsführer ist Mädchen für alles. In seinen aktiven Jahren spielte er bei der DJK Würzburg mit Dirk Nowitzki. Willoughby ist gebürtiger Wilhelmsburger und hat über sein Engagement für die Towers einmal gesagt: „Ich habe die Welt gesehen durch Basketball, ich habe eine Menge Selbstbewusstsein bekommen durch Basketball, ich habe sogar Geld verdient mit Basketball und meine Persönlichkeit aufgebaut – ein großer Teil, der dazu beigetragen hat, war, dass mich diese Sportart durch die Welt gebracht hat.“ Klingt kitschig, aber Willoughbys Arbeit an der Basis ist erfolgreich. 2015 erhielt er dafür sogar den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Nach zwei Aufstiegen der Ersten Mannschaft waren die Towers 2019 in der BBL angekommen. Sie sind eines der kleinen Teams der Liga, auch wenn die Halle mit 3500 Zuschauern regelmäßig ausverkauft ist. Geht alles gut, wird in den nächsten Jahren eine doppelt so große Halle gebaut, um den Aufwärtstrend voranzutreiben. Die Hamburg Towers sind die Ausnahme in der Sportstadt Hamburg, in der Profivereine auf der Suche nach dem schnellen Erfolg ansonsten in schöner Regelmäßigkeit scheitern.

Selbst Legenden verstummen

In der vergangenen Woche hat eine bekannte Hamburger Persönlichkeit eine provokante These aufgeworfen. Der FC St. Pauli könne grundsätzlich die Nummer eins in Fußball-Hamburg werden – vor dem HSV. „St. Pauli ist ein wirtschaftlich solider Verein“, begründet Corny Littmann, Schauspieler und früherer Präsident des Millerntor-Vereins. Für viele Hamburger wäre das ein Paradigmen-Wechsel – galt doch der HSV stets als sportliches Aushängeschild der Stadt.

Aber es hat sich eben viel geändert. Nicht mal Lotto King Karl darf vor den HSV-Spielen mehr schmettern. „Hamburch, meine Perle“, das war einmal. Von 2005 bis 2019 sang der Barde im Stadion seine Hymne live – der HSV wollte ihn nicht mehr, um ein Zeichen Richtung Zukunft zu setzen. Was den Profi-Mannschaftssport betrifft, müsste der Refrain nun eh anders beginnen: „Hamburch, keine Perle ...“

Wer seine Hausaufgaben nicht macht, wird bestraft. Und die großen Hamburger Profisport-Organisationen haben reichlich geschludert.

Hoffnungsträger: Marvin Willoughby leistet bei den Towers-Basketballern wertvolle Arbeit, auch als Sozialhelfer vor Ort.
Hoffnungsträger: Marvin Willoughby leistet bei den Towers-Basketballern wertvolle Arbeit, auch als Sozialhelfer vor Ort.
Legende: Lotto King Karl und sein Song gehörten zum HSV wie die Landungsbrücken zur Stadt. 2019 wollte der Verein ihn nicht mehr
Legende: Lotto King Karl und sein Song gehörten zum HSV wie die Landungsbrücken zur Stadt. 2019 wollte der Verein ihn nicht mehr.
Erinnerung: Martin Schwalb wurde mit dem HSV Handball 2011 deutscher Meister. Der Verein wollte zu schnell zu viel. Bis die Inso
Erinnerung: Martin Schwalb wurde mit dem HSV Handball 2011 deutscher Meister. Der Verein wollte zu schnell zu viel. Bis die Insolvenz kam.
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