Meinung
Gute Ultras, böse Ultras: Warum sich Pauschalisierungen verbieten
Alles in einen Topf, umrühren und – fertig. Oft lebt die Pauschalisierung. Auch bei der Bewertung einzelner Gruppen. Ultras zum Beispiel. Das Vorurteil, bei den auffallendsten Fanbündnissen des Fußballs handle es sich stets um Zusammenschlüsse nur Unsinn und Krawall im Sinn tragender Testosteronbolzen, wird stets aufs Neue zwar be-, oft genug aber auch widerlegt. Am vorigen Wochenende etwa durch „Frenetic Youth“, die rund um das Heimspiel des 1. FC Kaiserslautern gegen Holstein Kiel Spenden für die Kaiserslauterer Tafel sammelte. Da die Hilfe nicht von oben komme, müsse sie die Bedürftigen eben von nebenan erreichen, hieß es sinngemäß in dem Flyer der Ultra-Gruppe. Soziales Engagement ist in jener Jugendkultur seit ehedem Bestandteil ihres Tuns.
Bedauerlicherweise gehört zugleich dazu, die eigene Mannschaft vor die Kurve zu zitieren und verbal zu malträtieren, wenn die gezeigte Leistung den Anführern nicht genügt. Widerfahren ist dies nun den Spielern des 1. FC Magdeburg nach dem 1:1 gegen den Karlsruher SC, infolgedessen der Aufsteiger auf dem letzten Tabellenplatz hängen blieb. Dass in der Nachspielzeit der Ausgleichstreffer gelang, besänftigte die Fanschaft nicht.
Der Magdeburger Tabubruch
Als die Elf von Trainer Christian Titz vor die Kurve geschlichen war, faltete der Capo der Ultras, der Vorredner, sie zusammen, nannte die Leistung eine „riesengroße Frechheit“ und ergänzte mit heiserer Stimme: „Ich weiß nicht, ob ihr es schon mitbekommen habt. Wir stecken mitten im Abstiegskampf. Da erwarten wir hier ein bisschen mehr. Da erwarten wir Kampf von der ersten bis zur letzten Minute – und keinen Alibifußball.“ Titz sammelte seine Spieler inmitten der Ansprache ein (was er später dementierte) und geleitete sie Richtung Kabine. Das „Nein, ihr bleibt hier“ des Mannes mit dem Megafon verhallte ungehört. Die Fans machte das erst richtig sauer. Tenor: „Das hat hier noch keine Mannschaft gewagt.“ Die Stimme des Capos überschlug sich schier.
Titz wurmte vor allem der Vorwurf, seine Schützlinge hätten die Arbeit verweigert und sich hängen lassen. Enttäuschung sei menschlich, Unmut verständlich. Allerdings müsse man auseinandergehen können, ohne sich bepöbeln zu lassen. „Das muss man klarstellen.“ Dass er den Fans den „Scheibenwischer“ zeigte, machte die Sache allerdings nicht besser. Die Unterstützung während des Spiels lobte Titz als „fantastisch“.
Der wackelnde Weinzierl
Was dürfen Anhänger, was nicht? Wo verläuft die Grenze dessen, was Profis nach negativen Darbietungen aus der Kurve ertragen müssen? Ultragruppen, die ihre Klubs mit Haut und Haaren unterstützen, haben auf der Heimfahrt befindliche Teams schon auf Raststätten zitiert, das Ablegen von Trikots oder Kapitänsbinden gefordert. Wohin soll das in eh prekären Lagen führen außer zu größerem Druck und größerer Verunsicherung?
Auch die Nürnberger Fanszene hat sich in Bezug auf die eigene Elf schon einiges erlaubt. Nach dem 0:1 im Erzrivalenderby bei der SpVgg Greuther Fürth wurde nichts dergleichen bekannt. Im Fokus steht eher Trainer Markus Weinzierl, der den „Club“ seit seinem Amtsantritt Anfang Oktober keinen Deut besser gemacht hat. Die Franken spielen unansehnlichen, mutlosen Defensivfußball. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Spieler sich vor tobenden Supportern rechtfertigen müssen.
Die Becher-Rotation
Apropos Raserei: In Rostock floss das Bier beim Spiel gegen den Hamburger SV erstmals in Mehrwegbecher mit abgeschrägtem Boden. Vorteil: Wird das Gefäß Richtung Rasen geschleudert, beginnt es aufgrund der Masseverschiebung zu rotieren, entleert sich im Flug und ist beim Aufprall weniger gefährlich. Am besten aber: gar nicht erst werfen. Und sei der Frust noch so gewaltig.
