Kommentar
Gleiches Recht für Schach
Noch während in Paris die Olympischen Spiele auf vollen Touren laufen, stehen die nächsten bereits in den Startlöchern. Nun gut: Sie heißen nicht Olympische Spiele, sondern Olympiade – was formal gesehen falsch ist, weil Olympiade den Zeitraum zwischen olympischen Veranstaltungen bezeichnet, nicht die Veranstaltung an sich –, aber Schachspieler sind ja ohnedies ein wenig eigen. Seien wir also nicht zu penibel, wenn die Schachspieler ihr Gipfeltreffen Olympiade nennen.
Genug Tradition
Denn Tradition hat die Schacholympiade allemal. Bereits seit 1926 wird diese Weltmeisterschaft der Nationalmannschaften ausgetragen, seit 1957 inklusive eines Wettbewerbs für die Frauen. Die 45. Auflage steht ab dem 10. September in Budapest an. Und um die Statistik ein wenig zu ergänzen: Achtmal fand die Schacholympiade in Deutschland statt. Ein einziges Mal – 1939 – stand die deutsche Mannschaft ganz oben, dazu ein zweiter Platz im Jahr 2000 und eine Bronzemedaille 1964. Das sind die sehr überschaubaren Erfolge der deutschen Mannschaft, die auch in diesem Jahr vermutlich wieder vorne, aber eben nicht ganz vorne mitspielen wird. Nicht um Gold. Ja, es gibt tatsächlich Edelmetall bei der Olympiade. Für die besten Teams, für die erfolgreichsten Spieler. Alles wie bei den „richtigen“ Olympischen Spielen.
Es nimmt daher nicht wunder, dass der Weltschachverband mehrfach den Versuch unternommen hat, mit seiner Olympiade bei den Olympischen Spielen integriert zu werden. Zuletzt war der Anlauf für Paris gescheitert. Die Schachspieler müssen wieder alleine spielen, das große Scheinwerferlicht bleibt ihnen verwehrt. Obwohl ihre olympische Tradition fast 100 Jahre zurückreicht. Obwohl beispielsweise der Schachbund Mitglied des Deutschen Olympischen Sportbunds ist. Obwohl Schach weltweit überall betrieben wird.
Geistiger Wettstreit
Sicher: Schach zeichnet sich nicht unbedingt durch erhöhte körperliche Aktivität aus, wenngleich kein Weltklassespieler die stundenlangen Partien ohne umfassendes tägliches Fitnesstraining bewältigen kann. Dafür würde Schach dem völkerverbindenden Sportereignis, das längst nicht mehr nur auf Laufen, Rennen, Springen beschränkt ist, eine ganz andere Komponente zusteuern: die des geistigen Wettstreits.
Das Internationale Olympische Komitee hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte viele seiner einstigen Grundsätze (zu Recht) über Bord geworfen. Inzwischen dürfen Profis teilnehmen, und über Sportarten wie Skateboard, Breaking oder Flag Football als olympische Wettbewerbe hätte man vor wenigen Jahren noch müde gelächelt. Es wird Zeit, dass das IOC auch seine Haltung zu Schach überdenkt.