Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Erling Haaland: Ein Stürmer wie vom anderen Stern

Mensch oder Maschine?Er trifft und trifft und trifft: Erling Braut Haaland. Damit zerfetzt er alle Zweifel daran, dass er es in
Mensch oder Maschine?Er trifft und trifft und trifft: Erling Braut Haaland. Damit zerfetzt er alle Zweifel daran, dass er es in der besten Liga der Welt schwer haben würde. Und die Gegner fragen sich: Ist das noch ein Mensch?

Der Norweger von Manchester City pulverisiert in der englischen Premier League sämtliche Rekorde. Dass er schon 20 Tore nach 13 Spielen auf dem Konto hat, liegt auch an Papa Alfies selbst gemachter Lasagne.

Ein kurzer Ausflug in die Vergangenheit, zu einem Spiel, das sich anfühlt, als würde es Jahre zurückliegen, vielleicht sogar Jahrzehnte. Der FC Liverpool besiegte Manchester City 3:1 und sendete damit das Signal in die englische Fußballwelt, dass mit Jürgen Klopps Mannschaft zu rechnen ist im Kampf um die Meisterschaft. Beim Gegner stand Erling Haaland im Blickpunkt, der eine traurige Leistung zeigte, nur 16 Ballkontakte hatte und zwei Großchancen vergab. Dieser Haaland, da war sich Englands Presse sicher, würde Zeit brauchen, um sich einzufügen in das System von Pep Guardiola, das keinen klassischen Mittelstürmer wie ihn vorsieht, er würde Probleme haben mit dem Niveau der Premier League. England, so das Urteil der örtlichen Betrachter, sei eben nicht die Bundesliga.

Dieses Spiel fand Ende Juli statt, es war die Partie um den englischen Supercup, und dass es sich anfühlt, als wäre es Ewigkeiten her, liegt daran, wie sich die Protagonisten seitdem entwickelt haben. So ziemlich alles ist anders: Liverpool erlebt in der Liga den schlechtesten Saisonstart seit zehn Jahren und hat nach menschlichem Ermessen schon Mitte Oktober keine Chance mehr auf die Meisterschaft. Für das Premier-League-Duell mit Manchester City an diesem Sonntag muss es eine Demontage fürchten. Das liegt auch an Haaland, der die Zweifel an seiner Tauglichkeit für den englischen Fußball nicht nur ausgeräumt hat. Er hat diese Zweifel zerfetzt, in Stücke geschossen, zu Staub verarbeitet. Bisher gültige Wahrheiten hat er ins Reich der Mythen verbannt. Mittelstürmer traditioneller Prägung haben bei Guardiola keinen Platz? Neuankömmlinge in der Premier League tun sich schwer? Na ja.

Rekorde, Rekorde, Rekorde

Wer Haaland, 22, bei Borussia Dortmund erlebt hat, wusste natürlich um seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, doch wie er in England eingeschlagen hat nach seinem Wechsel für 60 Millionen Euro, verblüfft sogar Kenner. Nach 13 Pflichtspielen für Manchester City steht er bei 20 Toren. In der Premier League hat er bei neun Auftritten schon 15 Mal getroffen. Rechnet man das hoch auf die ganze Saison, wird er am Ende der Spielzeit bei 63 Treffern stehen. Das würde alle bisher gekannten Fabelleistungen im europäischen Fußball in den Schatten stellen: die 50 Ligatore von Lionel Messi für Guardiolas FC Barcelona in der Saison 2011/2012, die 48 Treffer, die Cristiano Ronaldo 2014/2015 für Real Madrid erzielte, die 41 Treffer von Robert Lewandowski 2020/21 für Bayern München und die 32 Tore von Mohamed Salah aus Liverpool von 2017/2018. Sie sind Rekord in der Premier League in einer Saison mit 38 Spielen. Haalands Torquote hat etwas Übernatürliches, Roboterhaftes. David Squires, der exzellente Cartoon-Zeichner des „Guardian“, stellt den Norweger deshalb nicht als Mensch aus Fleisch und Knochen dar, sondern als Riesen aus Stahl, der das Stadion des aktuellen Tabellenführers FC Arsenal in der Hand zerquetscht.

Schlaf mit Spezialbrille

Haaland ist selten schwer verletzt. Das liegt auch daran, dass er von seiner Gesundheit besessen ist und versucht nach dem Vorbild von Ronaldo, selbst kleinste Details zu optimieren. Angeblich filtert er sein Leitungswasser und versucht mit einer Spezialbrille, seinen Schlaf zu verbessern. Auf seinem Speiseplan stehen nach eigenen Angaben Herz und Leben von Kühen. Haaland überlässt nichts dem Zufall. Im Training arbeitet er angeblich besonders hart an seinem schwächeren rechten Fuß.

Arsenals Tabellenführung ist nur eine Momentaufnahme. Guardiolas Mannschaft wirkt dank Haaland unbesiegbar. Beobachter glauben, dass der Klub durch den neuen Stürmer einen Wettbewerbsvorteil hat. Ein Fan von Manchester United hat im Internet eine Petition gestartet, die Haalands Verbannung vom Spielbetrieb fordert – „weil es einfach nicht fair ist“. City-Mittelfeldspieler Jack Grealish berichtete nach dem 5:0 in der Champions League gegen Kopenhagen (zwei Haaland-Tore) von einem Austausch mit dem gegnerischen Torwart Kamil Grabara. Dieser meinte, Haaland sei „kein Mensch“. „Ich habe nur gesagt: ich weiß“, so Grealish.

Familie Haaland nimmt Revanche

Was gegen diese These spricht: Haaland wird nicht mit Kerosin oder Diesel betrieben, sondern zieht seine Kraft auch aus der Lasagne, die sein Vater Alfie vor jedem Heimspiel zubereitet, wie kürzlich zu lesen war. Haaland Senior trug ebenfalls einst das Trikot von Manchester City, Anfang der 2000er war das. Seinen Platz in der englischen Fußball-Folklore verdankt er der betrüblichen Tatsache, dass ihn Manchester Uniteds Kapitän Roy Keane im April 2001 mit voller Absicht so schwer foulte, dass Haaland Senior danach nie wieder richtig spielen konnte. Zwei Jahre später beendete er seine Karriere.

Gerade nahm die Familie Haaland Revanche. Manchester City besiegte United 6:3. Erling schoss drei Tore, Alfie applaudierte auf der Ehrentribüne. Vater und Sohn verbinden Vergangenheit und Gegenwart von Manchester City. Alfie spielte einst für einen grauen Mittelklasseklub, der seine Heimspiele im Problemstadtteil Moss Side austrug. Das Manchester City, dessen Gehalt Erling kassiert, ist dank des Sponsorings von Scheich Mansour aus Abu Dhabi einer der reichsten Vereine der Welt mit einem Kader voller Stars.

Das Problem der Premier League

Für die Premier League ist es ein Problem, dass die ohnehin schon beste Mannschaft noch einmal besser geworden ist durch Haalands Ankunft. Eigentlich preist sich die Liga dafür, dass zwei, drei, vier Mannschaften Meister werden können, und nicht nur eine wie in der Bundesliga (Bayern) oder in Frankreich (PSG). Doch dieses Alleinstellungsmerkmal ist schon länger nur noch eine Illusion. In den vergangenen fünf Saisons ging der Titel vier Mal an ManCity. Nur 2020 konnte der FC Liverpool die himmelblaue Herrlichkeit stören. Der Klub von Jürgen Klopp spielt seit Jahren an der Grenze seiner Möglichkeiten und macht City auf beeindruckende Weise Konkurrenz – mit deutlich weniger Geld.

Liverpools Absturz zeigt aber, dass es nur für eine gewisse Zeit möglich ist, mit Guardiolas Klub mitzuhalten. Für die Kräfteverhältnisse in England wäre es gesünder gewesen, wenn Haaland nach Liverpool, zu Arsenal oder zum FC Everton gewechselt wäre. Aber das war natürlich utopisch. Der beste Stürmer seiner Generation wollte zu jenem Klub, der ihm die besten Chancen auf Titel bietet, und bei dem er die besten Mitspieler um sich herum hat.

Ohne seine Kollegen ist auch Haaland nichts

Mit diesen Kollegen kommt der Ex-Dortmunder bestens klar. Haaland hat sich optimal in Pep Guardiolas System eingefunden. Es kursiert der Mythos, dass der Trainer für ihn seine Spielweise umgestellt hat, dass die Mannschaft neuerdings direkter spielt, mit mehr langen Bällen und Flanken. Doch das stimmt nicht, wie die „Times“ beobachtet: „Das Aufbauspiel ist weitgehend dasselbe geblieben. Der einzige Unterschied: Anstatt eine falsche Neun zu haben, die sich gelegentlich zurückfallen lässt, bleibt Haaland im Strafraum und verwertet seine Chancen gnadenlos.“

Anders formuliert: Kevin De Bruyne, Ilkay Gündogan, Phil Foden und Bernardo Silva machen den Gegner wie gewohnt mürbe mit ihrem perfekten Kurzpassspiel, nur haben sie jetzt einen Mittelstürmer, von dem sie immer wissen, wo er steht, und der praktisch jede Chance in Tore verwandelt. Ohne seine Kollegen ist allerdings auch Haaland nichts, das deutete Guardiola kürzlich an, als er den Norweger mit seinem einstigen Lieblingsschüler Lionel Messi verglich: „Der Unterschied ist, dass Erling seine Mitspieler braucht.“ Und so gibt es nun vor allem zwei Fragen: Schießt der Zugang aus Dortmund einfach weiter Tore? Und: Gewinnt Manchester City mit ihm endlich die Champions League? Der Silberpokal mit den Riesenhenkeln ist die Obsession der Vereinseigentümer und von Trainer Guardiola. Bislang scheiterte der Klub immer, wenn auch manchmal knapp – so 2021, als es bei der ersten Finalteilnahme eine 0:1-Niederlage gegen den FC Chelsea von Thomas Tuchel gab.

Guardiolas fragwürdige Personalentscheidungen

In der Theorie steht Manchester Citys Champions-League-Ambitionen mit Haaland nichts mehr im Wege. In der Praxis allerdings war der Klub von der Qualität auch in den vergangenen Jahren schon gut genug für einen Erfolg in der Königsklasse. Oft scheiterte er an sich selbst, beziehungsweise: an ziemlich fragwürdigen Personalentscheidungen von Guardiola.

Der „Guardian“ spottete gerade, dass der Trainer in dieser Saison im Endspiel der Champions League vermutlich Haaland auf die Bank setzt und stattdessen mit drei falschen Neunern antritt. Doch so experimentell dürfte nicht einmal Pep Guardiola sein. Auf Haaland zu verzichten, ist bislang nur bei unbedeutenden Terminen eine Option, zum Beispiel in dieser Woche, beim Rückspiel in Kopenhagen. Guardiola schonte den außergewöhnlichen Torjäger. Und was passierte? Die Partie endete torlos.

Auch eine von Haalands Stärken: Luftkämpfe.
Auch eine von Haalands Stärken: Luftkämpfe.
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