Handball RHEINPFALZ Plus Artikel Ein halbes Jahr Corona: Trotz Abstand noch mehr Zusammenhalt

„Wir vermissen Handball“ – eine Collage der HSG Mutterstadt/Ruchheimwährend der Corona-Krise.
»Wir vermissen Handball« – eine Collage der HSG Mutterstadt/Ruchheimwährend der Corona-Krise.

Eine fast halbjährige Handball-Pause. Eigentlich unvorstellbar. Jedenfalls für mich, Lina Krull, Spielerin der Damen 2 der HSG Mutterstadt/Ruchheim. Ständige Ungewissheit und viele Herausforderungen prägten die letzten Monate während der Corona-Krise. Privat, im Leben, längst nicht nur im Sport. Sie veränderten auch unsere Mannschaft. Und zwar im positiven Sinne. Eine Art Coronazeit-„Tagebuch“.

Als alles begann – oder aufhörte: Das Rückrundenspiel Anfang März in Kaiserslautern war fast so normal wie jedes andere Spiel auch. Unerwartet war es aber das letzte Spiel der Saison – und für die nächsten Monate. Erste Hiobsbotschaften trudelten eine Woche später in den Mannschaftschat ein. Die Ruchheimer Sporthalle dicht, die drei restlichen Spiele ohne Zuschauer. Für mich in Ordnung. Schließlich ist die Frauen-Verbandsliga leider ja auch nicht für ihre proppevollen Tribünen bekannt ...

Vier Stunden später dann aber die bittere Erkenntnis: So schnell wird das nichts mehr mit dem Handball. Der Pfälzer-Handball-Verband (PfHV) unterbrach den laufenden Spielbetrieb. Richtig: unterbrochen, nicht abgebrochen! Ein kleiner, aber feiner Unterschied, der mich hoffen ließ.

Workout mit Toilettenpapier-Rollen

Meine erste Frage: Wie soll Handball während der Corona-Krise funktionieren? Dem Fußball ist der Handballsport in diesen Zeiten klar unterlegen. Hallensport, engerer Körperkontakt und der Ball – Viren-Schleudern. Die für manche ungeliebten Solo-Laufeinheiten auf pfälzischen Feld- und Waldwegen ersetzten nun das Mannschaftstraining. Es galt sich fit zu halten für eine mögliche Fortsetzung der Runde. An Kreativität mangelte es dabei sicher nicht. Die letzten Toilettenpapierrollen wurden fix für ein Bauch-Beine-Po-Workout aus den Schränken gekramt. Je nach Fitness- und Koordinationslevel natürlich mit einer oder sogar mit mehreren Rollen. Sie sind ja auch so schwer! Es wurde gelaufen für den guten Zweck, für die Ludwigshafener Tafel und das Kinderhospiz Sterntaler. Über 1000 Kilometer steuerte die Mannschaft dazu bei. Ein Riesenerfolg! So sah es unsere Kreisläuferin Mandy Schedler: „Die Challenge hat das Gemeinschaftsgefühl hochgehalten. Obwohl man alleine gelaufen ist, hat man zusammen an einer Sache gearbeitet.“ Übrigens: Der Saisonabbruch war zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen.

„Wie meine zweite Familie“

Die Mannschaft fehlte allen – trotz der gemeinsamen Challenge. „Es ist wirklich wie meine zweite Familie. Man sieht sich normal dreimal die Woche und dann plötzlich gar nicht mehr. Ich dachte schnell, mir fehlt was“, erzählte Chrissi Wittmann.

Das große Teamrepertoire brachte aber Abhilfe: virtuelle Abschlussfahrt mit Schorle und Spaß, schweißtreibende Workouts und diverse Foto-Challenges. Der Spaß kam auf jeden Fall nicht zu kurz, als die Ersten mit Schneebesen auf die Laufstrecke gingen, Bäume umarmten oder „wilde Tiere“ (Spinnen ...) ablichteten.

„Muskelkater des Todes“

Nach wochenlanger Handball-Abstinenz war es Mitte Juni endlich soweit: Das erste gemeinsame Training stand auf dem Plan. Natürlich mit reichlich Abstand und im Freien. Lange vorher habe ich mich auf diesen Tag gefreut. Spielerin Cosma Ottenritter ging es genauso: „Eine Woche vorher habe ich mich schon aufs erste Training gefreut, jedem von meinen Freunden habe ich auch gesagt, ich habe jetzt wieder Training.“ Die Freude war groß, die Schmerzen danach waren umso größer. „Ich hatte Muskelkater des Todes“, beklagte sich Mandy Schedler. Klingt nach Hollywood, ist aber Pfalz.

Mit tollen Mannschafts-Events wie Brunchen, Hochzeit (der Trainerin), Weinwanderung oder Kabinenfest stärkten wir unseren Zusammenhalt. Das „Wir-Gefühl“ wuchs. Schedler ist sich sicher: „Es hat uns gut getan, dass wir uns lange nicht mehr gesehen haben. Wir haben uns einfach wieder extrem aufeinander gefreut. Man schätzt jetzt umso mehr wert, dass man sich hat.“

Nun steht die neue Saison vor der Tür. Zuversicht macht sich breit. Chrissi Wittmann: „Jetzt ist es erst wieder dieses Handball-Gefühl. Dieses ’Ich will’, ’Ich beiße’, ’Ich kämpfe und gebe alles’.“ Die Gedanken sind aber nicht nur positiv, wie Mandy Schedler bestätigt: „Wir haben ewig nicht mehr gespielt. Da habe ich schon Angst, dass das Zusammenspiel darunter leidet.“ Trainerin Annika Doell fürchtet: „Eine normale Saison wird das sicherlich nicht. Sobald erste Teams isoliert werden, würde sich der ganze Spielplan verschieben.“ Die Vorfreude, endlich wieder ein Ziel vor Augen zu haben und um Punkte zu kämpfen, steht für die meisten trotzdem an erster Stelle.

Als Mannschaft haben wir es geschafft, näher zusammenzurücken. Das geht auch mit der goldenen Corona-Grundregel: Distanz halten. Und darauf bin ich wirklich stolz!

Die Autorin

Lina Krull (19) war Praktikantin in der Sportredaktion der RHEINPFALZ. Die Hospitanz der jungen Handballerin musste im März wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochen werden, um die Anzahl der gleichzeitig in der Redaktion arbeitenden Personen überschaubar zu halten. Dass Lina im September ihre Zeit bei uns dann doch zu Ende bringen konnten, hat uns sehr gefreut.

Hochzeitsüberraschung für Trainerin und Braut Annika Doell (nicht auf dem Foto). Mit dabei: unsere Autorin Lina Krull (Dritte vo
Hochzeitsüberraschung für Trainerin und Braut Annika Doell (nicht auf dem Foto). Mit dabei: unsere Autorin Lina Krull (Dritte von rechts).
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