Fussball
Dreiseitiger Fußball: Zwischen Sport und Protest
Borussia Dortmund gegen Bayern München. Real Madrid gegen FC Barcelona. Kaiserslautern gegen Waldhof Mannheim.
Wir gegen die.
Nach diesem Prinzip funktioniert der Fußball – zumindest der, den man eben kennt: mit zwei Mannschaften, die gegeneinander auf zwei Tore spielen. Beim dreiseitigen Fußball ist das ein bisschen komplizierter. Da heißt es: Wir gegen die gegen die, oder aber: wir mit denen gegen die. Oder die und die gegen uns.
Wir, die und die treten beim dreiseitigen Fußball – abgekürzt 3SF – auf einem sechseckigen Feld mit drei Toren gegeneinander an. Die einzige fixe Regel: Es wird nicht gezählt, wie viele Tore eine Mannschaft schießt, sondern wie viele Gegentore sie zulässt. Wer die wenigsten Treffer kassiert, gewinnt das Spiel. Ein Schiedsrichter ist meist nicht dabei, bei Fouls gibt es schließlich immer eine unbeteiligte dritte Partei, die im Zweifelsfall entscheidet.
Gegner als Verbündete
Ursprünglich sollte 3SF aber gar keine Sportart sein. Der dänische Künstler und Philosoph Asger Jorn entwarf das Spiel Anfang der 1960er Jahre als Gedankenexperiment, um einen Gegenentwurf zum „Wir gegen die“ des Kalten Krieges aufzustellen. Was würde passieren, wenn es noch eine dritte Seite gäbe, die ebenso ins Geschehen eingreifen kann?
„Das Faszinierende beim dreiseitigen Fußball ist, dass Gegner gleichzeitig Verbündete sein können“, sagt Christopher Vogel vom Kasseler Freizeitsportverein Dynamo Windrad, der eine der wenigen 3SF-Mannschaften in Deutschland stellt. „Am Anfang sind die Leute immer extrem verwirrt, dass es manchmal geboten ist, einem Spieler in einem anderen Trikot den Ball zuzupassen.“
Das erste – oder erste bekannte – dreiseitige Fußballspiel, ausgetragen bei einer anarchistischen Veranstaltung Anfang der 90er Jahre in Glasgow, erlebte Erfinder Jorn nicht mehr. Für die Szene wurde 3SF daraufhin ein Mittel des Protests. Benjin Pollock, Soziologe an der englischen University of Brighton und amtierender 3SF-Weltmeister mit den New Cross Internationals, hat darüber seine Doktorarbeit geschrieben. „Es ist ein visuelles Mittel, das die Erwartungen der Menschen erschüttert“, erklärt er. „Es bietet immer einen Einstieg in eine Unterhaltung, sei es über Geschlechterrollen, Politik oder einfach nur: ,Warum spielt ihr hier Fußball und warum lacht ihr so viel?’“
Nachdem 3SF Teil einer Protestveranstaltung zu den Olympischen Spielen 2012 war, bauten Spieler im Londoner Stadtteil Deptford eine Liga auf. Zwei Jahre später fand im dänischen Silkeborg die erste Weltmeisterschaft statt. Zum 100. Geburtstag des 3SF-Erfinders Jorn traten in dessen Heimatstadt neun Mannschaften gegeneinander an, unter anderem aus Großbritannien, Deutschland, Polen und der „Zeitweise Unabhängigen Republik Deptford“.
Fußball als Kunstprojekt
Dynamo Windrad richtete 2017 während der „documenta“ in Kassel die zweite – und bislang letzte – 3SF-WM aus. Auch das ist eine Hommage an Jorn, der auf der Kunstausstellung in den 1950er und 60er Jahren mit seinen Werken vertreten war. Für Vogel ist 3SF nicht nur Sport, sondern auch Kunst: „Es versucht, Fußball und die Welt anders zu denken und nimmt sich selbst nicht so ernst.“
Was 3SF tatsächlich ist, ist die große Frage in Pollocks Dissertation. „Man könnte sagen, es geht über Sport hinaus. Es hat auch etwas von einem Spiel, von Kunst und von Politik“, sagt er. Nach der Weltmeisterschaft 2017 habe es eine Spaltung in der 3SF-Szene gegeben. Auf der einen Seite diejenigen, für die der sportliche Wettkampf dem Spiel überhaupt erst einen Sinn gibt. „Andere fühlen sich dadurch ausgeschlossen“, sagt Pollock. Für diese Gruppe hat das Spiel schon zu viel aus dem traditionellen Sport übernommen – mit Turnieren, abgesteckten Spielfeldern und festgelegten An- und Abpfiffzeiten. Sie wünschen sich weniger Rivalitäten zwischen den Teams und mehr experimentelle Spiele. Zum Beispiel in Kunstgalerien, bei Demonstrationen, in Wäldern oder an Flussmündungen.
In Italien und Litauen hat sich dafür eigens eine „Unsichtbare Liga“ etabliert, die solche Spiele veranstaltet. Die Londoner Liga hat ihre festen Mannschaften aufgelöst, um die Spiele inklusiver zu gestalten. „Wir haben gemerkt, dass einige Leute nicht mehr gekommen sind, weil es ihnen zu wettkampfgetrieben und hypermaskulin war“, sagt Pollock. Die dritte 3SF-WM soll nun nach längerern Pause in diesem Sommer in London stattfinden – trotz aller Streitigkeiten.