Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel DFB-Krise immer schlimmer: Hansi Flick und die Durchhalteparole

Hansi Flick gerät unter Druck.
Hansi Flick gerät unter Druck.

Deutschland verliert gegen Kolumbien, und der Bundestrainer räumt ein, dass die Experimente fehlgeschlagen sind. Ein Spieler schlägt Alarm.

Es gab diesen einen Moment, in dem Hansi Flick schmunzeln musste. Der 58-Jährige hatte Dienstagabend keinen Grund, froh gelaunt zu sein, schließlich ist er Trainer einer Mannschaft, die aktuell wenig Anlass zur Fröhlichkeit gibt. Flick ist Bundestrainer, und es ist schon eine Weile her, als er nach Spielen seiner Mannschaft gut gelaunt sein durfte. Es wirkt wie aus einer anderen Zeit, als Hansi Flick als Übungsleiter der Hochbegabten innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes Grund zum Optimismus hatte. Dabei ist das gerade einmal ein gutes Jahr her, als der Bundestrainer Flick mit acht Siegen hintereinander einen Startrekord im Amt hinlegte.

Malick Thiaw und Benjamin Henrichs wirken ratlos.
Malick Thiaw und Benjamin Henrichs wirken ratlos.

Von der Euphorie und dem Glauben an die eigene Stärke ist im Juni 2023 nicht viel übrig geblieben, weshalb das Schmunzeln unerwartet kam. Gerade hatte die deutsche Nationalmannschaft 0:2 gegen Kolumbien verloren und war nach vier Partien hintereinander ohne Sieg mit vielen Pfiffen in die Kabine begleitet worden, als Flick einen Fragesteller mit einem kurzen Grinsen korrigierte. Ein Reporter hatte angedeutet, dass die Experimente des Trainers Flick wohl nicht so gut funktioniert hätten, als Flick entgegnete: „Das ist komplett in die Hose gegangen.“

Die Stimmung kippt

Die Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, heißt es, weshalb vielleicht doch Hoffnung besteht – auch wenn viele Fußballfans in Deutschland gerade dabei sind, die Hoffnung zu verlieren. Die Niederlage gegen Kolumbien zum Abschluss der Länderspielsaison hatte einmal mehr die Sorgen der Menschen vergrößert, die im kommenden Sommer eine erfolgreiche Europameisterschaft im eigenen Land feiern wollen. Die Stimmung in der Arena kippte nach den Toren von Luis Diaz (54.) und Juan Cuadrado (82.), es gab viele Pfiffe gegen Mannschaft und Trainer. Die Fans wollen ihr Nationalteam auf dem Weg zur Heim-EM im nächsten Sommer unterstützen, sind aber nicht bereit, emotionslose Darbietungen zu tolerieren.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Die 90 und ein paar mehr Minuten gegen die Südamerikaner waren schließlich kein singuläres Ereignis gewesen, sondern betten sich in die zurückliegenden Tage ein. Nach dem 3:3 gegen die Ukraine und dem 0:1 in Polen hatte Flick, ganz ohne Schmunzeln, vor dem Kolumbien-Spiel die Bedeutung des Ergebnisses hervorgehoben. Ein Sieg sollte her, um die Nation zu beruhigen. Aber das gelang nicht. Der Bundestrainer Flick steht deshalb im Juni 2023 noch viel mehr in der Kritik als er es nach dem Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft vor knapp einem halben Jahr tat. Es ist seither nicht besser geworden, eher noch schlechter.

Leon Goretzka wählte drastische Worte.
Leon Goretzka wählte drastische Worte.

„Ich weiß nicht, ob bedenklich reicht. Es ist dramatisch, das muss man ganz klar sagen. Es fehlt an allen Ecken und Enden“, sagte Leon Goretzka. Der Mittelfeldspieler des FC Bayern gehörte zum Schluss einer langen Saison zu den Akteuren, die es auf dem feinen Rasen in der Arena auf Schalke gegen Kolumbien nicht besser machen konnten als in den Spielen zuvor. Goretzka wirkte ratlos, während sein Chef versuchte, Dinge zu erklären, für die es schwer fällt, Erklärungen zu finden. Die vielen Experimente, eben die, die in die Hosen gingen, seien wichtig gewesen. Erste Erkenntnisse der Misserfolge wollte er nicht benennen, Flick warb dafür, ihm Zeit zur genaueren Analyse zuzugestehen.

Völler spricht über fehlende Qualität

Sein Helfer beim DFB, Rudi Völler, war im TV-Interview offensiver. „Man muss sagen, dass wir es ein bisschen unterschätzt haben, dass die Qualität nicht die ist wie vor einigen Jahren“, erklärte der Sportdirektor. „Es waren einige dabei, die werden wir im September nicht mehr sehen. Der ein oder andere ist an seine Grenzen gekommen.“

Wen genau er damit gemeint habe, wollte der einstige Weltklasse-Stürmer nicht sagen. Aber schon jetzt ist klar, dass jene, die für den nächsten Nationalmannschaftslehrgang im September nicht berufen werden und nicht verletzt sind, als aussortiert eingestuft werden.

Neue Fragen, keine Antworten

Aussortiert werden dürfte auch die Taktik, die eine Dreier-Abwehrreihe als Basis hat. „Das, was wir ausprobiert haben, hat nicht geklappt“, sagte Flick. Die Implementierung einer solchen taktischen Grundordnung war das zentrale Thema der Länderspiele im Juni. Der Versuch scheiterte, und die Idee, mit Emre Can einen defensiven Mittelfeldspieler in die Verteidigung zu schieben, ging nicht auf. Die Zweikampfstärke von Can fehlte an anderer Stelle, ebenso wie insgesamt die Stabilität innerhalb des Teams. Die drei Länderspiele im Juni sollten Antworten liefern und eine Richtung aufzeigen. Aber letztlich warfen sie neue Fragen auf.

Ansonsten nutzte der Bundestrainer das mediale Gespräch, um den Charakter und die Qualität seiner Spieler hervorzuheben, wenngleich beides in den Juni-Länderspielen nur mit viel, viel Optimismus zu erkennen war. Letztlich schloss er die Länderspielsaison mit einer Ankündigung, die wie eine Durchhalteparole klang: „Ich kann versprechen, dass wir im September eine andere Mannschaft sehen.“

Flick schmunzelte in diesem Moment nicht mehr.

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