Kommentar RHEINPFALZ Plus Artikel Hansi Flick, sein Trotz und die Selbstüberschätzung der Spieler

Hansi Flick ist von seiner Arbeit überzeugt. Die Ergebnisse sagen etwas anderes.
Hansi Flick ist von seiner Arbeit überzeugt. Die Ergebnisse sagen etwas anderes.

Das Problem der Nationalmannschaft ist das Selbstverständnis von Spielern und Trainer. Gefährlich ist deshalb, dass der Bundestrainer an seiner Spielidee festhalten will.

Vertrauen in die eigene Arbeit ist wichtig, doch manchmal besteht die Gefahr, eigene Überzeugung mit Trotz zu verwechseln. „Meine Idee vom Fußball ist für diese Mannschaft die richtige“, sagte Hansi Flick Dienstagabend in Gelsenkirchen. Die Aussage des Bundestrainers sollte Stärke demonstrieren, wirkte aber auf all jene verstörend, die in den zurückliegenden Tagen die Spiele seiner Mannschaft gesehen hatten. Beim 3:3 gegen die Ukraine, dem 0:1 in Polen und dem abschließenden 0:2 gegen Kolumbien in der Arena auf Schalke zeigte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sehr wenig. Vor allem zeigte sie nicht, irgendeine Idee zu haben.

Flick ist Trainer einer Mannschaft, die nicht weiß, wer sie sein soll und wer sie sein will. Ungeachtet von taktischen Experimenten und personellen Wechseln wird nicht erst seit den Länderspielen im Juni offensichtlich, dass dieses Team keinen Halt hat, dass ihr Struktur fehlt, und dass es mehrheitlich von Spielern gebildet wird, die sich selbst über die Gemeinschaft stellen. Die persönlichen Interessen stehen über denen der Mannschaft, viele fahren mit dem Anspruch zur Nationalmannschaft, eine wichtige Rolle einnehmen zu müssen. Es gibt (zu) viele Spieler, die sich als Häuptling wahrnehmen, zu wenige, die anderen das Scheinwerferlicht gönnen. Dennoch glauben sie, sowohl als Einzelner wie als Mannschaft Weltklasse zu verkörpern. Eine fatale Fehleinschätzung.

In gefährlichem Fahrwasser

Diesem Fazit liegen nicht die drei jüngsten Länderspiele zu Grunde, sondern die zurückliegenden fünf Jahre. Wenn die Nationalspieler in der Endphase der Ära Jogi Löw jenem die Schuld an der Misere gaben, belügen sie sich selbst. Unter Nachfolger Hansi Flick haben sie keine Fortschritte gemacht. Die Qualität der Spieler genügt nicht den höchsten internationalen Ansprüchen und weil das niemand einsehen will, resultieren daraus Leistungen, die nicht einmal den (theoretischen) Qualitätsstand der deutschen Mannschaft abbilden.

Hansi Flick befindet sich in einem sehr gefährlichen Fahrwasser. Der Bundestrainer hat Dienstagabend wenig Einsicht gezeigt. Er habe eine Mannschaft, die aktiv Fußball spielen könne, die offensiv und hoch verteidigen könne und die bei den nächsten Länderspielen und nach einer notwendigen Analyse ganz sicher besser auftreten werde. Dabei ist es mit ein paar kleinen taktischen Veränderungen nicht getan, weil das Selbstverständnis von Akteuren und Bundestrainer das Problem ist. Flick hat in den zurückliegenden Monaten versucht, die besten Fußballer irgendwie auf dem Feld zu verteilen, dabei aber verpasst, die beste Mannschaft zu finden. Offensive Mittelfeldspieler bleiben offensive Mittelfeldspieler, auch wenn sie plötzlich defensiver aufgestellt oder auf die Außenbahn geschoben werden.

Die deutsche Nationalmannschaft ist nicht homogen zusammengestellt. Kombinationsfreude, technisches Vermögen und die Fähigkeit zu Kurzpassspiel sind im Überfluss vorhanden, Laufbereitschaft, Zweikampfhärte, Geschwindigkeit oder Resilienz hingegen kaum. Es wirkt mitunter trotzig, wenn Flick an seiner Spielidee festhält, obwohl offenbar wird, dass sie nicht funktioniert.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Ein Triple – und dann?

Flick ist, und das wird angesichts der historischen Erfolge oft vergessen, die er mit dem FC Bayern München vor rund drei Jahren feierte, kein jahrelang erprobter Cheftrainer. Flick hat irgendwann mal seinen Heimatklub FC Bammental angeleitet, war danach fünf Jahre lang Coach bei der TSG Hoffenheim, stieg mit dem Hopp-Klub von der Ober- in die Regionalliga auf und scheiterte dort ein paar Mal beim Versuch, es in die Zweite Liga zu schaffen.

Zwischen 2005 und 2019 war er Co-Trainer (beim DFB), Sportdirektor (beim DFB) und Geschäftsführer Sport (bei der TSG Hoffenheim), erst im Oktober 2019 kam er zufällig und zunächst als Übergangslösung zum Cheftrainerposten in München. Dort gelang es ihm, eine Gruppe hochtalentierter Fußballer zu einem Höhenflug zu verhelfen – beeindruckend moderierte er die Stars im Sommer 2020 zum Triple.

So war die Berufung zum Bundestrainer die Folge. Doch nach aktuellem Stand war diese (kurze) Phase des Erfolgs eine Ausnahme, nicht die Regel.

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