Fußball
Deutschland schlägt Frankreich: Es gibt nur einen Rudi Völler
Als die deutschen Spieler das nach Länderspielen übliche Ritual abspulten, war bei ihnen keine Euphorie spürbar, aber das wäre auch vermessen gewesen. Trotzdem war vieles anders als wenige Tage zuvor, als sich die Akteure, die den Adler auf der Brust tragen, pflichtbewusst, aber doch spürbar widerwillig auf eine Danksagungsrunde über den Rasen schleppten. Nach dem 1:4 in Wolfsburg gegen Japan geriet die Runde, vorbei an allen Tribünen der Arena, zu einem Spießrutenlauf. Am Dienstag in Dortmund schwappte der Mannschaft durch die Zuschauer Fröhlichkeit entgegen.
„Viele Steine“ seien ihm von den Schultern geplumpst, sagte Emre Can. Wie dem Profi von Borussia Dortmund ging es den Kollegen auch, denn mit einem im Vorfeld nicht für möglich gehaltenen 2:1 (1:0)-Sieg gegen Frankreich hinterließ die deutsche Nationalmannschaft nach Monaten der schlechten Resultate und der noch viel schlechterer Laune wieder einen positiven Eindruck.
Stimmungsaufheller dank Völler
Nach 65 Minuten im Duell gegen Frankreich sangen Teile der 60.486 Fans einen Klassiker, der schon Jahrzehnte überdauert und nichts an Aktualität eingebüßt hat. „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, brüllten die Menschen auf den Tribünen. Die Kicker in den kurzen Hosen hatten den Sieg über die Franzosen erarbeitet, aber es war klar, wem der Erfolg angeheftet werden wird: dem Teamchef für (mindestens) ein paar Tage. Nach der Niederlage gegen Japan und der folgenden Beurlaubung von Hansi Flick hatte Völler, der stürmende Weltmeister von 1990 und Liebling der Massen, zu seinem Posten als Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) noch den Job des Teamchefs für eine Partie übernommen. Nach dem Frankreich-Spiel und vor der Länderspielreise der Nationalmannschaft im Oktober in die USA soll ein Nachfolger gefunden werden. So lautete zumindest der Plan bis zum stimmungsaufhellenden 2:1 gegen den Vizeweltmeister.
Rudi Völler war in Verbindung mit den in der Startphase mutigen und offensiven deutschen Spielern gelungen, was in der vorherrschenden Situation wohl nur einem Mann mit einem Status eines Rudi Völlers gelingen konnte. Nach gerade einmal fünf gespielten Minuten hallten die ersten „Rudi-Völler“-Rufe durch die Dortmunder Arena. „Tante Käthe“ hatte allein durch seine Anwesenheit als Kurzeit-wieder-Teamchef einen Stimmungsumschwung herbeigeführt. „Das war eine Befreiung“, sagte Völler nach dem Spiel mit Blick auf den Zustand der Nationalmannschaft.
Thomas Müller trifft zum 1:0
Gestützt von befreit wirkenden Kickern in den DFB-Trikots symbolisierte dieser älter gewordene Mann die Hoffnung auf Besserung. Es war zu erwarten gewesen, dass die Zuschauer in Dortmund die Mannschaft und das neue Trainerteam freundlicher begrüßen würden als die Fans die Nationalmannschaft am Samstag nach dem 1:4 gegen Japan aus Wolfsburg verabschiedet hatten. Für ein Mehr an Unterstützung stand Völler, der sich nach nicht einmal vier Minuten wie ein Zauberer fühlen durfte. Er sah stürmende Deutsche, die ein Selbstverständnis ausstrahlten, das nicht erst in den Monaten der Flick-Herrschaft nach und nach verloren gegangen war.
Serge Gnabry und Benjamin Henrichs kombinierten sich über den linken Flügel bis an die Torauslinie, und den Henrichs-Rückpass auf Höhe des Elfmeterpunktes verwandelte Thomas Müller zum 1:0. Jener Müller, der ja in gewisser Weise wie Völler für eine bessere Zeit im deutschen Fußball steht – und der vor der Partie von den Zuschauern stürmisch gefeiert worden war.
Der Einsatz stimmt
Nach der frühen Führung mussten die Deutschen gegen spielstarke Franzosen, die aber den letzten Willen im Gegensatz zur DFB-Auswahl vermissen ließen, viel hinterherlaufen. Im Gegensatz zu den zurückliegenden Partien stimmte der Einsatz bei den Deutschen, die deshalb kaum Torchancen zuließen. Nach einer Drangphase des Vizeweltmeisters vor der Pause befreiten sich die Deutschen nach dem Seitenwechsel aus einer optischen Umklammerung und verteidigten die Führung.
In der 87. Minute traf Leroy Sané zum 2:0, ehe Antoine Griezmann in der 90. Minute per Foulelfmeter für Frankreich verkürzte. An der formidablen Stimmung der meisten Menschen im Stadion in Dortmund änderte dieser Gegentreffer aber nichts mehr.