Fußball
Das Rudi-Völler-Dilemma: Teamchef oder Schattenmann?
Ein Geheimnis der Popularität von Rudi Völler ist seit jeher, dass bei ihm die meisten Menschen das Gefühl haben, er sei einer von ihnen. Auch wenn er nur ein Typ aus dem Fernsehen ist, den sie noch nie persönlich gesehen, geschweige denn getroffen oder sich mit ihm unterhalten haben. Der einstige Weltklasse-Stürmer und ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft, der derzeitige Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund und Immer-noch-Kurzzeit-Bundestrainer, daran glauben viele, könnte ebenso gut irgendwo in Kusel nach einem Spiel am Tresen des Vereinsheims stehen und über Fußball fabulieren. Rudi Völler wirkt authentisch auf die Deutschen und das könnte für ihn und für jeden Kandidaten auf das höchste Amt im Fußball-Staat in den kommenden Tagen und Wochen zum Problem werden.
„Rudi, gib dir einen Ruck!“
Die Bild-Zeitung eröffnete Mittwochmorgen eine Kampagne, von der seit dem späten Dienstagabend klar war, dass es sie geben würde. „Rudi, gib dir einen Ruck!“ titelte das Boulevard-Blatt und bat in dem Text dazu, Völler möge seine Haltung überdenken und das Amt des Chefs der Nationalmannschaft weiterhin ausüben. „Das ist nur für ein Spiel“, hatte Völler vor dem Testländerspiel der deutschen Mannschaft gegen Frankreich erklärt, als es eine rasche Lösung gebraucht hatte. Nach der Beurlaubung von Hansi Flick im Anschluss an das desolate 1:4 gegen Japan am vergangenen Samstag, erklärte sich Völler bereit, sich für das Match gegen die Franzosen als Übergangs-Teamchef zur Verfügung zu stellen. Nach dem 2:1-Sieg gegen den Vizeweltmeister ist er wohl nicht nur für die Bild-Zeitung die Wunschlösung.
Rudi Völler hat sich über die engagierte Leistung der deutschen Spieler in der Arena in Dortmund gefreut, denn nach Monaten der schlechten Nachrichten und der daraus resultierenden schlechten Stimmungslage rund um die Nationalmannschaft tat allen Beteiligten ein emotionaler Aufheller gut. Gleichzeitig wird der Teamchef für eine Partie ahnen, dass seine vor dem Frankreich-Spiel ausgegebene Zeitspanne möglicherweise nicht haltbar sein wird. Es gibt jetzt ein Rudi-Völler-Dilemma.
Rudi will nicht, und soll womöglich doch
Julian Nagelsmann, Oliver Glasner, Stefan Kuntz oder doch Louis van Gaal? Die Liste der möglichen Nachfolger von Völler, und ein bisschen vom glücklosen Hansi Flick, hat sich inzwischen verkleinert, aber irgendwo wird der Name Rudi Völler auch noch draufstehen, wenngleich im Moment vielleicht mit Zaubertinte geschrieben. Sollten sich die Pläne des Verbandes mit den Kandidaten von außen nicht erfüllen lassen, weil sie nicht finanzierbar oder doch nicht vorstellbar sind, kommt vielleicht einer mit einem Zauberstift, und macht den Schriftzug Rudi Völler sichtbar.
Völler hat seit Sonntag mehrfach glaubhaft versichert, dass er den Job nicht machen möchte und dass das aus seiner Sicht eine einmalige Sache war. Er ist aber auch dafür bekannt, sich immer mal wieder überreden zu lassen. Auf diese Weise ist er beispielsweise zu Beginn des Jahres auf dem Posten des DFB-Sportdirektors gelandet.
Wird Völler zum Schattenmann?
Die Spieler haben ihren Teil dazu beigetragen, wenn dem Aushilfstrainer angetragen wird, länger zu bleiben. Mit ihrer Einsatzbereitschaft gegen die Franzosen, umrahmt von den Treffern durch Thomas Müller und Leroy Sané, und mit ihren Aussagen im Anschluss an das Spiel. Müller sprach von der Aura, die Völler habe, und Torhüter Marc-André ter Stegen rühmte, dass es durch das neue Trainerteam gelungen sei, die einfachen Sachen richtig gut zu machen. Völler und seine Assistenten Hannes Wolf und Sandro Wagner haben zumindest für das Spiel gegen Frankreich geschafft, was Flick nicht mehr gelungen war: die Nationalspieler hängten sich rein.
Wenn sich Völler den Wünschen der Bild-Zeitung, vieler Fußball-Fans in der Republik und möglicherweise seinen Kollegen in der „Findungskommission Bundestrainer“ beim DFB entziehen kann und mithilft, einen anderen Fußballlehrer auf den Posten zu hieven, wird er fortan in die Rolle des Schattenmannes schlüpfen. Der beliebte Rudi wird DFB-Sportdirektor bleiben und seinem eigenen Nachfolger auf der Trainerbank jede Unterstützung zukommen lassen, das ist sicher. Gleichsam wird Völler aber die Person sein, nach der leise oder laut gerufen werden wird, wenn in den kommenden Monaten auf dem Weg zur Europameisterschaft im eigenen Land etwas nicht nach Plan laufen sollte. „Der Rudi“, wird es heißen, „der Rudi hat doch gegen Frankreich gezeigt, dass er es kann.“
Völler genießt in ganz Deutschland hohe Beliebtheitswerte, weil er nicht übermäßig eitel ist und weil er nicht aus eigenem Antrieb in die erste Reihe drängt – aber vor der Rolle des Schattenmannes kann er sich und seinen möglichen Nachfolger nur schützen, wenn er den Job selbst macht.