Leichtathletik
Das finale Eingeständnis der Lisa Ryzih
Man muss es sich vor Augen führen: Lisa Ryzih war 2003, also vor 19 Jahren, Jugendweltmeisterin in Sherbrooke und holte sich im Jahr darauf in Grosseto den Junioren-WM-Titel. Was für eine Ausdauer, Konstanz und Liebe zum Stabhochsprung! Sie war für ihre dritten Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert, „aber ich wollte nicht ins Flugzeug steigen, nur um zu winken“, sagte die damals nicht fitte Athletin des ABC Ludwigshafen, die dennoch vor einem Jahr für Aufsehen sorgte – als Covergirl des „Playboy“ und als Frau Doktor Ryzih. Sie hatte gerade in Heidelberg ihre Doktorarbeit „Bewertung der eigenen sportlichen Leistung in Abhängigkeit von der psychologischen Distanz“ erfolgreich vorgelegt.
Zusammenspiel Kopf-Körper klappt nicht mehr
Nun also der Rücktritt. Sie arbeitet inzwischen bei MD Medicus in Ludwigshafen. Im Telefonat, das sie aus der Nähe von Alicante führt, erzählt sie, weshalb sie nicht mehr weitermacht: „Vom Kopf her weiß ich genau, wie mein Sprung zu funktionieren hat, wie ich ihn ausführen muss, aber ich kann es körperlich nicht mehr umsetzen. Dieses Zusammenspiel Kopf-Körper findet nicht mehr statt.“ Es geht also gar nicht um Beruf, Familienplanung oder fehlende Motivation. Sie trainiere jeden Tag, sagt sie, aber sie könne die Aufgaben nicht mehr erfüllen, die für 4,60 Meter notwendig sind: „Stabhochsprung ist ja kein Hobby, nicht anlaufen und abspringen, nicht Augen zu und durch.“
Lisa Ryzih wurde in Omsk/Sibirien geboren, kam mit ihrer Familie nach Ulm, als sie drei Jahre alt war, dann zogen sie aus sportlichen Gründen nach Zweibrücken weiter. Das LAZ war ihre erste Heimat. Vater Wladimir führte den heutigen Bundestrainer Andrei Tivontchik zu Olympiabronze in Atlanta 1996 und Lisas Schwester Anastasija zum Hallen-WM-Titel 1999. Mit dem Umzug nach Sausenheim kam auch der Wechsel zum ABC Ludwigshafen. In Omsk war sie zuletzt 2009 und in Russland 2013, bei der WM in Moskau. „Mein Blut ist russisch“, sagt sie, „aber mein Kopf ist deutsch“.
Ein Familienunternehmen
Ihre Erfolge wurden in einem Familienunternehmen geschmiedet. „Mama hatte sich aus dem technischen Prozess rausgehalten, sie hielt die Familie zusammen, hat geguckt, dass es Papa vor und nach dem Training gut ging. Mein Vater plante die Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Kein anderer Trainer hätte mich über die Jahre so durchführen können. Er hat absolut daran geglaubt, was wir können, was ich kann“, sagt sie. So habe er vor Barcelona 2010 gesagt, „du holst eine Medaille, und ich dachte, was redet der denn. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mitmischen kann. Er hat’s gewusst.“
Am Ende war’s die bronzene Plakette, doch die zehnmalige deutsche Meisterin denkt nicht nur an Medaillen. Unvergessen bleibt Olympia 2012: „Ein Mittwochmorgen 10 Uhr in London, volles Stadion. Man hörte seinen eigenen Herzschlag nicht, richtig krass. Ein Erlebnis, eine Show, ich dachte, was passiert denn da?“ Sie wurde Sechste und fünf Jahre später an selber Stelle WM-Fünfte. Ihre Bestleistung steht bei 4,75 Meter, sie ließ mehrfach den deutschen Rekord von 4,82 Meter auflegen, die Latte fiel oft erst, als sie schon in der Matte lag. „4,60, 4,70 Meter, das war mein Standard. Für mehr reichte es nicht aufgrund der Verletzungen. Um 20 Prozent mehr Sprünge im Training zu machen, dafür ging es mir gesundheitlich nicht gut genug. Aber ins Finale zu kommen, das haben wir immer geschafft“.
Wir – das Familienunternehmen Ryzih: „Wir haben uns alles hart erarbeitet“. Existenzängste hatte sie nie. Studiert und promoviert habe sie für ihre sportliche Karriere. „Das Hirn sollte wie ein Muskel auch warm gehalten werden“, sagt sie, „ich möchte auch den jungen Athleten sagen, macht was nach dem Abitur, denn sich nur auf den Sport zu konzentrieren, das ist fatal“.