Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Das Aztekenstadion – Schauplatz großer Dramen, Arena großer Spieler

Nach der Renovierung erstrahlt das „Azteca“ in neuem Glanz, heißt nun aber offiziell Estadio Banorte – eine Bank hat die Namensr
Nach der Renovierung erstrahlt das »Azteca« in neuem Glanz, heißt nun aber offiziell Estadio Banorte – eine Bank hat die Namensrechte erworben. Das stößt vielen Menschen in Mexiko sauer auf.

Das „Azteca“, wie die Mexikaner ihren Nationalstolz nennen, ist längt ein Mythos. Historische WM-Spiele – auch mit Deutschland – prägen die Arena.

Vielleicht sollte diese Geschichte mit Kolumbien beginnen. Nicht nur, weil die Südamerikaner am 17. Juni im Aztekenstadion ihr erstes Gruppenspiel gegen Usbekistan bestreiten. Vor allem aber verdankt das gigantische Stadion sein Alleinstellungsmerkmal der drei WM-Eröffnungsspiele und zwei Finals auch mittelbar Kolumbien.

Denn eigentlich war das Land 1986 als WM-Ausrichter vorgesehen. Dann wären Mexiko und das Aztekenstadion jetzt erst zum zweiten Mal im Fokus der Fußballwelt. Aber Kolumbien gab 1982 als bisher einziges Land das Turnier an die Fifa zurück. Unerfüllbare Forderungen des Weltverbandes, eine zunehmend prekäre Sicherheitslage durch die aufkommenden Drogenkartelle von Medellín und Cali. Und letztlich die schon damals aktive Linksguerilla FARC. Schweren Herzens sagte Präsident Belisario Betancur das Weltturnier ab.

Die Herzen erobert

Mexiko sprang ein, richtete so erst 16 Jahre nach 1970 das Weltturnier ein zweites Mal aus und gewann die Herzen der Welt mit seiner Begeisterung, Lebensfreude und der Liebe zum Fußball. Zwei Spiele schrieben sich damals in die Geschichtsbücher ein und prägten den Ruf des Aztekenstadions als Fußball-Kathedrale. Aber es waren nicht nur die Spiele und Tore, welche die Atmosphäre so besonders machen. Es sind auch die Hitze, die Höhe von über 2000 Meter, die Stimmung, die laut zirpenden Grillen und das anschwellende Dröhnen der damals 103.000 Fans, wenn sie jubeln, pfeifen oder ausbuhen, die das Stadion so besonders machen. Wenn man auf den obersten Rängen sitzt, sind es mehr als 120 Meter bis zum Spielfeld, und die Spieler schrumpfen auf die Größe von Tipp-Kick-Figuren zusammen.

Das „Azteca“ ist längst Teil des mexikanischen Nationalstolzes, ähnlich wie die weltberühmten Maya-Pyramiden von Chichén Itzá in Yucatán oder die Sonnenpyramide der Azteken in Teotihuacán, nahe Mexiko-Stadt. „Das Azteca ist Teil von uns, Teil unseres Nationalbewusstseins“, sagt der Architekt des Stadions, Luis Martínez del Campo. „Und es ist das einzige Stadion, in dem unsere Nationalmannschaft lange unschlagbar war, bis 2001 Costa Rica gegen Mexiko hier gewann“, erinnert sich der Fußballfan Francisco Martínez.

1970: Umbrandet vom Beifall der 100.000 Zuschauer im Aztekenstadion wird Brasiliens Legende Pele mit einem Sombrero auf dem Kopf
1970: Umbrandet vom Beifall der 100.000 Zuschauer im Aztekenstadion wird Brasiliens Legende Pele mit einem Sombrero auf dem Kopf von begeisterten Fans zur Siegerehrung getragen.

Die Aztekenarena ermöglichte die Sternstunden zweier der größten Fußballer aller Zeiten. Pelé und Maradona gewannen hier jeweils eine WM und waren dabei gerade auf dem Höhepunkt ihres Könnens.

Insbesondere das Turnier vor 40 Jahren trug wesentlich zum Mythos des Aztekenstadions bei, weil nach Pelé 1970 ein anderer Außerirdischer am Ball seinen Karrierehöhepunkt erlebte. Diego Armando Maradona schoss für Argentinien im Viertelfinale gegen England sowohl das „Tor des Jahrhunderts“ mit dem epischen Dribbling übers halbe Feld, vorbei an der halben englischen Mannschaft. Und ihm gelang in der Partie auch noch das Tor mit der „Hand Gottes“, als er Torhüter Peter Shilton mit einem Fausthieb gegen den Ball zum 2:1-Sieg überwand. Am Ende – die deutschen Fußballfans werden sich schmerzhaft erinnern – spielte er noch diesen Pass zum 3:2-Siegtor von Jorge Burruchaga im Finale gegen die Bundesrepublik in Minute 84. „Dieses Stadion ist die Kathedrale meines Lebens. Hier habe ich den WM-Pokal in die Höhe gestemmt, mein unvergessliches Tor erzielt, und hier entstand, wie viele sagen, das schönste Tor aller Weltmeisterschaften“, erinnerte sich Maradona später.

1986: Torwart Toni Schumacher stürzt aus seinem Gehäuse, aber Argentiniens Stürmer Jorge Valdano gelingt das 2:0 im WM-Finale (l
1986: Torwart Toni Schumacher stürzt aus seinem Gehäuse, aber Argentiniens Stürmer Jorge Valdano gelingt das 2:0 im WM-Finale (links Ditmar Jakobs). Am Ende unterliegt Deutschland 2:3.

Überhaupt ist das Aztekenstadion für Deutschland mit Erinnerungen an historische Niederlagen verbunden. 1970 ging so ein Entscheidungsspiel dramatisch verloren. Das Halbfinale gegen Italien endete mit fünf Toren in der Verlängerung 3:4. Man nannte es später ein „Jahrhundertspiel“.

Das Stadion tief im Süden von Mexiko-Stadt wurde für die WM von 1970 konzipiert. Schon um den vierjährigen Bau von 1962 bis 1966 ranken sich Geschichten und Gerüchte. Zwölf Arbeiter sind bei dem vierjährigen Bau ums Leben gekommen, Knochen prähistorischer Tiere wurden ausgegraben und angeblich gab es Geister in dem Stadion. „Mexiko wollte nicht einfach nur eine WM ausrichten“, erinnert sich Guillermo Cañedo, Präsident des mexikanischen Verbands Femexfut zur Zeit des Baus. „Wir wollten die beste Weltmeisterschaft ausrichten, die die Welt je gesehen hat. Dafür brauchten wir das beste Stadion, das die Welt je gesehen hat.“ Brasilien hatte seit 1950 das Maracanã in Rio de Janeiro. „Es war riesig, spektakulär, magisch – aber wir wollten ein noch besseres Stadion“, erinnert sich Cañedo.

Aber heute verdrängt längst der Kommerz die Tradition. Jeder Zentimeter des Spielfelds wird besonders auch in Mexiko zur Markenwerbung genutzt. Das Stadion selbst ist wie der größte Hauptstadtclub „América“ in Händen von Televisa, dem größten Fernsehsender von Mexiko. 15.000 beste Logenplätze sind an Unternehmen und Millionäre verkauft und diese erstritten vor der Justiz ihr Recht, auch während der fünf WM-Spiele ihre Plätze nutzen zu dürfen. Und so zahlte der Eigentümer des Stadions rund 62,5 Millionen Dollar an die Fifa, damit diese auf den üblichen exklusiven Anspruch und die ausschließliche Nutzung der Spielstätten verzichtet.

Profaner Name während WM

Für noch mehr Ärger sorgte bei den traditionsbewussten Mexikanern die aufwendige, 22 lange Monate dauernde und gerade so fertig gewordene Renovierung des Stadions. Sie kostete rund 300 Millionen Dollar und wurde teilweise mit dem Verkauf der Namensrechte an eine mexikanische Bank finanziert, deren Namen nun groß und sichtbarst an der Fassade prangt. Für die Fußballanhänger ist das ein Sakrileg. Und sie werden den Koloss weiterhin ihr „Azteca“ nennen. Während der WM heißt es schlicht: WM-Stadion Mexiko-Stadt.

Für viele mexikanischen Fußballfans wie den Schriftsteller Antonio Ortuño ist die straffe Durchkommerzialisierung des Fußballs inzwischen ein Grund, wegzuschauen. „Fußball ist für mich eine schöne Kindheitserinnerung“, erzählt er im Gespräch. „Aber der heutige Fußball stößt mich ab“. Die Weltmeisterschaft sei in den Händen von „gierigen Unternehmern“ und der Fifa“.

Mehr zum Thema
x