Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Auch nach dem Jahr des Schiedsrichter heißt es nur selten: „Danke Schiri!“

Im rheinhessischen Nierstein eröffnete Star-Referee Deniz Aytekin (Mitte) mit den Bundesligaprofis Anton Stach (links) und Nils
Im rheinhessischen Nierstein eröffnete Star-Referee Deniz Aytekin (Mitte) mit den Bundesligaprofis Anton Stach (links) und Nils Petersen im März 2023 das Jahr des Schiedsrichters.

2023 hatte der Deutsche Fußball-Bund zum „Jahr des Schiedsrichters“ ausgerufen. Obwohl es wieder mehr Unparteiische gibt, war davon an der Basis noch kaum etwas zu spüren.

Die Ehrung fällt schlicht aus. In jedem zu Ende gehenden Jahr werden in den Fußballkreisen ausgewählte Schiedsrichter mit einer Urkunde bedacht: „Danke Schiri!“, lautet die knappe Botschaft. Diese Wertschätzung bekommen die knapp 60.000 bundesweit aktiven Schiedsrichter nur selten zu spüren. Beleidigungen, Bedrohungen und tätliche Übergriffe gehören längst zum Alltag. Das Jahr des Schiedsrichters sollte mithelfen, den Fokus genau darauf zu lenken.

„Wir werden die Welt nicht in wenigen Monaten komplett verändern können bei einer Problemstellung, die schon länger besteht“, hatte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann bereits zum Start der Initiative im März letzten Jahres angekündigt. Nach mehreren erschütternden Vorfällen machte Zimmermann deutlich: „Schiris unter dem Deckmantel der Emotion als Zielscheibe eigenen Unmuts zu nutzen – damit muss endlich Schluss sein.“

Alltag im „Rüpelsport“

Leichter gesagt als getan. Noch immer gilt Fußball, speziell an der Basis, als Rüpelsport. Erst vor Kurzem wurde bei einem Hallenturnier in Bellheim ein Schiedsrichter von einem Jugendspieler ins Gesicht geschlagen. Solche gewalttätigen Übergriffe gehören fast schon zum Alltag, auch wenn der DFB gerne von „Einzelfällen“ spricht. Doch diese summieren sich.

Gewalt erleben Schiedsrichter in der Regel deutlich subtiler: Beleidigungen, Bedrohungen, permanentes Reklamieren. Von Zuschauern, Trainern, Betreuern und den Spielern auf dem Platz. Einige zerbrechen daran. Die meisten nehmen es in Kauf. Für den Fußball. Und für 25 Euro Spesen. Das mulmige Gefühl bleibt trotzdem.

In einer DFB-Umfrage aus dem März vergangenen Jahres vermissen 85 Prozent der aktiven Schiedsrichter den Respekt der Zuschauer, 79 Prozent kritisieren das respektlose Verhalten von Spielern und Trainern. Diese mangelnde Wertschätzung nannten 42 Prozent aller ehemaligen Schiedsrichter als Grund dafür, warum sie ihre Karriere beendet haben. Alarmierende Zahlen.

„Liebe den Sport. Leite das Spiel.“: Den Slogan im Jahr des Schiedsrichters zeigte Christiane Baitinger, die Schiedsrichterinnen
»Liebe den Sport. Leite das Spiel.«: Den Slogan im Jahr des Schiedsrichters zeigte Christiane Baitinger, die Schiedsrichterinnenchefin des DFB, vor dem DFB-Pokal-Finale der Frauen 2023 auf einem Trikot.

Das schreckt trotzdem viele nicht ab, Schiedsrichter zu werden. Im Jahr 2023 wurden vom SWFV sechs zentrale Ausbildungen in der Sportschule Edenkoben angeboten. Weil aber nach Corona der Run auf die Lehrgänge erst richtig eingesetzt hat, wurden in den Fußballkreisen Kaiserslautern-Donnersberg, Mainz-Bingen, Pirmasens-Zweibrücken und Rhein-Pfalz weitere dezentrale Lehrgänge angeboten, um den Bedarf zu decken. Bei zwei Projektwochen in Schulen in Frankenthal und Landau wurden ebenfalls Schiedsrichterausbildungen durchgeführt. Inzwischen bietet der Verband sogar E-Learning-Lehrgänge an.

Ende 2023 erreichte der SWFV mit 1350 Schiedsrichtern erstmals wieder das Vor-Corona-Niveau (1327 in der Saison 2018/19), liegt aber immer noch deutlich unter den Zahlen von vor zehn Jahren (1792). Vor 20 Jahren waren im Verbandsgebiet sogar noch knapp 2200 Schiedsrichter aktiv. Nach fast zwei Jahrzehnten mit einem stetigen Abwärtstrend sind die Schiedsrichter-Zahlen also erstmals wieder leicht ansteigend. Ob das im Zusammenhang mit dem Jahr des Schiedsrichters unter dem Leitsatz „Liebe den Sport. Leite das Spiel.“ steht, ist unklar.

Auf Sparflamme

Denn ob das Jahr des Schiedsrichters die gewünschte Wirkung an der Basis erzielt hat, darf zumindest bezweifelt werden. Wurden beim Jahr des Schiedsrichters 2013 noch alle Fußballkreise in die Planungen einbezogen und wurde der Dialog zwischen Unparteiischen und Vereinsvertretern forciert, hielt der DFB diesmal sein Schiedsrichter-Jahr auf Sparflamme. Der gute Wille war sicher erkennbar, als die Bundesligaprofis Anton Stach und Nils Petersen ein Bezirksligaspiel im rheinhessischen Nierstein in der Nähe von Mainz unter Aufsicht von Deniz Aytekin geleitet haben, doch Verständnis und Respekt für das Hobby des Schiedsrichters ist so nur schwer zu entwickeln.

Am Ende monierten einige Schiedsrichter sogar, die Aktion sei kontraproduktiv gewesen, weil der Eindruck entstanden sei, dass auch ohne Regelkenntnisse jeder ein Fußballspiel leiten könnte. Auch die Aktion „Profi wird Pate“, an der sich alle Schiedsrichter der ersten drei Bundesligen und der Frauen-Bundesliga beteiligten, wird wohl kaum länger in Erinnerung bleiben. Von Nachhaltigkeit kann also keine Rede sein, weshalb die Internet-Plattform „IG Schiedsrichter“ ihr Urteil nach der ersten Analyse bereits gefällt hat: „Das Jahr des Schiedsrichters ist in der Kreisliga ein Rohrkrepierer!“

Dieses harsche Urteil will Verbandsschiedsrichterobmann Thorsten Braun (Maikammer) so nicht gelten lassen. Es hätte einige gute, vom DFB gemanagte Aktionen gegeben, um ein Bewusstsein für die Probleme der Schiedsrichter zu schaffen: „Das habe ich schon wahrgenommen.“ Was davon am Ende tatsächlich an der Basis ankommt, müsse man abwarten, so Braun. Er verweist auf die ausgebuchten Neulingslehrgänge und den Anstieg der aktiven Schiedsrichter im Verbandsgebiet. Zudem sei im abgelaufenen Jahr bei sämtlichen Vorstandstreffs in allen Regionen die Thematik „aus verschiedenen Blickwinkeln erörtert worden“, wie der Schiedsrichter-Chef ergänzt.

Unterdessen beobachten die Verantwortlichen in den Kreisen eine zunehmende Gleichgültigkeit bei den Vereinen. Der seit einigen Jahren verpflichtend eingeführte Platzverantwortliche, der als Ansprechpartner der Schiedsrichter fungieren soll, steht zumeist nur auf dem Papier, zu Gesicht bekommt ihn kaum ein Unparteiischer. Dabei könnte dieser als Bindeglied etliche Emotionen kanalisieren. Doch es fehlt an allem: Die Suche nach einem Kabinenschlüssel kostet Zeit und Nerven, eine aufgeräumte und saubere Umkleide zählt fast schon zum Luxus. Vom obligatorischen Pausengetränk oder einer heißen Dusche ganz zu schweigen.

Schirikabinen – so und so

Gerd Lamatsch aus Nürnberg, seit 48 Jahren Schiedsrichter, hat aus Spaß vor einigen Jahren damit begonnen, Fotos von Schiedsrichterkabinen in den sozialen Medien zu veröffentlichen. Natürlich gibt es auch die liebevoll hergerichtete Umkleidemöglichkeit mit einer Auswahl an Obst, Kaltgetränken und einem Powerriegel. Doch ansonsten herrscht eher Tristesse, die sich schnell auch in Ekel umschlagen kann. Erst kürzlich habe Lamatsch ein Foto nach einem Junioren-Bundesligaspiel erhalten. Sein erster Kommentar: „Das sieht eher aus wie ein Mordtatort als eine Dusche für Schiedsrichter.“

Daran hat auch das Jahr des Schiedsrichters wenig verändert. Nicht nur deshalb wollen der DFB und seine Landesverbände die Bemühungen weiter vorantreiben. Im gerade begonnenen Jahr 2024 möchte Torsten Braun den Fokus noch einmal auf den Schiedsrichtermangel lenken. Nur so könne für die Zukunft verhindert werden, dass mehr und mehr Klassen nicht mehr mit offiziellen Schiedsrichtern besetzt werden können. Aber auch die Kreise werden weiter um Nachwuchs werben – und hoffen, dass sie in ihrer Akquise nicht ständig von „Einzelfällen“ zurückgeworfen werden.

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