Sportgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Als Wilfried Dietrich dem Pelikan das Fliegen beibrachte

 Olympische Spiele 1972 in München: Der Schifferstadter Wilfried Dietrich wuchtet Chris Taylor auf die Schultern.
Olympische Spiele 1972 in München: Der Schifferstadter Wilfried Dietrich wuchtet Chris Taylor auf die Schultern.

Das Foto von den Olympischen Spielen 1972 in München machte Wilfried Dietrich weltberühmt und legendär. Damals wuchtete er auf der Ringermatte den Koloss Chris Taylor auf die Schultern. Im Herbst 1978 traf Dietrich in Ludwigshafen auf einen anderen Riesen, den Japaner Antonio Inoki – im Catchen. Unser Autor war dabei und erinnert sich.

Sechs Jahre nach seinem aufsehenerregenden olympischen Schultersieg über den US-Koloss Chris Taylor und nachdem er sich längst vom Ringen verabschiedet hatte, trat Wilfried Dietrich noch einmal spektakulär in Erscheinung. Nicht auf der Ringermatte, die er längst verlassen hatte, sondern als Catcher. Im Herbst 1978 vermöbelte der 45-jährige Schifferstadter Ehrenbürger in Ludwigshafen den japanischen „Weltmeister“ Antonio Kanji Inoki. Der schloss sich daraufhin aus Angst vor dem Ringerkönig in seiner Kabine in der Friedrich-Ebert-Halle ein.

Der mit olympischen Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, Welt- und Europatiteln sowie 30 deutschen Meisterschaften in beiden Stilarten erfolgreiche Wilfried Dietrich (1,84 m, 122 kg; 14. Oktober 1933 - 2. Juni 1992) hatte dem Angebot aus Tokio nicht widerstehen können, für drei Catcherduelle mit Karate-Einlagen gegen Inoki (1,92 m, 105 kg) jeweils 50.000 Mark zu kassieren.

Eine hohe Gage für den Ausflug zum Catchen

Um sich vorzubereiten, trainierte Dietrich einen Monat vorher in der Ludwigshafener Sportschule Mandt mit dem Catcher Jean Breston (2,00 m, 180 kg), der gerade in der Ebert-Halle auftrat. Dabei brach der Gigant aus Kanada die linke Mittelhand des Schifferstadters. Vier Wochen darauf trat der frühere Ringer-Star in Kiel dennoch gegen den laut Eigenwerbung „größten Catcher aller Zeiten“ an. Und gab nach vier Runden auf: Inoki, den sie wegen seines großen Kinns in Japan „Pelikan“ nannten, hatte ihm mehrmals gegen die eingegipste Hand getreten.

Der „Pelikan“ muss fliehen

Wilfried Dietrich war stinksauer. „Der kann sich beim nächschde Mol in Ludwigshafe uff was gfasst mache“ drohte er. 1000 tobende Zuschauer erlebten dann, was DIE RHEINPFALZ in folgende Worte fasste: „Dietrich wrang den ,größten Catcher’ aus wie nasse Bettwäsche. Der Schifferstadter sah nach einem weiteren Tritt gegen seine immer noch eingegipste Hand rot und lehrte den ,Pelikan’ das Fliegen – er warf den Japaner aus dem Ring, wo er ihn fünf Minuten lang ,verwüstete’. Dann gelang Inoki die Flucht“. Eine Lautsprecherstimme verkündete: „Der Kampf ist ohne Wertung beendet worden, weil die Kämpfer nicht innerhalb von 20 Sekunden in den Ring zurückgekehrt sind“.

Dietrich ging den entfleuchten „Pelikan“ suchen. Das heißt, der immer noch wütende Ex-Ringer („Der Sack, der trauriche, hot mir ach noch in den Unnerleib getrete“) raste zur Umkleidekabine des Japaners. Der hatte sich eingeschlossen, reagierte weder auf die Dietrichschen Donnerschläge gegen die Stahltür noch auf das Gebrüll: „Kumm raus, du S …“.

Dietrich später etwas gemäßigter zur RHEINPFALZ: „Dem Simpel hab ich´s mol gezeigt. Vun wege greeschter Catcher! Der ist vielleicht Weltmäschter im Matte-Uffwische. Unn genau des det ich zwää Daach lang mit’m mache, wann’s soi misst“. Und zum fassungslosen Zeitungsmann gewandt: „Des kennscht dann aa ruhisch schreiwe, hoscht g’heert“.

Die dritte, in Stuttgart vorgesehene Begegnung Dietrich - Inoki kam nicht zustande. Auch nicht die Überweisung der Gage aufs Konto des Schifferstadter Ehrenbürgers, der zeitweise auch in Speyer, Harthausen und Freisbach gewohnt hatte und im südafrikanischen Durbanville starb.

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