Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Zu Tisch mit der Foodfotografin: Beim Gulasch wird’s heikel

„Ich glaube nicht, dass man sich eine High-End-Kamera kauft, und schon entstehen die besten Bilder. Auch mit einer günstigen Kam
»Ich glaube nicht, dass man sich eine High-End-Kamera kauft, und schon entstehen die besten Bilder. Auch mit einer günstigen Kamera kann man super Foodfotos schießen – wenn man den Rest verstanden hat«, sagt die Fotografin.

Noch schnell das Essen knipsen ist zur sozialen Selbstbestätigung geworden. Die Foodfotografin Astrid Adlhoch aus Dudenhofen hat ihren Teller noch nie hochgeladen.

Für viele Menschen ist es zum Ritual geworden: Bevor man Messer und Gabel in die Hand nimmt, um genüsslich sein Essen zu verspeisen, wird der Teller erst einmal fotografiert. Und zwar völlig egal, ob zu Hause oder im Restaurant. Waren es vor ein paar Jahren noch eher Freaks, die von den Tischnachbarn dann mit argwöhnischen und oft abschätzigen Blicken bedacht wurden, so zieht sich das Phänomen heute durch alle Alters- und Gesellschaftsgruppen. Nahezu jeder hat irgendwo ein Profil auf Social Media, und das will schließlich gefüttert werden. Und da moderne Smartphones mit unglaublich guten Kameras bestückt sind, fühlt sich jeder berufen, seine Foodfotos zu teilen.

„Ich muss gestehen, ich habe noch nie ein Handyfoto vom Essen irgendwo reingestellt“, sagt Astrid Adlhoch aus Dudenhofen, und man weiß erst einmal nicht, ob das jetzt clever ist oder beruflich doch eher unklug. Denn Adlhoch ist Foodfotografin, hat aber für sich selbst sehr früh entschieden, die emotionale und private von der beruflichen Herangehen sweise zu trennen. Und zuallererst kam sowieso: die Küche.

Am Anfang war der Sonntagsbraten

„Bei uns zu Hause wurde immer frisch gekocht, meine Mutter hat da oft schon morgens angefangen. Es gab auch den klassischen Sonntagsbraten. Von ihr habe ich diese Leidenschaft dafür mitbekommen“, erzählt Adlhoch. Über die Fotografie hat sie dann begonnen, das Erfahrene zu bewahren, und zwar von Beginn an schon mit einer richtigen Kamera. Vor vier Jahren dann, nachdem sie zuvor unter anderem als Versicherungskauffrau gearbeitet hatte, entdeckte die zweifache Mutter das Zusammenspiel von Essen und Fotografie für sich so richtig. Sie lernte in Kursen das Nötige und fand in der italienischen Fotografin Lucia Marecak, die in Turin lebt und arbeitet, „eine Mentorin, die mich auf den Weg brachte“. Das sei kein schleichender innerer Prozess gewesen. Im Gegenteil: „Ich wusste genau: Da habe ich meine Nische gefunden.“

Das Bild der Speise ist nicht mehr nur Werkzeug der Werbung, sondern auch ein (pop-) kulturelles Phänomen, das unsere Essgewohnh
Das Bild der Speise ist nicht mehr nur Werkzeug der Werbung, sondern auch ein (pop-) kulturelles Phänomen, das unsere Essgewohnheiten und ästhetischen Vorstellungen prägt. Unten: Astrid Adlhochs Weihnachtsgebäckfoto.

In ihrem Haus in Dudenhofen hat sich Adlhoch ein Atelier eingerichtet, klein zwar, aber zweckmäßig. Für unseren Besuch hat sie etwas Weihnachtliches vorbereitet, denn selbstverständlich wollen wir sie ein wenig bei der Arbeit begleiten. Wir wollen ein Gefühl dafür bekommen, wie die Foodfotografin vorgeht.

„Licht ist das Allerwichtigste“

Der erste Gang führt zum Fenster, um den Rollladen herunterzulassen. „Die Sache mit dem Licht ist der klassische Fehler“, klärt sie auf. „Licht ist das Allerwichtigste, denn die Kamera sieht anders als das menschliche Auge. Das ist ein ganz elementarer Aspekt.“ Noch bevor die ganzen anderen Variablen wie Aufnahmewinkel oder Ausschnitt ins Spiel kommen, gilt es, dafür zu sorgen, die Hauptsache quasi ins rechte Licht zu rücken. Das würde zwar grundsätzlich auch gut mit Tageslicht funktionieren, sagt die Dudenhofenerin. Doch wer den Einsatz von Kunstlicht beherrsche, werde unabhängig von Tages- und Jahreszeiten, von Sonne oder Wolken und von raschen natürlichen Lichtwechseln.

Als nächstes, erklärt Astrid Adlhoch, müsse man muss das Produkt verstehen. Was macht es aus? Welchen Charakter hat es? Welche Geschichte lässt sich erzählen? Welche Emotionen lassen sich hervorrufen?

Eine endlos teure Ausrüstung benötige man dafür nicht unbedingt: „Ich glaube nicht, dass man sich eine total teure High-End-Kamera kauft, und schon entstehen die besten Bilder. Auch mit einer günstigen Kamera kann man super Foodfotos schießen – wenn man den Rest verstanden hat“, ist sie überzeugt.

Top-Model Romanesco

Adlhoch arbeitet derzeit für kleine und mittelständische Unternehmen, deren Produkte sie in Szene setzt. „Natürlich gibt es da dankbarere und undankbarere Produkte“, erklärt sie. „Wenn ich ein so superinteressantes Teil habe wie einen Kopf Romanesco, also diese Kreuzung aus Blumenkohl und Brokkoli, der von sich aus schon so viel bietet, da muss ich gar nicht groß was machen, da ist kein Foodstyling nötig. Man achtet auf Licht und Schatten, fertig, das funktioniert fast von selbst.“ Anders sehe es aus bei einem Eintopf oder bei Gulasch, wo alles einsinkt und verschwindet und oben nur noch eine braune Oberfläche bleibt. Da sagt sie offen: „Das ist ziemlich langweilig, also muss ich mir hier etwas einfallen lassen. Ich würde in so einem Fall eine kleinere Schale umgedreht in den Teller stellen, diesen befüllen und oben auf dem Schalenboden die einzelnen Zutaten arrangieren, also die Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Paprika und so weiter.“ Damit das Ganze möglichst auch eine ansehnliche Farbe bekommt, werden die Bestandteile vom Großteil der Soße befreit, um mit der Optik spielen zu können.

Was uns zur Frage bringt, die viele Menschen umtreiben dürfte, die täglich mit Werbefotos konfrontiert sind: Ist das, was wir in der Werbung an Lebensmitteln sehen, tatsächlich echt oder wird da nicht oftmals nachgeholfen? Man denke etwa an eine Kugel Eiscreme, fast zu perfekt und ebenmäßig, um wahr zu sein. Von KI-Bildern gar nicht zur sprechen, die wir hier ganz bewusst ausklammern.

Klar, wird auch getrickst

„Grundsätzlich ist es schon möglich, das meiste als reales Produkt zu fotografieren, wenn man entsprechend vorgeht“, sagt Adlhoch. Oberstes Gebot sei da Geschwindigkeit, und zwar dann, wenn es darauf ankommt. Dafür müsse alles perfekt vorbereitet sein: Das Setup, das Licht, die Probeschüsse mit einem passenden Dummy – also einem Probeprodukt. Das Foto der tatsächlichen Speise kommt dann zum Schluss, ist letztlich nur noch die Bestätigung der ganzen Vorarbeit.

Die kleinen großen Unterschiede: Astrid Adlhochs Weihnachtsgebäckfoto (Ausschnitt).
Die kleinen großen Unterschiede: Astrid Adlhochs Weihnachtsgebäckfoto (Ausschnitt).

Natürlich, stellt Astrid Adlhoch klar, werde in der Branche getrickst. Da komme stabiler Rasierschaum anstelle von rasch schmelzender Sahne zum Einsatz, auch gerne mal Motoröl anstatt Ahornsirup über die Pancakes. Schon 1946 verwendete der US-amerikanische Fotograf Nicholas Murray Haarspray zum Fixieren fragiler Zutaten. Als ihr schwierigstes Motiv nennt die Fotografin eine Sahnehaube mit Schokostückchen auf einer Tasse mit einem Heißgetränk.

Motoröl auf Pfannkuchen

Eine größere Rolle im Werbealltag spielt die Foodfotografie seit etwa den 1970er-Jahren. Im Grunde ist es eine Geschichte von technologischem Fortschritt, künstlerischer Innovation und kulturellem Wandel. Sie zeigt, wie sich unsere Beziehung zu Essen über die Zeit verändert hat und weiterhin verändert. Das Bild der Speise ist nicht mehr nur Werkzeug der Werbung, sondern auch ein (pop-)kulturelles Phänomen, das unsere Essgewohnheiten und ästhetischen Vorstellungen prägt.

Vorreiter einer extrem klaren Darstellung von Essen war der Allgäuer Christian Teubner. Der gelernte Koch und Konditor stellte fest, dass es keine Bücher für Branchenprofis gab, die praktische Handreichungen für die tägliche Arbeit lieferten. Sein 1980 erschienener Band „Das große Buch der Pasteten“ war der Auftakt für zahlreiche Veröffentlichungen, die größtenteils die produktbezogene Warenkunde zum Thema hatten, nackt und realistisch fotografiert. Erst im zweiten Teil folgten Rezepte, aber auch diese mit Fotografien, die nie künstlich aufgehübscht waren.

Zu Astrid Adlhochs Ausstattung gehört aber auch genau dies: Ausstattung. Schränke voll mit schönen Dingen. Geschirr, Besteck, Antikes, Saisonales, Bastelsachen, vieles davon von Flohmärkten, fast immer Einzelstücke. „Setting und Storytelling sind wichtig, auch wenn nicht alles klar zu sehen, sondern aufgrund der Unschärfe, mit der ich gerne arbeite, mehr zu ahnen ist.“

Der Selbstversuch

Damit sind wir zurück bei unserem weihnachtlichen Aufbau. Auf dem Tisch eine Schale, in der nach und nach verschiedene Kekse arrangiert werden. Dahinter ein Mini-Tannenbäumchen, festlich geschmückt, dazwischen ein paar Christbaumkugeln, davor eine Spule mit weiß-rotem Garn. Im Hintergrund ein leichtes Tuch, daran angeklebt Käbelchen mit Leucht-LEDs. Die Kamera ist auf dem Stativ positioniert und mit einem Tether-Kabel mit dem Computer verbunden, auf dem auch die Bildbearbeitung installiert ist. Das Licht von der Seite wird passend gemacht, ein kleiner Reflektorschirm auf der anderen Seite wirft es zurück.

Die kleinen großen Unterschiede: Das Weihnachtsgebäck-Handyfoto unserer Autors.
Die kleinen großen Unterschiede: Das Weihnachtsgebäck-Handyfoto unserer Autors.

Astrid Adlhoch legt per Fernbedienung los, macht Probeaufnahmen, korrigiert ihre Variablen. Der Berichterstatter hält mit dem Smartphone drauf, wäre doch gelacht, wenn das nicht auch klappen würde. Zwei Tage später geht im Mailpostfach Astrid Adlhochs bearbeitetes Foto ein, mit lieben Grüßen. Der Fotovergleich zeigt: Gut, dass es Menschen gibt, die so was beruflich können.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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