Leben
Work-Life-Balance neu definiert: Arbeiten im Herzen der schwedischen Wildnis
Manchmal streift ein einzelnes Rentier am Holzhaus vorbei, manchmal ist es eine ganze Herde. Und ganz selten taucht ein Elch auf – als stiller Beobachter, nie wirklich störend. Denn genau diese Nähe zur Natur ist es, die Peter Huber gesucht hat. Gemeinsam mit seinem Husky Grim hat er sich tief in der unberührten Wildnis Schwedens eingerichtet. Ein Ort fernab vom Alltag, wo er jedes Jahr zu Sommerbeginn für einige Wochen lebt – nicht zum Abschalten, sondern zum Arbeiten.
Ein Laptop, eine stabile Internetverbindung – mehr braucht es heute oft nicht, um beruflich voll einsatzfähig zu sein. Das klassische Büro verliert an Bedeutung, während der Arbeitsplatz zunehmend dort ist, wo man gerade sein will. „Remote Work“ nennt sich dieses ortsunabhängige Arbeiten, das immer mehr Menschen für sich entdecken.
Den treuen Begleiter immer dabei
Auch Peter Huber wollte diese Freiheit. Als Marketingexperte bei einem Start-up für Nahrungsergänzungsmittel ist er für die Planung, Umsetzung und Auswertung von Kampagnen zuständig – eine Mischung aus Technik und Kreativität. Und genau das lässt sich hervorragend auch aus einer abgelegenen Hütte irgendwo in Skandinavien erledigen. „Ein Tapetenwechsel tut einfach gut“, sagt er. „Man kommt auf neue Ideen und sieht mal etwas anderes. Sonst würde ich den ganzen Tag hauptsächlich in meiner Wohnung sitzen – da fällt einem irgendwann die Decke auf den Kopf.“
Mindestens einmal im Jahr zieht es ihn deshalb raus in die Natur. Und warum gerade Schweden? Der Hauptgrund hat vier Beine, ein dichtes, buschiges Fell – und liebt die Kälte: sein Husky Grim. „Ohne ihn würde ich vielleicht auch mal in den Süden fahren“, meint der 28-Jährige schmunzelnd. „Aber man kennt seinen Hund – und weiß, was ihm guttut. Die Temperaturen von fünf bis zehn Grad um diese Jahreszeit sind für ihn ideal.“ Und für das Wohl seines Fellnase nimmt er einiges auf sich. Die Vorbereitungen für den Trip in den Norden starten lange vor der eigentlichen Reise. Proviant, Hundefutter, Technik, Wanderausrüstung und Angeln dürfen nicht fehlen.
„Insgesamt bin ich mit dem Auto rund zweieinhalb Tage unterwegs“, sagt Huber. Vom südpfälzischen Landau aus geht es quer durch Deutschland und Dänemark bis nach Frederikshavn. Alle vier Stunden heißt es: anhalten – Gassi gehen. Um sich ein paar Stunden hinzulegen, nutzt er sein Dachzelt auf dem Auto. Von Dänemark aus setzt er mit der Fähre nach Göteborg über und fährt schließlich noch einmal acht Stunden nach Norden, bis er sein Ziel Idre in Mittelschweden, etwa 30 Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt, erreicht.
Homeoffice liegt im Trend
Die nächsten Wochen wird er hier in einer Ferienhütte leben. Es fehlt an nichts: Küche, Grill, Waschmaschine, sogar eine Sauna gibt es. Das Wichtigste aber liegt eigentlich außerhalb der vier Wände: die unberührte Natur. Vor allem Grim kann es kaum erwarten, die Gegend zu erkunden. „Aus einer Kleinstadt mit vielen jungen Leuten hierher in ein Haus mitten im Nirgendwo zu kommen – das ist erst einmal ein harter Wechsel. Man braucht etwas Zeit, um sich an die Ruhe und die Abgelegenheit zu gewöhnen“, erzählt der Südpfälzer. Doch genau diese Ruhe habe er gesucht.
Seit der Coronapandemie hat sich das Homeoffice in Deutschland weitgehend etabliert. Für viele entfällt damit der tägliche Arbeitsweg, man steckt nicht im Stau oder in vollen Zügen fest, und Privat- und Berufsleben lassen sich besser aufeinander abstimmen. Im Jahr 2023 haben laut dem Statistischen Bundesamt rund 23,5 Prozent von zu Hause aus gearbeitet und damit fast doppelt so viele wie im Jahr 2019. Davon nutzen 13,2 Prozent täglich oder mindestens die Hälfte der Arbeitszeit das Homeoffice. Weitere 10,4 Prozent arbeiteten an weniger als der Hälfte der Arbeitstage von zu Hause aus.
Die Gefahr beim Homeoffice ist, dass die Arbeit zu einem Einheitsbrei wird“, sagt Peter Huber. Die ewige Wiederkehr des Gleichen muss vermieden werden. Ohne ein Büro mit Kollegen sei vor allem Disziplin zur Selbstorganisation gefragt. Aber auch Routinen, wie die täglichen Gassirunden, helfen, den Tag zu strukturieren und auch mal an die Luft zu kommen.
Meetings geben in der Abgeschiedenheit einen großen Rahmen
An frischer Luft mangelt es in Schweden sicher nicht. Manchmal setzt sich Peter auch einfach mal an den nahegelegenen See – sei es, um in Ruhe zu arbeiten oder ganz entspannt die Angel auszuwerfen. Ein gewöhnlicher Arbeitstag wird dadurch schnell zu etwas Besonderem. Während er an seinem Laptop sitzt, kann Grim geduldig am Ufer den Rentierspuren nachschnüffeln. Das Naturidyll hilft, die Gedanken frei zu bekommen und neue Energie zu tanken.
Trotz der Abgeschiedenheit bleibt Huber mit der Welt verbunden. Die Meetings und Videoanrufe mit Kollegen geben ihm hier einen großen Rahmen vor. Auch seine Kollegen arbeiten teilweise hundert Prozent aus dem Homeoffice. „Das Start-up ist noch relativ jung, die Gründer haben selbst kleine Kinder und wissen das flexible Arbeiten zu schätzen“, erklärt Huber. „Trotzdem legen sie Wert darauf, dass das 24-köpfige Team mindestens einmal im Quartal physisch zusammenkommt.“
Die Flexibilität, die das Remote-Arbeiten in der Natur mit sich bringt, bedeutet auch, dass er abends noch einmal den Laptop aufklappt, wenn er mittags unterwegs war oder draußen die frische Luft genossen hat. Der Südpfälzer merkt, dass er hier konzentrierter arbeitet. Ein Umfeld ohne lästige Störungen fördert seine Produktivität und gibt ihm den Raum, sich ganz auf seine Aufgaben zu fokussieren.
Was Peter Huber in der Abgeschiedenheit besonders auffällt: Er hat sein Handy deutlich weniger in der Hand und ist kaum auf sozialen Netzwerken unterwegs. Auch das tut gut. Außerdem gebe es keine Partys, keine Bars, keine Events, die ihn ablenken könnten. „Das Lauteste hier ist das Rauschen der Bäume“, sagt der junge Mann. Diese Ruhe ist aber nicht nur eine große Chance, sondern auch eine Herausforderung. Das Thema Einsamkeit spiele natürlich eine Rolle, fernab von Freunden und der Zivilisation. Sich spontan zum Essen zu verabreden oder etwas trinken zu gehen, ist nicht drin und im Notfall ist sogar das nächste Krankenhaus rund eineinhalb Stunden entfernt. Doch auch das sei notwendig: „Ich versuche, diese Zeit ganz bewusst zu nutzen, um das vergangene Jahr zu reflektieren. Welche Ziele habe ich? In welchen Bereichen meines Lebens will ich mich weiterentwickeln? Dieses bewusste Zurückziehen ist für mich seit Jahren ein fester Bestandteil.“
Nach Wochen der Stille und der intensiven Verbindung mit der Natur weiß er es dann umso mehr zu schätzen, Freunde zu treffen und sich auszutauschen. Diese Balance zwischen Rückzug und Gemeinschaft, zwischen Ruhe und sozialem Leben ist für ihn essenziell geworden.
Selbstorganisation ist der Schlüssel
Work-Life-Balance, würde man es heute wohl nennen, was der 28-Jährige praktiziert. Doch für ihn hat dieses oft beschworene Narrativ der Balance zwischen Arbeit und Freizeit vor allem etwas mit Selbstorganisation zu tun. „Dieses Gleichgewicht profitiert selten automatisch von Remote-Jobs“, sagt er. Gerade bei einem klassischen 9-bis-5-Job im Büro sei es eigentlich leichter, Arbeit und Freizeit klar zu trennen. Zu Hause oder an abgelegenen Orten müsse man sich diese Struktur selbst schaffen – und das sei eine echte Herausforderung, so Huber.
Organisation hat er vor allem durch seinen sechsjährigen Hund Grim gelernt. Die Wochenenden planen, regelmäßige Gassirunden in den Alltag einbauen, den Überblick über die Zeit behalten und feste Routinen aufbauen – all das sei zwar anstrengend gewesen, für ihn aber zum Schlüssel geworden, um den Tag sinnvoll zu strukturieren. „Grim sorgt dafür, dass ich täglich mindestens zwei Stunden an der frischen Luft verbringe, egal ob beim Spazierengehen, Radfahren oder einfach nur beim Durchatmen in der Natur“, sagt Huber. „Diese regelmäßigen Pausen sind nicht nur gut für den Kopf, sondern auch für den Körper – besonders, wenn man viel Zeit am Schreibtisch verbringt.“
Vorfreude auf die Südpfalz
An den Wochenenden in Schweden nutzt Huber die Zeit, um in den nahegelegenen Nationalparks wandern zu gehen, die Stille der Natur auf sich wirken zu lassen oder in der Hängematte zwischen zwei Bäumen zu lesen oder die Gitarre zu spielen, die er eingepackt hat. Generell nehme er nur wenig mit auf seinen Trip nach Skandinavien: „Zwei Hosen, zwei Pullover, zwei Hemden, vier T-Shirts, Unterhosen, Socken. Mehr brauche ich nicht.“ Seine Kamera hat er allerdings immer dabei, um besondere Momente festzuhalten: das Lichtspiel im Wald, Grim beim Toben im Schnee oder die beeindruckende Landschaft.
Trotz all der Schönheit und Ruhe in Schweden freut er sich nach einigen Wochen auch wieder auf die Heimat in der Südpfalz. Der Mangel an Kultur und sozialem Austausch würde auf Dauer doch fehlen. Für ihn ist es wichtig, die Balance zu finden zwischen der Einsamkeit der Natur und dem lebendigen Miteinander daheim. Die Weinfeste, die gemütlichen Abende mit Freunden und all die kleinen Dinge, die die Südpfalz prägen, sind für ihn kostbare Highlights, auf die er sich nach der Zeit in der Abgeschiedenheit umso mehr freut. Die Rentiere sieht er dann nächstes Jahr wieder.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.