USA
Wie viel Cowboy steckt in Donald Trump?
Herr Landwehr, „Mythos Cowboy“ heißt ein Kapitel Ihres Buchs. Wie viel Wilder Westen steckt noch in den USA des Jahres 2024?
Davon steckt noch eine ganze Menge in den Amerikanern. Das ist tief eingebrannt in das kollektive Gedächtnis. Da hat Hollywood eine große Rolle gespielt. Diese Vorstellung davon, dass es irgendwo ein Gebiet gibt, in dem die Zivilisation noch nicht da ist, und dass der wahre Mann und der wahre Amerikaner noch in Freiheit die Dinge gestalten kann und das Land für sich erobert. Das ist ein Amerika, wo man eben auch die wahren amerikanischen Werte lebt, die Werte des „Ich kümmere mich um mich selbst“ und des „Der Nachbar ist der Wichtigste“. Diese alten Werte gelten eben immer noch.
Donald Trump trägt ja einige Attribute des Cowboys: Zumindest präsentiert er sich so, dass er ein Macher sei, dass er schnell und entschieden handelt. Joe Biden käme dann die Rolle des Ärmelschoner tragenden Buchhalters in der Bank zu?
Ja, wenn man bei diesem Mythos bleibt, dann ist Donald Trump tatsächlich der Macher. Das ist derjenige, der den Wilden Westen aufräumt und zähmt, auf seine Art und Weise. Und das eben auch als wahrer Mann tut. Es gibt diese Vorstellung davon, man müsse eben kämpfen und sein Recht durchsetzen können. Während Joe Biden hingegen den Osten repräsentiert. Der zu dem geworden ist, was man nicht sein wollte, nämlich zu diesem neuen Europa.
Wenn man so will: Trotz der kapitalistischen Industrialisierung, die das Land seit dem 19. Jahrhundert natürlich insgesamt modernisiert hat, gilt im Westen immer noch das Ideal der Einheit von Besitz und Arbeit. Das prägt die Identität: Ich bin Farmer, ich habe einen Besitz, ich lebe von meiner Hände Arbeit. Mit der Industrialisierung und mit der neuen globalisierten Wissensgesellschaft hat das abgenommen. Das alte Ideal ist entwertet und Joe Biden ist der Repräsentant dieser neuen Welt, die eigentlich eine europäische ist.
Zu Trump passt noch die schillernde Figur des fahrenden Betrügers, der mit dem Planwagen in den Ort kommt, Wunderarzneien anpreist und sich dann aus dem Staub macht. Trump ist erwiesenerweise ein Betrüger. Warum nehmen ihm das so viele Amerikaner nicht krumm?
Das, was Sie schildern, ist das Bild der Elite, die Trump nach diesen Maßstäben misst. Ich war auf ziemlich vielen Donald-Trump-Veranstaltungen, habe mit den Leuten geredet, die stundenlang angestanden sind, um da teilzunehmen, und wenn man die fragt, dann sagen die: Weißt du, das ist der einzige Politiker, der uns noch nie belogen hat. Trump ist für sie der Politiker, der vor der Wahl etwas verspricht und es nach der Wahl hält. Er hat ihnen gesagt, er wird eine Mauer zu Mexiko bauen und dann hat er angefangen eine Mauer zu Mexiko zu bauen. Er hat gesagt, „Ich setze mich für euch ein, ich werde gegen diese Eliten arbeiten“, und in den Augen der Menschen hat er genau das getan. Er präsentiert sich als Anti-Politiker und das imponiert. Also, das mit dem Lügner und dem Wundermittelverkäufer kann man so oder andersherum sehen. Für seine Wähler ist er einer, der Wundermittel verkauft, die wirken.
Also Trump ist einer, der authentisch ist, und das stärkt sein Macher-Image?
Er geriert sich eben so, wie die normalen Menschen sind. Sie identifizieren sich auch mit ihm, weil er spricht wie sie. Das ist ja eine sehr einfache Sprache mit eingängigen Sprachbildern. Meine Frau sagt auch – die kann ganz gut Englisch, aber sie sagt, das ist der einzige US-Politiker, den ich verstehe. Er hat aber auch ein Gefühl für die Sorgen, die die Leute haben. Er schimpft dann zum Beispiel auf Mexikaner und hat Schimpfworte für andere Politiker. Das wirkt wie so ein Ventil und begeistert die Anhänger. Trump ist da ganz nah an den Leuten, obwohl er als Person eigentlich etwas ganz anderes als sie ist. Ein reicher New Yorker! Also exakt das Gegenteil von einem Mittelstandsarbeiter in Kentucky. Trotzdem empfindet so einer Trump als seinen Verbündeten.
Trumps Gegner erklären das Phänomen Trump auch mit „weißem Nationalismus“. Der ist ja durchaus Trumps Weltsicht. Welche Rolle spielt der Rassismus, der damit einhergeht?
Trump würde nie sagen, Schwarze sind schlechter als Weiße. Ja, er hat gegen Mexikaner gewütet…
Und gegen Muslime.
Ja, genau. Damit trifft er aber auch eine tiefsitzende Angst: Da kommt jetzt eine Kultur, die so gestrickt ist, dass sie die Macht übernehmen will. Gefährlich ist, dass er den Leuten beibringt, dass es so etwas wie einen Anti-Weißen-Rassismus gibt. Er sagt: „Es kann doch nicht sein, dass andere durch eine Quotenregelung gegenüber uns bevorzugt werden.“ Das empfinden die Leute so: Ich kriege einen Job nicht, meine Kinder werden nicht zur Hochschule zugelassen, die sie wollen, weil jemand anderes, der schlechtere Noten hat, nach der Quote für Minderheiten gefördert werden muss. Es ist Trump gelungen, diese Sichtweise zum kollektiven Narrativ der Mittelschicht zu machen.
Die Alltagssorgen vieler Amerikaner, zum Beispiel die horrenden Arztrechnungen und die Medikamentenabhängigkeit von Millionen, die süchtig geworden sind nach Schmerzmitteln, das beschreiben Sie in Ihrem Buch. Ist der American Dream längst ein Albtraum oder ist das auch überzogen?
Für ganz viele ist es das. Also wenn ich zu amerikanischen Freunden nach Hause komme, die Kinder haben, da bekommt man das mit. Die reden beim Abendbrot darüber, ob das Geld reicht, das man zurückgelegt hat, um die Schulausbildung zu bezahlen. Über die Sorge, ob man ausreichend versichert ist, wenn man mal krank wird. Dass man wegen einer Krankheit arm wird. Diese Angst ist real. Und ganz ehrlich: Das Leben in Amerika, wenn man nicht so viel Geld hat, ist ein hartes.
Amerika ist das Land der Cowboys, und es gilt auch als Land des Jugendkults. Das ist zumindest so ein Stereotyp, das wir haben. Gleichzeitig haben wir diese zwei sehr alten Männer, die der nächste Präsident sein wollen. Wie erklären Sie sich das, dass zwei alte Männer aller Voraussicht nach bei den Parteitagen im Juli und August die Kandidaten der beiden großen Parteien werden?
Also drei Viertel der Amerikaner finden das ganz schrecklich. Egal, welcher Partei sie angehören. Sie halten das für die falsche Wahl.
Aber trotzdem sind es zwei alte Männer als die Hauptkandidaten …
Das hat mit Tradition zu tun. Wenn ein amtierender Präsident sagt, er will noch mal, dann lässt man ihn. Sie haben anscheinend alles versucht, ihn davon abzubringen, aber …
Es war also auch Bidens eigene Entscheidung?
Es war seine eigene Entscheidung. Er ist anscheinend der festen Überzeugung, dass er der Einzige ist, der Donald Trump schlagen kann. Und sein großes Ziel ist, Trump endgültig zu verhindern.
Und bei den Republikanern?
Da ist es etwas anders. Da hat es Trump geschafft, in diesen acht Jahren mittlerweile, die er auf der ganz großen Politikbühne steht, die Partei ganz auf sich zuzuschneiden. Die Partei betreibt fast einen Personenkult. Und diejenigen, die das klassische Republikanertum vertreten, die werden verächtlich Country-Club-Republicans genannt. Die spielen kaum noch eine Rolle, sind ausgebootet. Und jeder hat Angst, dass er, wenn er sich gegen Trump stellt, seine politische Karriere verliert.
Gehen wir noch einmal ein Stück zurück, dazu, wie es zu all dem gekommen ist – ins Jahr 2016. Da haben viele in Deutschland, aber auch in den US-Medien Trump nicht ernst genommen. Man hat ihn eher reduziert auf die Sprüche, auf das Exotische.
Ja, man hat ihn reduziert auf diese Dinge, man hat aber auch in der Bewertung die eigenen Maßstäbe angelegt, die eben nicht alle Amerikaner so teilen. Nehmen wir das Thema Frauen. Egal, mit wem man gesprochen hat, die haben alle gesagt, das war’s nun, als das Video herauskam, in dem Trump prahlte, er könne Frauen einfach so zwischen die Beine grapschen. Da hieß es, keine Frau der Republik werde ihn nun mehr wählen. Und was war? Ganz viele Frauen haben ihn gewählt. Das gleiche geschah in den Kirchen der Evangelikalen. Da habe ich gefragt: Das passt doch gar nicht zu euren Moralvorstellungen. Dann sagen die, ne, klar, natürlich nicht. Aber wir wählen hier auch nicht unseren Pfarrer. Wir wählen den Präsidenten und da kommt es darauf an, ob der unsere Interessen vertritt. Ob der zum Beispiel beim Thema Abtreibung auf unserer Seite steht. Ob er Richter nominiert, die nach unserem Glauben handeln.
Da hat er geliefert.
Ja. Und dann verweisen sie auf die Bibel. Da steht im Buch Könige über David, den großen Anführer des Volks Gottes, dass er auch kein Kind von Traurigkeit war.
Man muss nicht moralisch sein, um ein Werkzeug Gottes zu sein?
Nein. Manchmal muss er sogar unmoralisch sein, um ein Werkzeug Gottes zu sein.
Diese Debatten um Polarisierung, um Identität, hier die Ostküste, da der Wilde Westen, das haben wir ja auch in Deutschland. So wie manche nicht verstehen, dass Trump gewählt wird, verstehen manche Deutsche nicht, wie man die AfD wählen kann. Sind wir auf demselben Weg wie die USA – oder ist Deutschland am Ende doch kulturell und politisch ganz anders?
Wir sind kulturell schon anders. Und auch politisch sind wir schon anders. Das ist dramatischer in einem so großen Land mit so einer weiten Kluft zwischen den Landesinneren und den Küsten mit ihren großen Städten mit den akademischen Eliten. Auch der Unterschied zwischen Arm und Reich ist nicht so drastisch hier, obwohl wir uns schon in dieselbe Richtung entwickeln. Ich finde einen Satz überzeugend, den Barack Obama gesagt hat: Donald Trump ist ja nicht die Ursache unserer Probleme, sondern er ist das Symptom. Es gibt ganz viele Menschen, die sich durch etablierte Politik nicht mehr repräsentiert fühlen. Und ich glaube, dass das auch hier gilt: Die AfD ist nicht die Ursache unserer Probleme, sie ist das Symptom.
Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel: Wie geht es aus im November, auf wen würden Sie ihr Geld setzen?
Vier Monate sind im US-Wahlkampf eine Ewigkeit. Zwei Wochen sogar können alles verändern. Aber wenn ich mir die Umfragezahlen von heute ansehe, dann hat Donald Trump echt gute Chancen , und das war auch schon vor der für Joe Biden so verheerenden Debatte deutlich. Er führt in fünf der sieben Swing States, also jenen wenigen Staaten, in denen das Rennen offen ist. In den meisten Staaten steht das Ergebnis ja schon fest. Der Anteil der Afroamerikaner, die Trump wählen wollen, hat sich mehr als verdoppelt. Von sechs auf 20 Prozent. Junge Wähler wandern zu Trump. Auch bei den Hispanics, Latinos, die sich hochgearbeitet haben, verfängt Trumps Botschaft, dass da Zuwanderer kommen, die ihnen alles wegnehmen wollen. Wäre morgen die Wahl, würde Trump glaube ich gewinnen.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.