Schifferstadt
Demokratie unter Druck: Viele wollen bei Aktion ihr Gesicht zeigen
Seit Jahrzehnten kennen wir es nicht anders: Wir wählen unsere Regierung frei, äußern frei unsere Meinung, üben unsere Religion unbehelligt aus und verlassen uns darauf, dass vor unabhängigen Gerichten alle gleich und schwächere Mitglieder unserer Gesellschaft geschützt sind. Man nennt es Demokratie. Doch dieser humanistische Ansatz gerät zunehmend unter Druck – 2023 hatten bereits sechs Prozent der Deutschen eine Diktatur befürwortet.
Parteien mit einem rechtsextremen Weltbild finden großen Zuspruch, welt-, europa- und landesweit. Verfassungsfeindliche und menschenverachtende Äußerungen, rechtswidrige Gesetzesvorhaben und Übergriffe haben erschreckende Ausmaße angenommen. Wie kann es gelingen, unsere Demokratie zu erhalten? Die Fotoaktion „Demokratie – Akzeptanz – Vielfalt“ geht in eine weitere Runde. Am Freitag gab es die Möglichkeit im Schifferstadter Rathaus, mit dem eigenen Porträt für seine Haltung zur Demokratie Gesicht zu zeigen. So ähnlich wie das einen Tag später der Bundespräsident in Neustadt tun sollte.
Ein Fotograf als Ideengeber
„Auf Demonstrationen und Infoveranstaltungen zeigen sich immer mehr Menschen, die unsere Regierungsform unterstützen; diese Masse ist beeindruckend“, sagt Fotograf Thomas Brenner, Ideengeber und Leiter der Plakatkampagne parteiunabhängiger Medienschaffender. „Wir wollen das ergänzen – unser Ansatz geht dahin, Menschen mit einer demokratiefreundlichen Haltung individuell und öffentlich sichtbar zu machen.“ Der 65-jährige Westfale ist künstlerischer und Berufsfotograf und hat bereits einige Projekte mit sozialen Inhalten durchgeführt – unter anderem zur Prävention von Suizid, Kinderunfällen im Straßenverkehr, Gewalt an Schulen, für Barrierefreiheit oder Zivilcourage.
„Es ist wichtig, dafür einzustehen“
„Es ist wichtig, sein Gesicht für Demokratie zu zeigen und für sie einzustehen“ – darin sind sich alle einig, die an diesem Tag das Foyer des Rathauses Schifferstadt aufsuchen, um sich von Brenner ablichten zu lassen. Es sind nicht wenige; der Besucherstrom ist stetig, und der Auslöser von Brenners Kamera steht nicht still. „Ich möchte zeigen, wofür ich stehe, und das gerade jetzt, wo es so viele beunruhigende Strömungen in unserer Gesellschaft gibt“, begründet Dagmar Kopf ihr Mitmachen, bevor sie vor die Kamera tritt. Der Auslöser klickt, und Dagmar Kopf darf sich das Foto aussuchen, das ihr am besten gefällt.
Dieses Bild wird später in der Bildergalerie der Aktions-Website, möglicherweise aber auch auf einem Plakat an öffentlichen Plätzen wie Haltestellen, in Stadtbussen oder auf einem Citylight zu sehen sein. Auf dem Bild befindet sich neben dem eigenen Vornamen auch immer ein Statement, das aus einem einzigen Wort besteht, zum Beispiel „Demokratie-Fan“, „Demokratie-Liebhaberin“ oder „Demokratie-Befürworter“. Die individuellen Bezeichnungen können aus einer Liste ausgewählt werden. Man darf sich aber auch eine eigene Beschreibung geben.
Auch Fraktionen vertreten
Bernd Strubel ist ein „Demokratie-Optimist“, „und deshalb bin ich hier“, sagt er. Seine Frau Ingrid steht derweilen mit ihrer Kollegin Ute Sold, der ehrenamtlichen Gleichstellungsbeauftragten von Schifferstadt, an ihrem Infostand. Das generationen-, parteien- und konfessionenübergreifende „Bündnis für Demokratie und Toleranz Schifferstadt“ nutzt an diesem Tag die Gelegenheit, mit Flyern und im persönlichen Gespräch auf seine Workshops, Veranstaltungen und Vortragsreihen zu demokratischen Werten wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität aufmerksam zu machen.
„Als wir den Antrag im Stadtrat für die Durchführung der Fotoaktion gestellt haben, wurde dieser mehrheitlich angenommen. Es wurde Zeit, dass auch unsere Stadt dabei mitmacht“, berichtet Laura Ehm, Fraktionsvorsitzende der CDU Schifferstadt. Auch Grünen-Stadträtin Ramona Klein befürwortete die Aktion, „denn so können sich Personen zeigen, die demokratisch denken und handeln. Sie sind das Gegengewicht zu denjenigen, die ihre antidemokratische Haltung gerade lautstark nach außen tragen“.
Gleichgesinnte treffen
Karoline Nicklas, ehrenamtlich in der evangelischen Gemeinde aktiv, machen solche Tendenzen zu schaffen: „Ich bin manchmal mit Menschen konfrontiert, die die Demokratie ablehnen, und ich weiß nicht, ob und wie ich in einem Bundesland mit antidemokratischer Regierung noch Beamtin sein könnte“, so ihre Überlegung. Vielen tut es gut, Gleichgesinnte zu treffen und mit ihnen spontan ins Gespräch zu kommen, wie es Karoline Nicklas und Uwe Huege, der im „The Who“-T-Shirt hinzukommt, tun.
„Dankbar und froh, in einer Demokratie leben zu dürfen“ sind Sigrid und Peter Schlindwein. Gerne waren auch sie dem Aufruf gefolgt, mit Gesicht und Namen für ihre Haltung zu stehen. „Wir haben das Fotoprojekt Anfang 2024 in der Pfalzbibliothek Kaiserslautern gestartet; inzwischen haben über 7300 Menschen daran teilgenommen“, sagt Thomas Brenner. In Schifferstadt sind am Ende des Tages weitere 231 Menschen mit ihrem Konterfei für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eingestanden – „wir haben ohne Pause bis 19.15 Uhr durchgearbeitet“, berichtet Brenner. Und es wird weitergehen.
Noch Fragen?
Mitmachen können Schulen, Vereine, Aktionsbündnisse, Stadt- und Gemeindeverwaltungen und Unternehmen. Weitere Informationen: www.demokratie-akzeptanz-vielfalt.de.