Reise
Wie eine Stadt im Spessart die Heimat von Schneewittchen wurde
In der kleinen Stadt Lohr am Main, hinter den sieben Bergen im Spessart, lebten einmal drei Männer. Der eine besaß die örtliche Apotheke. Der zweite war Schuhmacher. Der dritte leitete das Museum im Schloss. Dort gab es mancherlei zu sehen. Aber Weltbewegendes war nicht darunter. So war die Stadt mit ihren über 400 Jahre alten Fachwerkhäusern in den Gassen zwischen dem Schloss und dem Main märchenhaft verträumt anzuschauen.
Jenseits der sieben Berge wusste das niemand. Eines schönen Abends trafen sich die drei Männer. Bei einem Schoppen Wein oder zwei sprachen sie über die roten Äpfel der Region, die Herstellung von Spiegeln in der Stadt und die alten Bergwerke in der Umgebung. Und sie sprachen über die fränkischen Adeligen von Erthal, die in Lohr residierten. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen, dass Schneewittchen aus dem Märchen der Brüder Grimm eine von ihnen gewesen sein musste.
Schneewittchen begüßt die Gäste mit einem Apfel
Vier Jahrzehnte später steht Stadtführerin Karin Mähler im Schneewittchenzimmer des Lohrer Schlosses. „Wenn Sie so wollen, nahm hier die ganze Geschichte ihren Anfang“, sagt sie. Mit seinen Rundtürmen nach französischem Vorbild sieht der Bau aus wie ein Märchenschloss von Disney. 1719 war Philipp Christoph von und zu Erthal hier eingezogen. Um die zugige Immobilie für seine Frau Eva Maria behaglich zu gestalten, ließ er den Salon mit neumodischer Seidentapete bekleben und einen großen Ofen einbauen. Beides ist noch da und heute eine Rarität. „Hier am Fenster saß sie dann im Winter bei Handarbeit, stach sich womöglich mit der Nadel in den Finger und wünschte sich eine Tochter, weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie das Ebenholz der Fensterrahmen“, sagt Mähler. So geschah es. Das fünfte Kind war Maria Sophia. Und als sie 13 war, starb ihre Mutter im Kindbett und eine Stiefmutter zog ins Schloss.
Dass Maria Sophia nicht wirklich die Vorlage für Schneewittchen war, wussten auch die drei Männer, die sich eher einen Spaß gemacht hatten. Aber weil die Geschichte so gut ist, ein Märchen über ein Märchen sozusagen, tummeln sich inzwischen ein Dutzend Schneewittchens in Lohr am Main und begrüßen die Gäste mit roten Äpfeln. Vor allem seit eine US-Reederei Flusskreuzfahrttouristen in die Stadt karrt, brummt das Geschäft. Luisa Damm ist eine von ihnen, 25 Jahre, Masterstudentin, im Minijob Märchenfigur. „Meine Oma hat mir immer gedroht, mich zu enterben, wenn ich mir die Haare abschneide“, erzählt sie lachend. Mit blasser Haut und rot geschminkten Lippen steht Luisa vor dem Spiegel neben der Tourist-Info. Spiegel wurden tatsächlich im 18. Jahrhundert in Lohr mit Quecksilber und Zinnfolie produziert und kostbare Exemplare mit „sprechenden“ Sinnsprüchen verziert. Auch die sieben Berge gibt es und der Schneewittchenweg führt auf 33 Kilometern über Habichtstal und Partenstein mitten hindurch.
Ob die Landschaft die Gebrüder Grimm inspiriert hat?
„Im Grunde ist das hier eine industrielle Brache“, erklärt Gerrit Himmelsbach vom Institut für Kulturlandschaftsforschung an der Universität Würzburg. Zusammen mit seiner Kollegin Anika Magath hat er Schneewittchens möglichen Fluchtweg zu den sieben Zwergen bei Biebergemünd ausgeschildert. Unterwegs zeigt Himmelsbach die künstlichen Kanäle, die Wasser zu den Wasserrädern der Minen führten, um diese frei von Grundwasser zu halten.
„Streuselkuchenlandschaft“ nennt Himmelsbach das Gebiet wegen der vielen Minentrichter. Moos und Totholz, Fliegenpilze und Nebel sorgen im überwucherten Naturschutzgebiet heute im Herbst für eine märchenhafte Atmosphäre. Vielleicht haben sich Jakob und Wilhelm Grimm von all dem später zumindest inspirieren lassen, als sie in Kassel ihre Märchensammlung zusammenstellten. 1791 waren die Brüder mit ihren Eltern ins Amtshaus der Stadt Steinau an der wichtigen Handelsstraße von Frankfurt am Main nach Leipzig gezogen. Das liegt nur rund 50 Kilometer oder zehn Wegstunden nördlich von Lohr. In Steinau an der Straße verlebten sie entscheidende Jahre ihrer Kindheit. Auf dem Marktplatz vor dem Schloss erinnert der Märchenbrunnen an 17 der rund 200 Grimm-Märchen. Und wer mag, kann sich von Märchenfiguren durch das Kleinstadtidyll begleiten lassen.
Vom Horrorwittchen und der Männer-WG
Mariéle Syllwasschy hat sich die böse Stiefmutter aus Schneewittchen ausgesucht. „In der Rolle gehe ich völlig auf. Ich führe ein echtes Doppelleben“, erzählt die 80-Jährige., die auch im Brüder Grimm-Museum im alten Amtshaus mitarbeitet. Die Dauerausstellung zeigt viele Schriften, Zeichnungen des jüngeren Grimm-Bruders Ludwig Emil und wunderschöne Märchen-Dioramen. Die Grimm-Kinder lebten dort bis zum Tod des Vaters 1796, und die Magd Marie soll ihnen viele Märchen erzählt haben. Natürlich würdigt das Museum auch das germanistische Schaffen der Grimms und ihr einzigartiges Wörterbuch.
Die Märchen haben in der ganzen Region manch Kreativen zu modernen Adaptionen inspiriert. Vor der Stadthalle in Lohr steht seit 2016 das lange umstrittene „Horrorwittchen“ des lokalen Künstlers Peter Wittstatt mit weit abstehenden Haaren. Im Garten des Grimm-Museums in Steinau grummeln die sieben Zwerge. Die „beleidigte Männer-WG“ hat eine Resolution verfasst: Jahrelang habe man gewarnt. „Aber was macht das dumme Ding? Beißt in den Apfel. Natürlich hat sie wieder Glück. Hochzeit mit Prinz und allem Pipapo.“ Aber die Zwerge habe sie nicht mal eingeladen.
Auf Grimms Spuren
Anreise
Lohr und Steinau sind mit dem Zug auf der Strecke Hanau – Fulda angebunden, www.bahn.de.
Unterkunft
Das Hotel Bundschuh ist ein familiärer Betrieb neben der Altstadt in Lohr, Doppelzimmer ab 106 Euro, www.hotelbundschuh.de.
Burgmannenhaus heißt ein Hotel garni in altem Fachwerk am Markt in Steinau, Doppelzimmer mit Frühstück ab 95 Euro, www.burgmannenhaus-steinau.de.
Aktivitäten
„Grimmzeit in Steinau“ nennt sich ein Virtual-Reality-Abenteuer, buchbar im Verkehrsbüro, www.steinau.eu.
Das Spessart-Museum im Schloss Lohr ist Di–Sa 10–16 Uhr geöffnet, Sonn- und Feiertags 10–17 Uhr, Eintritt: 3 Euro, www.spessartmuseum.de.
Von November bis Februar kann man das Brüder-Grimm-Haus im alten Amtshaus in Steinau an der Straße täglich von 11 bis 16 Uhr besuchen. Eintritt 5 Euro, www.brueder-grimm-haus.de.
Allgemein
www.spessart-mainland.de
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.