Schule
Wenn Eltern gefragt sind: Die liebe Not mit den Hausaufgaben
Innerlich fürchtet sie den Moment schon beinahe: den Moment, in dem das Mittagessen vorbei ist und sich Claudia M.s (Name geändert) Tochter Lotta (9) an die Hausaufgaben setzen soll. Denn dann beginnt das, was die Mutter als „nachmittäglichen Kleinkrieg“ beschreibt: Erst dauert es ewig, bis Lotta überhaupt anfängt, sich mit den Plusaufgaben im Hunderterraum oder dem Präteritum zu beschäftigen. Dann wird gejammert, gestreikt und wenn es ganz schlecht läuft, brüllen am Ende Mutter und Tochter. „Manchmal sind schon Stifte geflogen oder Lotta hat das Mathebuch an die Wand gepfeffert.“
Ist das nur bei uns so ein Drama mit den Hausaufgaben?
Dass Eltern wegen Problemen mit den Hausaufgaben bei ihm sitzen, erlebt der Erziehungsexperte Ulric Ritzer-Sachs immer wieder. „Wenn die Hausaufgaben ständig zu Streit führen, sollten Familien lieber früher als später kommen“, sagt der Sozialpädagoge, der in der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE) arbeitet. „Wenn früh eine gute Basis gelegt wird, hat man später weniger Stress.“
Was kann man tun, damit Hausaufgaben nicht ständig zu Stress führen?
„Die Basis wird praktisch ab den allerersten Hausaufgaben gelegt“, sagt Ritzer-Sachs. „Den Kindern sollte klar sein: Es sind ihre Hausaufgaben – nicht die der Eltern.“ Das bedeutet: Die Kinder machen ihre Aufgaben allein. Wenn sie Fragen haben, sind Vater oder Mutter da, um diese zu beantworten. „Aber bitte nicht wie ein Helikopter über den Heften kreisen! Machen Sie ruhig Ihr eigenes Ding, während das Kind die Hausaufgaben macht.“ Hat das Kind eine Frage, kommt es zu Mutter oder Vater. „Dann aber bitte nicht gleich die richtige Lösung parat haben.“ Vielmehr sollten Eltern ihrem Kind helfen, sich selbst zu helfen.
Kleine Pause oder gleich anfangen – was ist besser?
Claudia M.s Tochter Lotta will mit den Hausaufgaben nicht sofort nach dem Mittagessen anfangen – andere Kinder wollen die lästige Aufgabe möglichst schnell hinter sich bringen, um dann spielen zu gehen. Beides ist okay, findet der Experte. „Manche Kinder brauchen eine kurze Zeit, um auszuruhen oder sich an der frischen Luft auszutoben.“ Wichtig sei, dass diese Pause ohne Handy, Tablet oder Fernseher gestaltet werde – und dass sie nicht zu lange dauert, schließlich sollen die Hausaufgaben auch irgendwann mal fertig werden.
Braucht mein Kind einen eigenen Schreibtisch?
Lotta macht ihre Hausaufgaben am Esstisch – obwohl sie einen Schreibtisch im Zimmer hat. Ulric Ritzer-Sachs findet das in Ordnung: „Nicht in allen Wohnungen ist überhaupt der Platz, dass Kinder einen eigenen Schreibtisch haben können.“ Wichtig sei aber, dass es einen festen Platz für die Hausaufgaben gebe. „Und da muss es ruhig und ablenkungsfrei sein“, sagt der Erziehungsexperte. Keine zeitgleich tobenden Geschwister, telefonierende Eltern oder laufende Fernsehgeräte im Raum.
Manchmal sitzt mein Kind den halben Nachmittag vor den Heften – wie lange sollten die Hausaufgaben in der Grundschule eigentlich dauern?
Claudia M. seufzt: „Wenn Lotta keine Lust hat – und das ist gerade ja meistens so –, ziehen sich die Hausaufgaben ewig.“ Ulric Ritzer-Sachs rät, das Drama nicht in die Länge zu ziehen. „In der Grundschule sollten Hausaufgaben meiner Meinung nach nicht länger als eine halbe Stunde dauern.“ Nach einer Viertelstunde sollten die Kinder eine kurze Zwischenpause machen – ein paarmal um den Tisch laufen oder sich in der Küche einen Apfel holen. „Bei Grundschulkindern ist die Konzentrationsfähigkeit kürzer, als viele Eltern denken.“ Wenn die Hausaufgaben oft viel länger dauern, lohnt es sich, mit der Lehrerin oder dem Lehrer zu sprechen.
Und plötzlich landet das Heft in der Ecke – wie kann man verhindern, dass die Hausaufgaben in Streit münden?
„Wenn die Hausaufgaben nicht klappen, ist Lotta schnell total frustriert. Dann motzt sie mich an, ich schnauze zurück und schon rutschen wir in einen Kleinkrieg. Ich will das gar nicht – aber wie kommen wir da raus?“, fragt Claudia M. Eskaliert die Lage, sollte man früh genug die Handbremse ziehen, rät der Erziehungsberater. „Stopp! Aufhören! Verlassen Sie die Situation.“ Die Initiative dazu muss laut dem Sozialpädagogen aber von den Eltern kommen – Kinder kommen aus solchen Emotionen nicht ohne Hilfe raus. „Gehen Sie vielleicht mit Ihrem Kind nach draußen, bis die schlechte Laune verpufft ist“, schlägt Ritzer-Sachs vor. Dann könne man einen zweiten Versuch wagen.
In der Nachmittagsbetreuung, in die Lotta an den Tagen geht, an denen ihre Mutter arbeitet, läuft es mit den Hausaufgaben besser. Ulric Ritzer-Sachs wundert das nicht. „Bei Eltern und Kindern spielt immer die Beziehungsebene mit – da wird es schneller emotional als mit Außenstehenden.“
Eigentlich klappen die Hausaufgaben nur, wenn ich danebensitze...
Da ist der Erziehungsexperte kategorisch: „Nein! So was darf sich gar nicht erst einschleifen.“ In seine Beratung kommen Eltern, die noch bei Acht- oder Neuntklässlern danebensitzen. „Will man das wirklich die ganze Schulkarriere über machen?“ Ritzer-Sachs rät Eltern, sich rauszuhalten. „Meine Erfahrung ist, dass Eltern sich oft viel zu stark in die Schule involvieren. Kinder müssen merken: Schule ist meine Aufgabe. Das heißt aber nicht, dass man seine Tochter oder seinen Sohn damit allein lässt. Man ist ja da, wenn Fragen oder Probleme auftauchen.“ Wenn sich Eltern dabei ertappen, dass sie jeden Nachmittag zusammen mit ihrem Kind Gleichungen nach x auflösen, hilft es, ein Experiment zu wagen. „Sprechen Sie mit Ihrem Kind: „Wir wollen doch nicht immer Stress miteinander haben, oder? Lass uns doch mal vier Wochen ausprobieren, wie es wäre, wenn ich mich aus den Hausaufgaben mehr raushalte? Wenn du Fragen hast, bin ich ja trotzdem für dich da.“ Es komme darauf an, die Verantwortung für die Hausaufgaben wieder in die Hände des Kindes zu legen. „Es geht dabei nicht darum, sein Kind zu bestrafen, sondern um Eigenverantwortung“, erklärt der Experte.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.