Pfalz
Weinbau in Krisenzeiten: „Der Druck kann eine Chance sein“
Die 114-jährige Geschichte des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) – und der internationale Aufstieg deutscher Weine in den vergangenen Jahrzehnten – wurden wesentlich von der Pfalz aus mitgeprägt. Im VDP Pfalz hat im April Franz Wehrheim (36) vom Weingut Dr. Wehrheim in Birkweiler den Vorsitz übernommen. Er folgt auf Hansjörg Rebholz (66) vom Weingut Ökonomierat Rebholz in Siebeldingen. Rebholz hatte den Pfälzer Verband 25 Jahre lang geführt. Wir haben beide Winzer zu einem gemeinsamen Gespräch getroffen.
Nach dem Ende der Corona-Pandemie ist der Weinmarkt – der während der Pandemie überraschend stabil war – sehr schwierig geworden. Der Absatz deutscher Weine ist in Deutschland im Vorjahr um 9 Prozent gesunken. Wirkt sich das bei Ihnen aus?
Franz Wehrheim: Die Entwicklung hat gezeigt, dass Deutschland mit Weinen im absolut unteren Preissegment mit anderen Ländern nicht mithalten kann. Folglich treffen die Inflation und die Kostensteigerungen das untere Preissegment sehr deutlich. Die Verkäufe deutscher Weine gehen in diesem Bereich stark zurück. Das sorgt natürlich für eine negative Stimmung. Das kann aber auch eine Chance bieten: nämlich auf mehr Qualität zu setzen. Ich sehe die Entwicklung also nicht nur negativ. Die Strukturen zeigen ja ohnehin, dass wir vielleicht ein bisschen zu viel Wein haben in Deutschland und in Europa.
Hansjörg Rebholz: Man muss sehen, dass auch in Frankreich, Italien und Spanien der Pro-Kopf-Verbrauch drastisch zurückgegangen ist. Das erhöht den Druck, zu exportieren, noch weiter. Soll heißen: Der Wein, der dort nicht getrunken wird, muss woanders untergebracht werden. Alle Produzenten versuchen nun, stärker in den deutschen Markt zu kommen, der für den weltweiten Weinmarkt wichtig ist. Das macht sich in manchen Segmenten enorm bemerkbar.
VDP-Weingüter trifft das weniger, weil sie eher nicht auf diese Preissegmente setzen?
Franz Wehrheim: Es stimmt: Wir setzen nicht auf das untere Preissegment. Aber die Teuerung wirkt sich auf alle Betriebe aus und schlägt auf die Profite. Die Kaufkraft und die Kauflaune der Menschen gehen zurück. Als Produzenten in einem Land, in dem der Konsum zurückgeht, müssen wir uns unsere Märkte suchen.
Hintergrund (1): der VDP
Im aktuellen Jahresbericht des VDP Deutschland heißt es, im Schnitt hätten die Weingüter den Umsatz annähernd halten können, „was im Vergleich zum gesamtdeutschen Markt ein gutes Ergebnis ist“. Zu den wichtigsten Gründen für den reduzierten Konsum zählten der Rückgang der verfügbaren Haushaltseinkommen sowie Gesundheitstrends, aber auch die Nachfrage nach alkoholfreien Optionen. 20 Prozent der VDP-Produktion wird direkt an die Gastronomie verkauft. Zu den wichtigsten Exportmärkten zählen Skandinavien, vor allem Dänemark und Norwegen, sowie die Niederlande und die USA. Die Weingüter konnten das Preisniveau weitgehend stabil halten, heißt es in dem Bericht weiter. Gutsweine – das untere Segment im VDP-Bereich – kosteten 2023 etwas mehr als im Vorjahr, im Durchschnitt 11,50 Euro. Im Vergleich dazu liegt der durchschnittliche Flaschenpreis in Deutschland bei 3,83 Euro. Die erhebliche Nachfrage nach Große-Lage-Weinen hat für einen Preissprung auf durchschnittlich 40 Euro Endverbraucherpreis gesorgt, wobei Rabatte zum Beispiel für die Gastronomie berücksichtigt werden müssten, wie es heißt.
Wie steht es um die Exportchancen für deutschen Wein?
Franz Wehrheim: Ich glaube, wir haben gute Chancen. Der Klimawandel hat – das kann man schon so sagen – in den letzten zehn Jahren zu überwiegend guten Jahrgängen beigetragen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Die Extreme nehmen zu und das Risiko steigt. Man kann aber sagen, dass in Sachen Klimawandel die deutschen Weine noch am besten weggekommen sind. Wir in der Pfalz sind da mit unseren Burgundern gut aufgestellt. Wir haben jetzt die Möglichkeit, Spätburgunder zu machen wie im Burgund vor 50 Jahren.
Die trockenen Sommer – auch wenn das Problem im Moment nicht aktuell ist – sind im Vergleich zu diesen Vorteilen nicht so problematisch?
Hansjörg Rebholz: Das Thema Wasser wird auch eine Frage des Bodenmanagements sein. Da haben wir uns umgestellt. Wir arbeiten zum Beispiel im Weinberg mit weniger Laub, damit die Rebe bei Hitze weniger transpirieren muss. Man kann jedenfalls feststellen: Während man in der Pfalz in den 1980er-Jahren noch um Reife gerungen hat, haben wir durch den Klimawandel nun Vorteile. Als ich angefangen habe, hieß es, die Pfalz liege im klimatischen Grenzbereich, wo gerade noch Weinbau betrieben werden kann. Heute gibt es in England nicht nur Schaumwein-, sondern auch schon erste Stillweinproduzenten.
Herr Wehrheim, was steht als neuer Vorsitzender des VDP Pfalz auf Ihrer Agenda ganz oben?
Franz Wehrheim: Das größte Thema, das für uns ansteht, sind unsere Lagen, die wir alle werden durchforsten müssen. Das ist mit Blick auf das neue Weingesetz unsere Chance, die Latte bei der Qualität wieder hochzulegen.
Hintergrund (2): das Weingesetz
Der Gesetzgeber hat 2021 das Weingesetz neu reguliert mit einer Übergangsfrist bis 2026. Deutschland folgt damit einer EU-Vorgabe, die schon von 2008 stammt. Weine sollen demnach nach dem Herkunftsprinzip bezeichnet und nach diesem Prinzip auch nach Qualität sortiert werden, wie das in romanischen Ländern schon üblich ist. Entscheidend für die Qualität eines Weins soll also das Anbaugebiet sein – detailliert aufgeschlüsselt bis in die einzelne Lage. In Deutschland orientierte man sich lange vor allem am Mostgewicht, also an der Süße der Trauben: Je süßer, desto hochwertiger. Faktoren wie Boden, Ausrichtung zur Sonne oder das Kleinklima blieben außen vor. Spannend vor diesem Hintergrund: Der VDP – in der Pfalz sind 27 Weingüter dabei – hat schon 2002 beschlossen, mit einer Lagenklassifikation eine eigene Systematik zu schaffen, die sich am romanischen Prinzip orientiert. Basis eines VDP-Sortiments sind die Gutsweine aus Reben des Weinguts, darüber stehen die Ortsweine, die die Besonderheiten der örtlichen Weinberge betonen sollen. Erste und Große Lagen wiederum stellen die Spitzenweine dar mit dem „Großen Gewächs“ ganz oben.
Franz Wehrheim: Es gibt Pläne, Erste und Große Lagen zu öffnen für alle Weingüter in Deutschland. Aber es gibt noch kein konkretes System, wie das genau auszusehen hat. Uns im VDP wäre es lieber gewesen, man hätte im ersten Schritt nur auf das Herkunftssystem umgestellt statt gleich mit den Ersten und Großen Lagen zu beginnen. Denn das birgt die Gefahr, dass etablierte Begriffe verwässert werden. In diesem Zuge gehen wir jetzt aber mit gutem Beispiel voran und stellen alle unsere Lagen auf den Prüfstand. Wir sind schon dabei, alle durch ein Bewertungsmodell laufen zu lassen.
Hansjörg Rebholz: In dem Modell geht es um die historische Relevanz einer Lage, die qualitative und die ökonomische Relevanz. Da geht es zum Beispiel auch um den Bekanntheitsgrad einer Lage. Aber auch: Wie sehen die Bewertungen der Weinexperten in den vergangenen fünf Jahren aus? Was kann man mit einem Wein erlösen?
Das heißt, Sie kommen mit dieser Überprüfung einerseits den gesetzlichen Vorgaben nach, nutzen das neue Weingesetz aber auch zur internen Neubewertung der Lagen?
Franz Wehrheim: So kann man das sagen, wobei Sie bedenken müssen, dass wir die gesetzlichen Vorgaben seit vielen Jahren mehr als erfüllen, sie für uns sogar noch enger gefasst haben. Es geht für uns darum, selbstkritisch zu sein: Passt das noch, was wir seit 25 Jahren machen? Und das zweite ist: Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen mit der Bewertung unserer Lagen. Ziel muss ja sein, dass das nicht inflationär explodiert und jeder sagt, ich mache hier jetzt eine große Lage, sondern, dass man einen Standard setzt. Einen Standard, der sich dynamisch weiterentwickeln lässt.
Hintergrund (3): Lagen und Rebsorten
Im Weingesetz steht, dass die „Schutzgemeinschaften“ – also die einzelnen Anbaugebiete – für die Umsetzung der neuen Regelungen in ihrer Region verantwortlich sind und diese auch ausgestalten. So hat die Pfalz entschieden, dass künftig nur noch für sieben Rebsorten Lagen ausgewiesen werden dürfen: Für Riesling, Spätburgunder, Weißburgunder, Grauburgunder, Chardonnay, Gewürztraminer und Dornfelder. Dass Gewürztraminer und vor allem Dornfelder auf dieser Liste stehen, macht deutlich, dass die Liste auf einen Kompromiss zwischen allen Akteuren zurückgeht. Es wurde auch Weinbautreibenden und Genossenschaften Rechnung getragen, die eher auf den breiten Markt setzen als auf die Spitze.
Hansjörg Rebholz: Der VDP in der Pfalz hat seit Mitte der 1990er-Jahre die Linie vertreten, nur jene Weinberge als Lagen auszuweisen, deren Weine auch einen Wiedererkennungswert haben. 2006 stand der VDP Deutschland dann vor der großen Herausforderung, das bundesweit zu vereinheitlichen. Damals wollten manche VDP-Regionen und VDP-Winzer mit auf den Zug aufspringen, ohne sich an die strengen Regeln des Herkunftsprinzips zu halten: Gutsweine, Ortsweine, klassifizierte Lagenweine. Oder an das Ein-Wein-Prinzip: also nur ein Wein, der den Namen der Lage tragen darf. Das heißt: Manche wollten den einfachen Weg gehen und nichts verändern, aber ein Stück vom Kuchen haben. Bei der Mitgliederversammlung 2006 im Kloster Marienthal an der Ahr habe ich dann eine Situation erlebt, in der ich dachte: Jetzt zerreißt es uns als Verband. Ich war ein Hardliner und habe die Linie verfochten: Wenn Ihr mitmachen wollt, müsst Ihr die Regeln akzeptieren. Damals ist es uns schließlich tatsächlich doch noch gelungen, die totale Qualitätsorientierung im Verband umzusetzen und die vielen unterschiedlichen Interessen und Egoismen hinten anzustellen. Wie sich heute zeigt, war das absolut richtig. Die zweite große Herausforderung in meiner Amtszeit war die Corona-Pandemie. Wir sind im VDP Pfalz Anfang 2020 mit vielen neuen Ideen aus einer Klausurtagung gekommen, und dann war innerhalb von vier Wochen die Welt auf den Kopf gestellt. Das war ein Riesenloch, in das wir gefallen sind.
Mit allerdings zunächst einmal gutem Ausgang: Der private Konsum hat – für viele überraschend – in den Coronajahren die Ausfälle in der Gastronomie kompensiert.
Hansjörg Rebholz: Es stimmt, dass es den Weingütern damals nicht so schlecht gegangen ist, wie anfangs befürchtet. Die Menschen haben daheim gekocht und auf Weingenuss gesetzt. Für mich als Vorsitzender war es aber schwierig, aus einer Phase der Euphorie nach der Klausur, auch mit vielen jungen Kollegen, die inzwischen im Verband die Verantwortung übernommen haben, in eine Phase zu kommen, in der es keine Treffen mehr gab, keinen Austausch und keine gemeinsamen Veranstaltungen mehr.
Apropos Ideen. Wann wird der VDP mal Spitzenprodukte im Bereich der pilzwiderstandsfähigen Sorten, der Piwis, vorstellen?
Franz Wehrheim: Piwis gibt es doch schon, wenn auch noch keine Spitzenprodukte. Es gibt mehr Betriebe, als Sie vielleicht denken, die das zum Teil eher im Hintergrund machen.
Hansjörg Rebholz: Es ist im Übrigen falsch zu glauben, die Piwis würden das Problem der Folgen des Klimawandels lösen. Die Piwis sind einfacher zu behandeln, was den Pflanzenschutz angeht. Aber sie vertragen Trockenheit oder Hitze auch nicht besser als bisherige Sorten. Das wird in dieser Debatte völlig falsch transportiert.
Man darf also weiter gespannt sein auf die Piwi-Spitzenprodukte. In der Pfalz bauen VDP-Winzerinnen und -Winzer bislang drei Sorten als Große Gewächse aus: Riesling, Weißburgunder und Spätburgunder. Wäre die Zeit nicht reif und wäre die Qualität nicht da für den Chardonnay als weiteres Großes Gewächs aus der Pfalz?
Franz Wehrheim: Stand jetzt ist es so, dass die Entscheidung vertagt wurde. Wir haben gesagt, wir fokussieren uns auf die traditionellen Rebsorten und beobachten das. Der Chardonnay hat sicher das Potenzial, es ist eine große Rebsorte, hat aber in der Pfalz keine große Tradition.
Hansjörg Rebholz: Unstrittig als große Gewächse sind Spätburgunder und Riesling. Bei Chardonnay wird man sehen, was da in Zukunft kommt. Ich habe mir mit Chardonnay als Großes Gewächs immer schwergetan, auch wenn wir zu den besten Chardonnay-Produzenten in der Pfalz gehören. Wenn ich von einem Großen Gewächs spreche, gehören immer eine gewisse Tradition und Geschichte dazu. Und wenn ich mir überlege, dass ich 1988 die allererste offiziell genehmigte Chardonnay-Rebe in ganz Rheinland-Pfalz angebaut habe, dann kann ich jetzt nicht herkommen – auch wenn die Weine extrem erfolgreich sind – und sagen: So: Jetzt ist das ein Großes Gewächs.
Wie bewerten Sie eigentlich nachträglich die Bauernproteste?
Franz Wehrheim: Ich finde es schwierig, der Landwirtschaft binnen einer vierjährigen Legislaturperiode Vorgaben zu machen, die schnell umzusetzen sind, oder Förderungen zu streichen. Wir arbeiten, zum Beispiel bei Anpflanzungen, über viel längere Zeiträume und müssen in ganz anderen Zeiträumen planen. Da verstehe ich den Ärger der Landwirte. Generell kann man sich aber auch fragen, ob die Landwirtschaft so viele Subventionen in der bisherigen Art braucht, einige auch nach dem Gießkannenprinzip. Ich bin allerdings ein Fürsprecher davon, dass Lebensmittel erschwinglich sind, und genau dafür sind die Subventionen da. Der zweite Grund für Subventionen ist: Wenn es in anderen Ländern kriselt, müssen wir einen Grundbedarf selbst abdecken können. Da kann man darüber streiten, ob man da Wein auch subventionieren muss. Generell muss man aber sagen: Wir sind in der Landwirtschaft gegenüber anderen Branchen im Nachteil, weil die Natur nicht verhandelt. Daher muss die Gesellschaft sich überlegen, was sie von der Landwirtschaft braucht, und sie gesondert behandeln.
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