Resilienz RHEINPFALZ Plus Artikel Was uns umbringt, macht uns härter

Die krisengeplagte Welt bietet reichlich Stoff zum Grübeln. Was Auguste Rodin mit seinem „Denker“ mustergültig illustriert hat.
Die krisengeplagte Welt bietet reichlich Stoff zum Grübeln. Was Auguste Rodin mit seinem »Denker« mustergültig illustriert hat.

„Resilienz“ ist angesichts der vielen Krisen das Schlagwort der Stunde. „Anti-Stress“-Ratgeber sind Bestseller. Gedanken über einen schillernden Begriff.

Es lässt sich das Problemfeld mit dem sprichwörtlichen Sack Reis in China illustrieren. Der, wenn er umfällt, hierzulande ja niemanden kümmern muss, so zumindest der klassische Ansatz zur Reduzierung von Komplexität: Was mich nicht selbst betrifft, muss mich nicht interessieren und bringt mich damit auch nicht aus dem seelischen Gleichgewicht.

Das Problem ist nun allerdings: China ist inzwischen der wichtigste Handelspartner Deutschlands, „Partner“ im weitesten Sinne, den das Wort annehmen kann. Fällt der Sack Reis an der falschen Stelle um, beispielsweise im neuen BASF-Werk im südchinesischen Zhanjiang, dann leidet vielleicht auch das Werk in Ludwigshafen. Zu dessen Sicherung trägt das China-Engagement des Konzerns ja angeblich bei.

In einer globalisierten Wirtschaft schlägt jeder fallende Sack Reis Dellen in die Struktur der Dinge, und wo der Sack Reis keinen Schaden anrichtet, da springen dann Donald Trump oder Wladimir Putin ein und tragen ihr Scherflein dazu bei, die Welt recht unübersichtlich zu halten. Es lässt sich halt nicht verleugnen: „Wir leben in einer Zeit, in der wir beschleunigte Krisen erleben“, so Sarah Schäfer, Co-Arbeitsgruppenleiterin am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz und Professorin an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern - Landau.

881 Bibliothekseinträge

Es ist jene „Resilienz“ – in Schäfers Definition ein „Prozess zur Aufrechterhaltung von Gesundheit in Gegenwart von Stress“ – ein durchaus recht schillernder Begriff, ein modischer dazu. Sucht man ihn zum Beispiel im Katalog einer regionalen Bibliothek, dann kommen da 881 Einträge, viel Ratgeberliteratur dabei: Psychische Widerstandskraft lässt sich demnach beispielsweise durch die Anwendung ätherischer Öle erreichen, wenn das Elend damit nicht verschwindet, dann riecht es jedenfalls besser. Und dass der Bibliothekskatalog überfließt, hat nun mutmaßlich in der Tat mit dem Faktor „Stress“ zu tun. Die Moderne: ein Krisenbündel mit stetig wechselnden Schauplätzen, und die Lösungsansätze für jene Krisen sind komplex, von begrenzter Wirksamkeit und oft kaum übertragbar.

Zwei Drittel der Deutschen gestresst

Kein Wunder, dass da die psychische Belastung der Menschen spürbar zunimmt, und an der Stelle könnte man wahllos eine der zahlreichen Studien zum Thema zitieren, tun wir das einfach: Zwei Drittel der Deutschen fühlen sich laut Befragung der Techniker Krankenkasse häufig oder manchmal gestresst, häufigste Faktoren demnach: Hohe Ansprüche an sich selbst, Probleme in Beruf, Studium oder Schule – und politische und gesellschaftliche Probleme.

An der Stelle wäre es nun einfach, einem Teil der Ratgeberliteratur zu folgen – und Resilienz einfach als Konzept zur Selbstoptimierung zu begreifen. Resilient ist also, wer hart ist im Nehmen. Und wer es eben nicht ist, der ist zu schwach, alles nach dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns bloß härter, und wenn’s uns dann doch allemacht, sind wir erst recht aus dem Gröbsten raus. Vor der Definition würde die Resilienz-Forscherin Schäfer allerdings warnen: Bloße Härte sei „ein gefährliches Misskonzept“, sagt sie.

Trumps Launen ausgeliefert

Was schon damit zusammenhängt, dass der Begriff Resilienz eine ganz alte Menschheitsfrage neu stellt: Wie nämlich das Verhältnis zwischen Individuum und Welt aussieht, der Welt samt ihrer Strukturen und Hierarchien. Und dies auf zweifache Art und Weise: Die Faktoren, die überhaupt Widerstandskraft erfordern, die sind vom Einzelnen oft kaum zu beeinflussen. Ob Donald Trump durchdreht oder nicht – das wird sich von Landau-Wollmesheim aus kaum steuern lassen. Und: Wenn Menschen auf Stress reagieren, dann tun sie dies nicht in einer sozio-ökonomischen Insellage – sondern in Interaktion mit ihrer Umwelt.

Und dies stellt nun einige bohrende Fragen an das Konzept „Resilienz“, im Beispiel: Arme Menschen sind per se mehr Stressfaktoren ausgesetzt als Wohlhabende, was logisch ist und durch Studien wie die Armutsberichte des Paritätischen Gesamtverbandes gut belegt. Gleichzeitig haben Arme oft wenig Strategien, mit eben jenem Stress umzugehen – weil ihnen diese Strategien keiner beigebracht hat, die Soziologie kennt da beispielsweise den Begriff der „erlernten Hilflosigkeit“. Und selbst wenn jemand in einer prekären Lebenssituation lernt, besser mit existenziellem Druck umzugehen – dann wird die Armut und damit der Kern seiner Belastungen nicht verschwinden.

Nur eine Kunst der Anpassung?

Die Soziologin Stefanie Graefe kritisiert unter anderem dies am Konzept der inneren Widerstandskraft („Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit“, Bielefeld 2020): Resilienz ist demnach oft die bloße Kunst der Anpassung – letztlich eine, die Strukturprobleme in die Sphäre individueller Verantwortung schiebt und damit ein „Alternativangebot“ zur Systemkritik macht. „Würde ich nicht so sehen“, sagt dagegen Schäfer, individuelle Resilienz „würde für mich nicht bedeuten, dass ich das System außenrum akzeptieren muss.“

Der Fokus des Mainzer Instituts liegt insgesamt wohl eher auf der Prävention und damit der Erforschung von Wirkprinzipien – also dazu, welche Konzepte zur Entwicklung von Resilienz sich aufgrund evidenzbasierter Daten als erfolgreich erweisen könnten. Der Ansatz ist dabei interdisziplinär – was mit den vielfältigen Faktoren bei der Entwicklung von Resilienz zu tun hat. 156 jener Faktoren hat man in Mainz durch die Auswertung von Studien bislang zusammengetragen, sagt Schäfer.

Gene spielen eine Rolle

Um jenes Faktorenbündel in aller Kürze und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammenzufassen: Es gibt zum einen biologische Voraussetzungen für vorhandene oder fehlende Resilienz. „Wir wissen durchaus, dass genetische Merkmale eine wichtige Rolle spielen“, sagt Schäfer. Was beispielsweise schon die Frage betrifft, wie das Gehirn mit dem Stresshormon Cortisol umgeht. Studien deuten darüber hinaus darauf hin, dass Persönlichkeitsmerkmale wie Optimismus und Zugewandtheit zur Welt, die Resilienz fördern, teilweise erblich obschon durchaus zu trainieren sind.

Hinzu kommen personale Faktoren, beispielsweise das, was die Forschung „Selbstwirksamkeit“ nennt, also: Das Grundgefühl, durch das eigene Handeln etwas zu bewirken, einen Unterschied machen zu können. Soziale Momente spielen des Weiteren eine Rolle, laut Schäfer „der momentan am besten untersuchte Resilienzfaktor“. Eine klassische Studie der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner („Kauai-Studie“) hat beispielsweise schon in den 1970er-Jahren ergeben, dass auch Kinder aus schwierigen Verhältnissen durchaus Resilienz entwickeln können – wenn sie Bestätigung durch wenigstens eine Vertrauensperson erfahren. Und wichtig ist viertens wohl der Prozess an sich: Wer Resilienz trainiert, kleinere Herausforderungen meistert und darüber reflektiert, der mag sich auch größeren Problemen gelassener stellen.

Widerstand kann man üben

Man kann Resilienz also einüben. Wenn man denn dazu kommt, und da landet man wieder bei der Verschränkung des Ich mit der Welt – und deren Ungleichheiten. Beispiel frühkindliche Entwicklung: Fehlt die so wichtige Vertrauensperson in der Familie, so müssten Kitas und Schulen mit Hilfen bei der Entwicklung von Resilienz einspringen. Allerdings haben „von Armut betroffene Familien schlechtere Möglichkeiten, einen KiTa-Platz zu bekommen“, sagt Schäfer, dies zeigten aktuelle Daten des Mikrozensus. Kein Mensch ist eine Insel und jede Energie hat eine Quelle – und auch die Ressourcen, die jemand vermeintlich aus sich selbst schöpft, müssen irgendwo herkommen. Wenn sie denn kommen.

Die Soziologin Graefe hat das in einem Interview mit der österreichischen Zeitung „Der Standard“ an einem hübsch grotesken Beispiel illustriert: In einem ihrer Seminare hatten Lehrerinnen und Lehrer über ihre berufliche Überlastung berichtet. Die Aufsichtsbehörden hatten in allen Fällen eine „Gefährdungsbeurteilung“ angestrengt – und in der Tat eine erhöhte Belastung der Lehrkräfte festgestellt. Die eingeleiteten Maßnahmen: frisch gestrichene Lehrerzimmer und neu aufgestellte Wasserspender. Für mehr war dann eben kein Geld oder keine Wille da. Was einmal mehr jenen zentralen Kritikpunkt am Konzept der Resilienz verdeutlicht: Wenn notwendige Mittel nicht zur Verfügung stehen, dann verschiebt die Forderung nach mehr Widerstandskraft die Verantwortung für den Mangel auf den Einzelnen.

Tief in uns drin

Ganz weit von Graefes Kritik entfernt ist auch Schäfer da im Übrigen nicht: „Es gibt in der Tat viele Maßnahmen (beim Training der Resilienz, d. Red.), die aufs Individuum bezogen sind“, sagt sie – und sieht mancherorts als „zentrale Lücke“ die „übergroße Fixierung aufs Individuum“. Was ja irgendwie tief in alten abendländischen Befindlichkeiten gründet.

„Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es willst, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und du wirst in Frieden leben“, so der stoische Philosoph Epiktet, geboren um 50 n. Chr., in seinem „Handbüchlein der Moral“. Das Konzept der Stoa – konzentriere dich auf das, was du beeinflussen kannst und ignoriere den Rest – ist selbst in einer krisenhaften Zeit des römischen Reiches modisch geworden. Und dass es in der Jetztzeit verstärkt wiederentdeckt wird, wundert nicht.

Gezielt ignorant

Das Problem: Ich-fixiert ist das Ganze schon – und zu einer praktischen Ethik hat es die Stoa denn auch nie wirklich gebracht. Seneca und Marc Aurel konnten die Gemeinschaft aller Menschen theoretisch fassen – Sklavenhalter und Barbarenschlächter waren sie trotzdem. Und letztlich – Altphilologen mögen an der Stelle freundlicherweise weglesen – ist auch dies nur der Sack Reis in China, bloß eben auf Griechisch und Latein.

Die alte Frage, wie man’s denn hält, mit Ich und Welt, die wird wohl weiter gestellt werden müssen – und gezielte Ignoranz hilft eben auch nur bedingt weiter: „Generell wissen wir, dass sehr viel, was mit Vermeidung und Rückzug zu tun hat, nicht per se gesundheitsfördernd ist“, sagt Schäfer. Herrgott noch mal: Hilft dann wenigstens beten? „Die Befunde zu religiösem Coping (Bewältigung, d. Red.) sind sehr uneindeutig“, sagt Schäfer, muss bei der Frage allerdings selbst lachen. Wir halten fest: Humor hilft. In dem Sinne: Frohe Ostern.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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