US-Wahlkampf
Warum Kamala Harris noch lange nicht gewonnen hat
Eine Achterbahnfahrt ist dieser US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2024. Eben noch schien Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus ausgemachte Sache. Auch schien ein Durchmarsch der konservativen Republikaner bei den Kongresswahlen ziemlich wahrscheinlich. Aber nur wenige Wochen nach dem Rückzug des greisen Joe Biden von der Kandidatur wähnen sich seine Demokraten wieder auf der Siegerstraße. Sie bieten die erfrischend laut lachende Kamala Harris auf, und plötzlich ist es der 78-jährige Trump, der so alt aussieht, wie er eben ist. Wird Harris die erste Madam President in der 235-jährigen Geschichte der Vereinigten Staaten werden?
Gemach! Wenn wir aus den turbulenten Wochen im Juli und August eines gelernt haben, dann doch wohl dieses: Anything is possible, alles ist möglich. Noch 86 (in Worten: sechsundachtzig) Tage bis Election Day – gefühlt eine kleine Ewigkeit.
Tatsächlich schalten bei Präsidentschaftswahlen die Amerikaner traditionell nach Labor Day so richtig ein, also im September. Wenn der eigentliche Wahlkampf beginnt, zeigt sich, wer in den anderthalb Jahren seit der ersten Vorwahl in Iowa die besseren Vorbereitungen getroffen hat. Wer hat die nötigen Heerscharen an Freiwilligen, die von Haustür zu Haustür gehen, um Klinken zu putzen? Wer hat die besseren Juristen, die Material für mögliche Anfechtungen nach der Wahl sammeln? Und vor allem: Wer hat das meiste Cash, um diese ganze Maschinerie zu bezahlen? Um die Werbetrommel zu rühren und um jene für sich zu gewinnen, die tatsächlich noch nicht entschieden haben, wo sie ihr Kreuz machen.
Auf die Wechselwähler kommt es an – und das könnten diesmal mehr sein als zuletzt. Die Bindung an die beiden großen Parteien lässt immer mehr nach. Fast ein Drittel der Wahlberechtigten ist nicht einmal in die Wahlregister eingetragen. Hier liegt noch reichlich Stimmenpotenzial brach, das gehoben werden kann.
Wir Deutschen sollten uns von den Bildern der strahlenden Kamala Harris nicht täuschen lassen. Wieso sollte eine Politikerin, die mehr als drei Jahre lang als Bidens Vize eine ziemlich blasse Figur abgegeben hat, plötzlich ein Popstar sein? Wohl vor allem deshalb, weil die Erleichterung unter den Demokraten über Bidens Verzicht so groß ist. Harris mag an der Rolle der Frontfrau wachsen, jetzt kann und muss sie aus Bidens Schatten treten. Harris ist eine brillante Juristin und eine gestandene Politikerin, die vor ihrer Amtszeit als Vizepräsidentin immerhin schon Attorney General von Kalifornien und Senatorin ihres Heimatstaats war.
Aber die USA sind und bleiben trotz der Volten der vergangenen Wochen ein politisch polarisiertes Land – überzeugte Republikaner werden für Harris nicht stimmen, nur weil sie eine Frau ist. Dass sie als Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners für Amerikas kulturelle Vielfalt steht, hilft ihr nicht bei allen Wählergruppen. Wer die Kloake namens Soziale Medien verfolgt, muss erleben, wie über Harris Tag für Tag gelogen und gehetzt wird. Dass sie als Prostituierte gearbeitet habe, gehört noch zu den glimpflichen Behauptungen.
Der aktuelle Sachstand ist dieser: Am 5. November entscheidet laut US-Wahlrecht eben nicht die landesweite Mehrheit, wer das Weiße Haus gewinnt. Nein, in 1600 Pennsylvania Avenue zieht am 20. Januar 2025 ein, wer die Mehrheit in jener Handvoll von US-Bundesstaaten gewonnen hat, in denen das Rennen noch nicht entschieden ist. Das sind, Stand jetzt: Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Arizona und Nevada. Sie machen 61 Stimmen im Electoral College, dem Wahldelegiertengremium, aus, das im Dezember zusammentritt, um die Präsidentenwahl abzuschließen. 270 Stimmen braucht es zum Sieg, wenn das Ergebnis Anfang Januar im Kongress verkündet und zertifiziert wird.
Die Umfrageergebnisse der letzten Monate lassen darauf schließen, dass Harris und die Demokraten sich bisher nur 226 Stimmen im Electoral College sicher sein können, Trump dagegen dürfte bereits 251 „im Sack haben“. Umso überraschter, ja, geradezu erfreut, waren die Republikaner, als Harris nun Tim Walz als Vizekandidaten aussuchte und nicht den Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro. Mit ihm als Vize der Demokraten, so die Befürchtung des Trump-Teams, wären die Chancen der Demokraten auf die 19 Stimmen aus Pennsylvania deutlich besser. Sprich: Harris’ Team scheint sich sicher zu sein, dass es Pennsylvania auch so gewinnen kann. Geht der Heimatstaat von Joe Biden an Trump, müsste Harris schon in den anderen offenen Rennen alles gewinnen, was im Feuer ist. Alles andere als ausgemacht.
Was kommt nun? Vom 19. bis 22. August werden die Demokraten beim Parteitag in Chicago ihre Krönungsmesse für Harris/Walz feiern. Dann folgen eben Wochen des Dauerwahlkampfs. Offenbar wollen die Demokraten dabei auf Optimismus setzen. Das kann aufgehen, kann aber auch krachend scheitern. Was, wenn sich die dunklen Wolken über der US-Wirtschaft zu einem Gewitter auftürmen? Was, wenn die USA in einen Krieg aufseiten Israels im Nahen Osten hineingezogen werden? So oder so: Trumps Botschaft, dass der Untergang des Abendlandes besiegelt sei, wenn die „verrückten Kommunisten“ die Macht bekommen, wird sich nicht ändern. In Dauerschleife werden beide Parteien ihre Basiswählerschaft mit Botschaften des Selbstlobs und der Herabsetzung des Gegners überhäufen. Es wird noch mehr als 2020 ein Internetwahlkampf sein: einer, in dem die Echokammern des Lagerkampfes mit Video-Schnipseln, Memes und Fakenews geflutet werden.
Es bleibt eine Achterbahnfahrt. Und zwar eine, die in eine lange dunkle Röhre führt, die so manche Überraschung bereithält, bevor wir am 6. November hoffentlich ein Ergebnis haben. Möge dieses so klar sein, dass es nicht anfechtbar sein wird.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.