Rheinpfalz am Sonntag RHEINPFALZ Plus Artikel Wahlbetrug: Wie ein US-Republikaner den Anruf von Donald Trump erlebte

Donald Trump 2017 im Oval Office.
Donald Trump 2017 im Oval Office.

Wie reagieren, wenn ein Donald Trump nicht weniger verlangt als Wahlbetrug? Der Republikaner Rusty Bowers aus Arizona hat seine Antwort gefunden – und dafür teuer bezahlt.

Sonntag, 22. November 2020. Rusty Bowers hat gerade die Kirche verlassen, als sein Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist das Weiße Haus, der Anruf kommt direkt aus dem Oval Office. US-Präsident Donald Trump und Bowers plaudern ein bisschen, schon bald geht es ans Eingemachte. Zwar wird Trump nicht laut oder wütend an jenem Vormittag, er droht nicht. Und macht trotzdem unmissverständlich klar, was er will. Er schlägt vor, die Wahlleute in Arizona durch seine Gefolgsleute zu ersetzen. Für Bowers ein Schock.

Zweieinhalb Jahre später, es ist ein Mittwoch, sitzt Bowers in einem Frühstückslokal an einer Autobahnauffahrt nahe Phoenix. Er scherzt mit dem Kellner, spielt ein Geschicklichkeitsspiel, das auf dem Tisch steht, um den Geist auch im Alter frisch zu halten. Seine Augen sind wach.

Als Bowers der RHEINPFALZ am SONNTAG die Geschichte vom Anruf aus dem Weißen Haus schildert, wird sein Blick ernst. Er erzählt diese Dinge inzwischen unverblümt, weil er nichts mehr zu verlieren hat.

Mister Bowers, es ist schwer, unerschütterlich zu sein. Was sind Ihre Werte?
Ich glaube an Gott. Ich glaube, dass es einen Satan gibt. Ich glaube nicht, dass Satan Gott mag. Wir haben immer eine Wahl: Ein Weg ist leichter, einer schwieriger. Der einfache Weg ist weniger diszipliniert, mit weniger Ego zu beschreiten. Jetzt haben wir aber Politiker, die einfach nur reiner Nihilismus sind. Die nur an sich denken. Die sagen: Wenn du nicht mit mir übereinstimmst, bist du der Nächste, der verschwindet. Deutschland hat das schon mal durchgemacht.

Ja. Und Amerika ist auf dem Weg dahin?
Deshalb sitzen Sie als Deutsche hier, weil Ihr Land es erlebt hat und Sie nicht wollen, dass wir es tun. Du wirst daran scheitern, ein perfekter Mensch zu sein. Doch du wirst nicht als guter Mensch versagen. Aber wenn du es nicht versuchst, bist du sowieso verloren.

Der US-Politiker Russell Bowers, Jahrgang 1952, war lange Sprecher des Repräsentantenhauses vonArizona.
Der US-Politiker Russell Bowers, Jahrgang 1952, war lange Sprecher des Repräsentantenhauses vonArizona.

Biden vorne in Arizona

Einmal Republikaner, immer Republikaner? Sein ganzes Leben lang hatte Rusty Bowers diese politische Einstellung. Dabei war der 70-Jährige keiner vom liberalen Flügel, sondern ein Hardliner. 18 Jahre lang war er Abgeordneter im Landesparlament des US-Bundesstaats Arizona, die letzten vier davon als Sprecher des Repräsentantenhauses.

Arizona im Südwesten der USA ist traditionell eine Republikanerhochburg. Mit Ausnahme von 1996, als Bill Clinton hier triumphiert, haben seit 1952 stets die republikanischen Präsidentschaftskandidaten die meisten Stimmen geholt. Der 2018 gestorbene konservative Senator John McCain, der 2008 gegen Barack Obama die Präsidentschaftswahl verlor, war hier zu Hause. Und doch: Im Rennen von 2020 zwischen Donald Trump und Joe Biden liegt am Ende Biden mit 10.457 Stimmen Vorsprung vorne: 49,4 Prozent zu 49,1 Prozent lautet das Ergebnis. Dem Wahlsystem in den USA zufolge bedeutet das, dass alle zehn Wahlmänner an die Demokraten gehen. Weil das Ergebnis so knapp ist, ordnen Parlamentschef Bowers und der Senat von Arizona eine Nachzählung an. Anwälte schauen sich die Wahl an. Das Ergebnis: Alles nach Vorschrift.

Doch Trump will die Niederlage nicht akzeptieren. Als er bei Bowers anruft, sitzt sein Anwalt Rudy Giuliani neben ihm. Man habe illegale Einwanderer gefunden, die in Arizona gewählt hätten, sagen die Anrufer aus Washington. Bowers Beweise für die Anschuldigungen. Und er stellt sich gegen haarsträubende Pläne Trumps, das Wahlergebnis zu unterlaufen.

Trump will Austausch der Wahlmänner

Mister Bowers, was Sie da erzählen, klingt völlig surreal.
Keine Fragen stellen, einfach die Wahlmänner austauschen. Das war der Auftrag, den sie für mich hatten – und das war ein verrückter Plan. All diese Leute, die bei der Wahl mitgewirkt haben, all die Helfer, Tausende von Leuten, Republikaner und Demokraten, Unabhängige und Parteilose. Sie alle haben sich freiwillig gemeldet, und alle sind korrupt und werden alle von der Kommunistischen Partei bezahlt? So soll es gewesen sein? Das ist wie bei den Looney Tunes.

Sie haben die Verfassung verteidigt, mehr nicht. Und irgendwann hat man Sie dafür rausgeschmissen.
Für sie war ich ein Verräter. Aber es war mehr. Sie wollten, dass ich betrüge, um zu gewinnen.

Hut ab, dass Sie so standhaft waren, Mister Bowers.
Na ja, ich habe ja auch was zu verlieren.

Ihre Integrität.
Ich habe nicht an meine Integrität gedacht. Ich habe an meine Kinder gedacht, an meine Enkelkinder. Während meiner gesamten politischen Laufbahn habe ich mich immer gefragt: Was denkt das Volk? Ich schaue auf meine Familie, meine Kinder. Wie werden sie von einem Gesetz betroffen sein, dass ich beschließe? Ich muss nicht über mein eigenes Wohnzimmer hinausgehen. Wenn etwas meiner Familie schadet, schadet es auch anderen, womöglich allen. Wenn es uns stärkt, stärkt es alle.

Mit Republikanern will er nichts mehr zu tun haben

Bowers strahlt eine ungemeine Güte aus, lacht, wirkt mit sich, seinen Entscheidungen und seinem Leben im Reinen. Seit Januar 2023 ist er kein gewählter Politiker in Arizona mehr, nachdem seine Partei ihn im August vor die Tür setzte. Als es um die interne Ausscheidung für die Wahl des Landesparlaments ging, nominierten die Republikaner jemanden, der die Gunst von Donald Trump genießt.

Das war auch Bowers lange Zeit vergönnt, vor Trumps Wahl zum US-Präsidenten 2016 stand er mit ihm auf der Bühne, machte Wahlkampf für ihn. Nun isst er in aller Ruhe Blaubeer-Pancakes. Mit den Republikanern will er nichts mehr zu tun haben. Oder besser: Sie mit ihm.

Beim Spaziergang durch Phoenix sind in einigen Vorgärten „MAGA“-Banner zu sehen. „Make America Great Again“, die Anhänger Trumps sind nicht verschwunden. Sie sind auch schon vor dem Haus von Rusty Bowers aufgetaucht, 90 Autominuten entfernt. Der 70-Jährige musste eine hässliche Schmierenkampagne erleben, auch im Internet wurde er beleidigt, weil er sich gegen den Präsidenten wendete – oder besser: weil er sich der Wahrheit verpflichtet fühlte. Die Demonstranten behaupteten, Bowers sei pädophil und marschierten mit Megafonen auf. Der Republikaner ging auf die Straße und stellte sich ihnen entgegen. Während der Familienvater Bowers mit einer Pistole bedroht wurde, lag seine todkranke Tochter im Haus im Bett.

Ein Mormone, der Trump nicht mehr erträgt

„Ich bin Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, sagt Bowers zwischen Blaubeer-Pancakes und einem Schluck Orangensaft. „Wir werden Mormonen genannt.“ Er hält die US-Verfassung für von Gott inspiriert und ist in einem konservativen, republikanischen Umfeld aufgewachsen. Dass große Teile der Partei Trumps Märchen von der Wahlfälschung wie einen Glaubenssatz ansehen, kann er nicht akzeptieren.

Eine der beiden Parteien, auf denen die USA fußt, zerstört sich gerade selbst. Ist das nicht ein alarmierendes Zeichen?
Oh, absolut. Derzeit bringt sich die Republikanische Partei selbst um, zumindest hier bei uns in Arizona. Sie haben viele Leute verloren. Viele Leute sind sehr desillusioniert. Und der Gouverneurskandidat rührt weiter die Werbetrommel. Warum? Weil die Partei seit der Wahl 2,5 Millionen Dollar damit verdient hat. Es ist eine Gaunerei. Es ist eine Geldsache. Und die Ängste der Menschen sind eine gute Gelegenheit für Betrüger, für jemanden, der sie ausnutzen kann, um mehr von ihrem Geld zu bekommen. Trump ist ein hervorragendes Beispiel dafür.

Glauben Sie, es gibt ein psychisches Problem bei Trump?
Ich glaube, es liegt an der Kultur, dass die Menschen ihren eigenen Verstand aufgegeben haben, dass sie nicht mehr versuchen, für sich selbst zu denken, sondern nur noch einem Führer folgen. Die persönliche Selbstdisziplin erodiert so weit, dass man keine Verantwortung mehr übernehmen kann und will, dass man sich mit allem zufrieden gibt und dass alles, was im Internet steht, wahr ist. Aber es gibt keine Wahrheit. Auch im Internet nicht.

Früher saß man in seiner Stammkneipe und hatte immer einen Verrückten am Tisch, der seine Verschwörungstheorien verbreitete. Jetzt hat dieser Verrückte auf einmal Millionen von Anhängern.
Und er tippt weiter.

Er soll Teil eines Staatsstreichs werden

Auch Trumps Anwalt Giuliani ist in jenen Novembertagen wie wild in den Medien unterwegs, spricht immer wieder von Betrug, den es aufzuklären gelte. Im Nachhinein kommt heraus, dass er intern gesagt hat: „Wir haben viele Theorien, uns fehlen nur die Beweise.“ Als Bowers den Vorschlag ablehnt, einen Untersuchungsausschuss zu gründen, gehen Trump und sein Anwalt einen Schritt weiter. Sie hätten gehört, dass es „in Arizona ein geheimes Gesetz“ gäbe, das es der Legislative erlauben würde, Wahlmänner auszutauschen. Es dauert ein wenig, bis Bowers versteht, was sie von ihm verlangen. Dann wird ihm klar: Er soll Teil eines Staatsstreichs werden – und lehnt auch das ab.

Bowers vor dem Untersuchungsausschuss zum Sturmauf das Kapitol.
Bowers vor dem Untersuchungsausschuss zum Sturmauf das Kapitol.

Donald Trump und Rudy Giuliani haben nicht nur einmal bei Bowers angerufen – und nicht nur bei ihm. Der für die Organisation der Wahlen in Georgia zuständige Republikaner Brad Raffensperger soll nach Anweisung des Präsidenten 11.780 Stimmen finden, um das Ergebnis der Wahl noch zu drehen. Auch er weigert sich und zieht den Zorn Trumps auf sich. Raffensperger und sein Stellvertreter Gabriel Sterling seien jeden einzelnen Vorwurf von Trump und dessen Verbündeten durchgegangen und widerlegt, aber Trump habe es nicht akzeptiert. Der Präsident habe ihm gesagt, dass es nur an Unehrlichkeit oder Inkompetenz liegen könne, wenn die notwendige Stimmzahl nicht gefunden werde.

Das Ringen um die Wahl 2020 zieht sich über zwei Monate lang. Am 6. Januar 2021 dann folgt der dramatische Höhepunkt der Wahlleugnungskampagne Trumps. Tausende seiner Anhänger stürmen das Kapitol in Washington.

Zeuge im U-Ausschuss zur Kapitolstürmung

Drei Wochen danach stirbt Bowers Tochter Kasey. Ein Schicksalsschlag der ihn mitgenommen, aber nicht gebrochen hat. Bowers hatte insgesamt sieben Kinder. Einer seiner Söhne lebt in Frankfurt, ihn und die drei Enkelkinder will er Bowers bald in Deutschland besuchen. „Die Geschichten der Familie werden größer, wenn wir Mitglieder durch Heirat hinzufügen“, sagt er. „Wir sind eine sehr gemischtrassige Familie. Ich habe Ghanaer, Elfenbeinküste, Philippinen und Koreaner in meiner Familie.“ Kann so einer die Spaltung eines Landes mittragen, die sein Ex-Präsident vorlebt?

Mit seinen Aussagen hat Bowers Trump beschädigt – und steht dazu. Im Untersuchungsausschuss zur Kapitolstürmung ist Bowers, genauso wie Raffensperger aus Georgia, ein Schlüsselzeuge gewesen.

Trotzdem: Sollte, wie sich abzeichnet, der Trump 2024 abermals gegen Biden antreten, würde er ihn erneut wählen, sagt Rusty Bowers in einem Interview mit der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press: „Einfach weil das, was er in der Zeit vor Covid getan hat, so gut für das Land war. In meinen Augen war das großartig.“ Einmal Republikaner, immer Republikaner.

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