Mentaltraining
Von der späten Hochbegabung zur Meisterschaft: Eine Frau auf Erfolgskurs
Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt ein Kopfhörer mit gelben Ohrmuscheln. Den wird Antje Hubacz tragen, wenn sie an der dreitägigen Deutschen Gedächtnismeisterschaft an diesem Wochenende in Paderborn teilnimmt. Die Meisterschaft beinhaltet zehn Gedächtnisaufgaben mit 5, 15 oder 30 Minuten Zeitvorgabe – im Gegensatz zur Süddeutschen Meisterschaft mit sieben Disziplinen à fünf Minuten. 2024 ist sie in Schweden zwar bereits Weltmeisterin in der Altersgruppe der Senioren geworden, doch das ist der Verwaltungsangestellten, die sich im Herbst als Gedächtnistrainerin selbstständig gemacht hat, nicht genug. Ihr Ziel ist es, sich von mittlerweile Rang 139 auf der Liste der mehr als 1.500 Gedächtnissportler, die an Meisterschaften teilnehmen, weiter zu verbessern. Dort sind alle Gedächtnissportler gelistet – Erwachsene, Senioren, Jugendliche und Kinder –, die weltweit an Meisterschaften teilgenommen haben, unabhängig davon, ob diese regional oder international waren. Für die Gesamtwertung wird der Punktedurchschnitt der besten drei Meisterschaften gewertet. Und da zählt das Ergebnis der Deutschen Gedächtnismeisterschaft gegebenenfalls mit dazu.
„Konnte das Testergebnis gar nicht glauben“
„Zu Gedächtnismeisterschaften gehen entweder Hochbegabte oder jene, die sich früher kaum etwas merken konnten“, zitiert Hubacz einen ihrer Mitstreiter. Sie selbst zählt mit einem IQ von 145 zu den Hochbegabten – und damit zu den obersten 0,13 Prozent der Bevölkerung. Davon erfuhr sie allerdings erst im Mai 2018, nachdem sie einen Intelligenztest absolvierte, den der Verein Mensa für Hochbegabte in Deutschland anbietet. Die heute 60-Jährige erinnert sich noch gut an das Testergebnis, das zunächst weder ihr Mann, ein Professor für Wirtschaftsinformatik, noch ihre Zwillingssöhne oder sie selbst recht glauben konnten. In der Auswertung heißt es: „Eine besondere Ressource ist neben Ihren figuralen, numerischen und verbalen Fähigkeiten, die in etwa gleich stark ausgeprägt sind, Ihre aktuelle Merkfähigkeit.“
„Klar, mit 145 verbindet man Einstein. Und das ist jetzt nicht meine Karriere“, sagt sie. Sie hängt ihren IQ nicht an die große Glocke, doch im Rückblick erschließt sich manches: Warum sie im Alter von vier oder fünf Jahren innerhalb einer Stunde die Uhr zu lesen lernte, die ihr Vater ihr beigebracht hatte. Außerdem schrieb sie in der Grundschule immer Einsen ohne viel Aufwand und war nach zehn Minuten mit den Hausaufgaben fertig. Trotzdem war von der fünften bis zur zehnten Klasse die Schule eine Leidenszeit für sie: Sie brach das Gymnasium in der sechsten Klasse ab, weil sie sich weder von der Englischlehrerin noch vom Mathelehrer in ihrer Art, Aufgaben zu lösen, verstanden fühlte. Sie wechselte auf die Realschule und rechnete sich aus, welche Noten sie bräuchte, um durchzukommen. Sechs Stunden zu sitzen ist nicht ihre Sache. Im Unterricht schlief sie fast ein. „Es war eine verlorene Zeit, ich habe sie einfach abgesessen“, erzählt sie. Nur zur Abschlussprüfung habe sie etwas gemacht. In Rechnungswesen verblüffte die Viererschülerin die Lehrerin mit einer Eins im Schriftlichen. „Alle anderen, die sonst gut waren, schrieben nur eine Zwei“, erinnert sie sich. Antje Hubacz wunderte sich, erzählte es aber nicht ihren Eltern. Stattdessen machte sie beim Arbeitsamt einen Eignungstest zur Berufsfindung. „Da kam Tankwart heraus“, sagt sie. Auf der Fachoberschule versuchte sie, das Abitur zu machen, und scheiterte an Mathe. Sie zog einen Schlussstrich unter die leidige Schulzeit. Und plötzlich huscht ein Strahlen über das Gesicht der 60-Jährigen, als sie erzählt, wie sie anschließend in London ein Jahr als Au-pair arbeitete. „Es war eine wunderschöne, wirklich tolle Zeit“, sagt sie.
Ein Jobwechsel nach dem anderen
Zurück in München machte sie eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch und Spanisch. Ihr Wunsch, zwei Jahre zu verlängern, um Übersetzerin zu werden, scheiterte an der Finanzierung und so nahm sie einen Bürojob an. Ab dem Zeitpunkt, an dem andere ihren Job lieben, wenn sie ihn können, langweilt sie sich: „Ich habe im Schnitt alle drei Jahre gewechselt. Das erste Jahr war gut. Im zweiten Jahr konnte ich es und bin dann schon unruhig geworden. Das dritte Jahr war meist eine Quälerei, und dann habe ich gekündigt“, sagt sie. Als sie schließlich mit 50 eine Stelle als Assistentin des Aufsichtsrats aufgrund einer Firmeninsolvenz verliert und beruflich absteigt, macht sie aus Frust den Test für Hochbegabte. Es ist die Wende in ihrem Leben. „Ich dachte, wenn ich so klug bin, könnte ich wirklich etwas daraus machen“, sagt sie.
Das zweijährige Abitur im Telekolleg ist ihr Test, ob es funktioniert. Sie schließt mit der Note Zwei ab, beginnt neben ihrer Teilzeitstelle, Ernährungswissenschaften zu studieren, und wechselt im Januar zu einem Job, den sie mit dem noch andauernden Studium verbinden kann. Hat sie das Gefühl, als spät erkannte Hochbegabte Chancen verpasst zu haben? „Nein, denn ich weiß ja nicht, was ich verpasst hätte, und mit zwei Kindern hätte ich nicht voll arbeiten können“, sagt sie. Aber es sei eine Erleichterung, wenn man so einen Test macht. Dann wisse man, warum die anderen vielleicht anders sind als man selbst und warum man Dinge anders sieht. Außerdem gehe sie in eine Gruppe für Hochbegabte, wo sie sich unter ihresgleichen austauschen kann.
Das Gedächtnis wird mit Bildern trainiert
Zudem hat sie einen Scrabble-Club in München gefunden, in dem sie ihrer Leidenschaft frönen kann und nicht nur gegen den Computer spielen muss. Und sie hat sich darüber informiert, wie man das Gedächtnis trainieren kann. Im Regal gegenüber dem Esstisch stehen mehr als 20 Bücher, die sie verschlungen hat. Seit 2022 nimmt sie an Gedächtnismeisterschaften teil. Diese bestehen aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter Namen und Gesichter zuordnen, Bilder, Karten und Zahlenfolgen merken. Hubacz ruft einen Trainingstest am Laptop auf, an dem sie für die Meisterschaften mindestens eine Stunde täglich übt, ansonsten viermal wöchentlich eine halbe Stunde.
„Kein Gedächtnissportler kommt ohne Bilder aus“, sagt Antje Hubacz. Um sich Zahlen zu merken, benutzt sie das Major-System. Sie hat dazu mehrere Routen mit insgesamt 500 Punkten. Eine Route führt durch ihre Wohnung. Von den Mülltonnen vor der Haustür, über den Briefkasten zur Katzenklappe, bis zum Esstisch und in die Tiefgarage. Für die Zahlen von 00 bis 99 hat sie jeweils ein festes Bild im Kopf. Wenn sie sich die Zahl 601793 merken möchte, ist es zuerst das Bild einer Echse – zusammengesetzt aus „Ch“ für die Ziffer 6 und dem Buchstaben „S“ für die Ziffer 0. Für die Zahl 17 ist es eine Decke – das „D“ entspricht der 1 und der Buchstabe „K“ der 7. Beim dritten Routenpunkt stellt sie sich einen Baum vor – hier steht das „B“ für die Ziffer 9 und „M“ für die 3. Der geistige Rundgang geht dann wie folgt: Als Erstes stellt sich Hubacz eine Echse vor, die über die Mülltonne kriecht, als Zweites eine Decke, die sie in den Briefkasten steckt, und als Drittes einen Baum, der am Tor steht. Namen und die dazugehörigen Gesichter merkt sie sich durch Eselsbrücken – wie beispielsweise die braunhaarige Sara Mok. Da denkt sie an eine Person mit diesem Namen und daran, dass sie gerne braunen Mokka trinkt.
Mit dem Gedächtnis Geld verdienen?
Um nicht nur geistig, sondern auch physisch fit zu bleiben, treibt Antje Hubacz fünf Stunden Sport pro Woche, darunter Joggen und Krafttraining. Außerdem hat sie eine Trainerausbildung beim Bundesverband der Gedächtnistrainer gemacht. Alle drei Jahre läuft das Zertifikat ab. Nach der Meisterschaft in Unterschleißheim – sie wird für Kinder (Jahrgänge 2013 und jünger), Junioren (2008–2012), Erwachsene und Senioren (1965 und älter) ausgetragen – wird sie deshalb wieder einen Kurs machen, um es zu verlängern. Und vielleicht wird sie auch dieses Jahr erneut zur Gedächtnisweltmeisterschaft fahren.
Weil diese im indischen Mumbai stattfindet, sei allein schon die Anreise kostspielig. Noch ist sie sich nicht sicher, ob sie daran teilnehmen wird. „Es ist ein Nischensport, ein Hobby, bei dem nicht viel Geld verdient werden kann“, sagt sie. Doch der aktuelle Weltmeister Andrea Muzii, ein junger Arzt aus Italien, könne, soweit sie weiß, davon leben. Für Antje Hubacz steht an diesem Wochenende jedoch erst einmal die Deutsche Meisterschaft in Paderborn an, bei der sie so viele Punkte wie möglich sammeln möchte, um in der Weltrangliste weiter aufzusteigen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.