Reise
Verstecktes Italien: Wandern im wilden Süden Kampaniens
Von Karin Kura
Stacheliges Macchia-Gestrüpp zerrt an den Hosenbeinen, Kiefern verströmen ihren Duft. Auf hellem Karstgestein führt der Küstenpfad nahe dem Ort Marina di Camerota im südlichen Cilento über Hügel von Bucht zu Bucht, von Felsen eingerahmt. Jeweils in Sichtweite voneinander stehen die Sarazenentürme, einst errichtet, um die Bevölkerung vor Piraten und anderen feindlichen Angriffen vom Meer zu warnen.
Wenn die Saison beginnt, werden die Strände mit ganzen Kolonien von Sonnenschirmen und Liegen befüllt, aufgestellt in Reih und Glied – ein typisches Bild für Italiens Küste. Doch in der Nebensaison liegen die Sand- und Kiesstrände verlassen da. Und auf dem Küstenpfad bieten sich immer wieder schöne Ausblicke zur Palinuro-Halbinsel, die sich wie eine Hand ins Tyrrhenische Meer schiebt. Palinuro ist der touristischste Ort im Cilento mit vielen Restaurants, Hotels und Souvenirläden. Dahinter, am Kap, dem Capo Palinuro, sind die steilen Felsen bis zu achtzig Meter hoch, schroffes Kalksteingebirge trifft auf azurblaues Meer. Wegen seiner starken Strömungen war das Kap früher bei Seefahrern eine gefürchtete Ecke, am Meeresgrund sollen rund dreißig Schiffswracks liegen.
Antike Tempel und wilde Natur
Dunkle Löcher klaffen in der Steilküste. In manche Grotten kann man mit dem Boot hineinfahren und bizarre Steinskulpturen bestaunen. Am bekanntesten ist die Grotta Azzurra, die Blaue Grotte am Kap von Palinuro. Für Wanderführer Udo Hettrich ist sie „genauso schön wie die Blaue Grotte auf Capri, nur weniger bekannt“. Das Wasser leuchtet innen besonders intensiv, wenn nachmittags die Sonnenstrahlen in einem bestimmten Winkel einfallen.
Große Städte gibt es im Cilento keine. Der nächste größere Ort ist Salerno, rund hundert Kilometer nördlich von Palinuro, und die Metropole Neapel liegt drei Autostunden entfernt. Antike Sehenswürdigkeiten wie die griechischen Tempel von Paestum befinden sich im Norden des Cilento, den Süden hingegen prägt die Natur. Stille findet man beim Wandern abseits der Küste, in den Wäldern, die die Ausläufer des Apennin bedecken. Der höchste Gipfel im Nationalpark heißt Monte Cervati, mit 1898 Metern auch der Höchste in Kampanien. Im 1991 gegründeten Nationalpark leben Bären, und in manchem Fluss tummelt sich der seltene Fischotter. Aufgelockert werden die Wälder durch Olivenhaine in der Nähe der Bergdörfer, die an den steilen Hängen zu kleben scheinen. Einer der schönsten Orte ist das mittelalterliche Pisciotta. Man streift durch enge, steile Gassen, vorbei an alten Palazzi, einige Häuser sind rosa oder gelb gestrichen. Auf den vielen Aussichtsterrassen mit Blickrichtung Küste fühlt es sich an, als schwebe man zwischen Himmel und Meer. Ein etwa vierstündiger Rundweg führt um Pisciotta.
Die Pilgerroute kann leicht verlängert werden
Zunächst geht es sagenhaft steil über Treppen hinauf, vorbei an alten, großen Olivenbäumen. Das Öl von Pisciotta zählt zu den hochwertigsten im Cilento. Die Treppenstufen nach oben wollen kein Ende nehmen, und sie tun es irgendwann doch. Weiter geht’s durch Lorbeerwald, auch mal vorbei an einer Gruppe Erdbeerbäume, und dann flankieren hohe Farne die Kastanienwälder. Wolkendunst hängt wie eine Glocke über allem, in der Nacht zuvor hatte es gestürmt und geregnet. Weniger Bäume und mehr großartige Ausblicke verspricht der Pilgerpfad von Caselle in Pittari zur Grotte di San Michele, eine Grotte und Höhlenkirche zu Ehren des Erzengels Michael. Auf Kalkstein und roter Erde geht es voran, Geckos huschen vor den Füßen. Die Pilger-Route dauert zweieinhalb Stunden, und man kann sie verlängern, indem man einmal rund um den knapp 700 Meter hohen Monte San Michele läuft. Am Bergmassiv führt ein schmaler Pfad entlang, links die hohen, zerklüfteten Felsen, und rechts geht’s in die Tiefe. Die Augen schauen voraus, der Blick schweift über dicht bewaldete Bergkuppen auf die Südküste des Cilento, auf den Golf von Policastro. In der Ferne glitzert verführerisch das Meer.
Cilento
Anreise
Von Stuttgart mit Eurowings nach Neapel (www.eurowings.com). Von dort mit einem Mietwagen oder mit der Bahn von Neapel bis zum Bahnhof Pisciotta-Palinuro.
Unterkunft
Klein und familiengeführt ist das Hotel Calanca in Marina di Camerota, orts- und strandnah, gute Küche, Doppelzimmer ab 65 Euro, www.hotelcalanca.com. Albergo Santa Caterina bietet Wellness und liegt im Zentrum von Palinuro, DZ ab 59 Euro, www.albergosantacaterina.com.
VeranstalterWikinger Reisen bietet zwei geführte Wanderreisen in den Cilento an. Ab 1398 Euro pro Person, inklusive Flug, 7 Übernachtungen und Halbpension, www.wikinger-reisen.de. SKR Reisen hat eine geführte Wanderreise in den Cilento ab 1949 Euro, inkl. Flug, 7 Übernachtungen
und Vollpension, www.skr.de.
Aktivitäten
Bootstouren zu den Grotten kann man in Marina di Camerota und in Palinuro buchen, 20 Euro p.P., Kinder zahlen die Hälfte, www.costieradelcilento.it.
AllgemeinItalien Tourismus, www.italia.it/de,
Region Campania, www.incampania.com, Nationalparkseite www.cilentoediano.it (nur Italienisch).
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.