Interview RHEINPFALZ Plus Artikel US-General: Air Base Ramstein will guter Nachbar sein

Das Ramsteiner Transportgeschwader unterstützt auch Nato-Alliierte. Unser Bild zeigt polnische Fallschirmspringer an der Luke ei
Das Ramsteiner Transportgeschwader unterstützt auch Nato-Alliierte. Unser Bild zeigt polnische Fallschirmspringer an der Luke einer C-130 bei einer Übung im September.

General Otis Jones ist der Standortkommandant der Air Base Ramstein. Im Interview spricht er über die Nato-Hilfe für die Ukraine und die deutsch-amerikanischen Beziehungen, aber auch über Rassismus in Alabama und seine Karriere als College-Basketballer.

Adventsdeko verleiht der nüchternen Kommandantur der Air Base Ramstein an diesem sonnigen Dezembertag etwas heimelige Atmosphäre. In einem kleinen Konferenzraum unweit seines Büros warten wir nur kurz auf Brigadegeneral Otis Jones. Seit Ende Juli leitet der 50-Jährige das 86. Lufttransportgeschwader. Der stämmige Luftwaffenoffizier, der in seiner Laufbahn als Pilot 269 Flugstunden in Gefechtseinsätzen absolviert hat, sitzt kerzengerade im blauen Sessel und blickt den Reporter tiefenentspannt an. Seine ruhige Stimme hat den typischen Singsang des Südstaatlers, der er ist. Jones, verheirateter Vater von vier Kindern, ist in Selma, Alabama, aufgewachsen. Aber dazu gleich mehr. Zuerst geht es – natürlich – um den Krieg in der Ukraine.

General Jones, wie wirkt sich dieser Krieg an der Ostflanke des Nato-Bündnisgebiets im Alltag auf Ihre Aufgabe aus?
Die Air Base Ramstein ist das logistische Drehkreuz für die USA und unsere Nato-Alliierten. Seine Rolle ist jeden Tag stark beeinflusst von der Natur dieses Konflikts. Wir bewegen Personal und Ausrüstung quer durch das Einsatzgebiet und überbringen zudem weitere Unterstützung von unseren mehr als 120 Missionspartnern. Also wir sind ziemlich beschäftigt gewesen, da wir so proaktiv und reaktiv wie möglich vorgehen, um abzuschrecken und zu verteidigen.

Viele Deutsche sind besorgt, dass Ramstein das Ziel russischer Vergeltungsmaßnahmen sein könnte. Was antworten Sie ihnen?
Ich würde sagen, sowohl die USA als auch die Nato-Partner wissen um die Bedeutung Ramsteins. Und um die Wichtigkeit der Mission hier. Die Bürger sollten also alle Zuversicht haben, dass wir so aufgestellt sind, dass wir nicht nur abschrecken können, sondern diese Militäreinrichtung auch verteidigen können. Das gilt ebenso für andere Einrichtungen im europäischen Einsatzgebiet, wie auch immer dies erforderlich sein mag.

Lassen Sie mich versuchen, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das alles für Sie persönlich ist. Sie tragen die Verantwortung für zigtausend Soldaten und deren Familien. Wie schaffen Sie es zum Beispiel, deren Bedürfnisse und Anliegen kennenzulernen? Oder geht das gar nicht so wegen der Kriegslage?
Nein, nein, das mache ich natürlich möglich. Jeden einzelnen Tag ist das eine Priorität, rauszugehen aus dem Büro und die Mitglieder des Teams zu treffen, die unsere Mission ausführen. Sie nehmen die Schraubenschlüssel in die Hand und drehen die Schrauben, sie sind da draußen und beladen und entladen. Zu erfassen, was sie Tag für Tag tun, das ist mein Job. Dafür treffe ich sie, wo sie sind und arbeiten. Dazu gehören auch die Familien. Dazu gehört, dass sie verstehen, wie wertvoll ihre Arbeit ist. Für mich ist es völlig gleich, ob es um einen Job in der Mannschaftskantine, im Offiziersclub oder in der Poststelle geht. Jeder einzelne Teil der Aufgabe ist wertvoll für uns.

Zu unserem Job gehört auch, an der Zusammenarbeit mit unseren Alliierten zu arbeiten, wozu auch die Integration der Systeme und Abläufe gehört. Dazu zählt auch die Kooperation mit den Partnern der anderen Waffengattungen, zum Beispiel der US Army hier oder dem Luftkommando der Nato. Und dann sind da die Partner in den Gemeinden, in denen wir hier leben. Ich treffe mich recht häufig mit den Bürgermeistern. Ich finde, wir haben eine sehr starke Beziehung miteinander.

Gibt es dennoch irgendetwas in den Beziehungen, das Sie persönlich gerne ausgebaut oder verbessert sehen würden?
Klar gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten. Unser Handlungsrahmen sind das Truppenstatut, aber genauso die Gesetze unserer Gastgebernation. Und wir wollen alles tun, uns maximal an sie zu halten, um sicherzustellen, dass wir als gute Partner handeln. Und uns verbinden ja gemeinsame Herausforderungen im Alltag, aktuell sind das zum Beispiel die hohen Energiekosten. Da gehört es dazu, ein guter Mannschaftsspieler zu sein. Wir haben uns verpflichtet, im Laufe des Jahres mindestens 15 Prozent unseres üblichen Energieverbrauchs einzusparen.

Es gibt freilich auch Friktionspunkte. Einer davon ist die Besteuerung von US-Militärangehörigen durch den deutschen Fiskus. Sie ist im Nato-Truppenstatut eigentlich nicht vorgesehen, aber es gibt immer wieder strittige Fälle, besonders bei US-Militärangehörigen, die schon lange hier leben und vielleicht eine Deutsche geheiratet haben. Es gab zuletzt am Finanzgericht in Neustadt Urteile dazu, und sie erscheinen widersprüchlich. Betroffen sind Hunderte Amerikaner – es ist eine Minderheit, aber das Thema sorgt seit Jahren für Unruhe, auch auf der Air Base Ramstein.

Herr General, wie zuversichtlich sind Sie, dass bei der Frage der Besteuerung eine Lösung gefunden wird, sprechen Sie dazu mit den deutschen Stellen und auch den US-Stellen wie der Berliner Botschaft oder dem Pentagon?
Die Gespräche, die ich hierzu habe, sind erst mal mit den Betroffenen hier auf der Basis. Und meine Botschaft an sie ist recht simpel: Wir sind zuversichtlich, dass sich alles über das Rechtssystem klären wird. Welche Interpretation des Truppenstatuts an dieser Stelle auch am Ende Bestand haben sollte, wir vertrauen diesen Entscheidungen.

Der Steuerstreit gehört wie auch der Fluglärm zu den Dauerbrennern der medialen Berichterstattung über die Air Base. Ein weiteres Thema in dieser Kategorie ist die Erinnerung an die Flugtagskatastrophe 1988 mit 70 Toten und etwa 1000 Verletzten. Auch dazu nimmt Jones offen Stellung. Sein auffallend ruhiger Tonfall verändert sich auch dabei nicht.

Herr General, der SWR hat gerade einen fiktionalen Film und eine neue Dokumentation über die Katastrophe von 1988 produziert – und die RHEINPFALZ im Frühjahr dieses Jahres einen Podcast. Haben Sie zum Beispiel den Film gesehen? Interessiert Sie das Thema?
Ich interessiere mich sehr dafür. Aber ich habe diesen Film noch nicht gesehen. Es interessiert mich, weil mich die historische Beziehung zwischen uns interessiert. Ich empfinde tiefstes Beileid für all jene, die damals aus dem Leben geschieden sind. Und ich möchte, dass die Mitglieder unserer Militärgemeinde die historische Dimension verstehen, die diese schlimmen Ereignisse darstellen.

Es gab und gibt wegen der Flugtagskatastrophe Vorwürfe an die Amerikaner wie an die deutschen Behörden, zum Beispiel dass die Sicherheitsabstände zu klein waren. Auch der SWR-Film thematisiert das.

Herr General, wären Sie denn dafür, zum Beispiel den SWR-Film hier auf der Basis zu zeigen?
Ich bin mir nicht sicher, ob es eine englischsprachige Version gibt.

Leider nicht, der SWR arbeitet aber offenbar an einer untertitelten Version.
Okay, also wenn das zustande kommt, wäre ich natürlich interessiert, den Film zu sehen. Mir ist bewusst, dass wir über drei Jahrzehnte Geschichte reden. Wir wollen tun, was im besten Interesse der Familien ist und ihnen wirklich Respekt erweisen. Und auch Rücksichtnahme auf ihre Wünsche. Gleichzeitig will ich, dass unsere Militärgemeinde versteht, welch enormen Verlust die Menschen hier erlitten haben. Noch mal: Wenn er in Englisch verfügbar wäre, würden wir dazu einladen, den Film auch hier zu sehen.

Bevor Jones vor 28 Jahren eine Militärlaufbahn einschlug, war er ein sehr erfolgreicher Basketballer: Als Student spielte er an der US Air Force Academy in Colorado und war so gut, dass er die Ehrung eines All-American-Spielers erhielt. Erst kürzlich wurde er in die Hall of Fame aufgenommen.

Herr General, meine Quellen sagen mir, Sie spielen gerne Basketball. Welche Position spielen Sie und wie oft kommen Sie überhaupt zum Spielen?
(Lacht auf.) Also, sagen wir mal, ich spielte einstmals sehr gerne Basketball. Nun bin ich in einem Alter, in dem das nicht so sehr gilt. (Grinst.)

Ich bin aus einem kleinen Nest in Alabama. Basketball half mir, den Fuß in die Tür zu einer Laufbahn zu bekommen. Ich tue Dinge, zu denen nicht viele die Gelegenheit bekommen – wie Flugzeuge fliegen und andere Menschen anzuführen und einen positiven Einfluss zu nehmen, nicht nur daheim, sondern in vielen, vielen Nationen dieser Welt.

Sie haben es eben gesagt: Sie sind afroamerikanischer Abstammung und gebürtig aus Selma, Alabama – einer Stadt, die für den langen Kampf für Rassengleichheit steht. Sind Sie in Ihrem Leben und in Ihrer Karriere als Soldat auf Rassismus gestoßen?
Als ein junger Afroamerikaner, der im Süden lebt, treffen Sie alle Sorten von Mensch. Menschen, die sich Diversität verschreiben, die gibt es auch in Alabama. Menschen, die nur langsam die Veränderungen akzeptieren können, genauso. Ich weiß zu schätzen, welche Hindernisse die Menschen überwunden haben, die mir vorangegangen sind. Und dazu zähle ich meine eigene Familie. Dinge wie die Edmund Pettus Brücke und den Marsch von Selma nach Montgomery 1965. Aber ich kann Ihnen sagen, dass das Militär in diesen Fragen schon eine lange Zeit der Gesellschaft voraus gewesen ist und für Vielfalt und Gleichheit und Repräsentativität steht.

Jones ist ein wichtiger Militär, er steht an der Spitze eines Geschwaders, das aus sieben Gruppen und 30 Staffeln besteht, die sich auf vier Basen verteilen, in Deutschland, Spanien, Belgien und Portugal. Trotzdem strahlt der 50-Jährige Bescheidenheit aus, sein Auftreten ist gänzlich unaufgeregt. Nach 25 Minuten endet das auf Englisch geführte Gespräch mit einer zügigen Verabschiedung. Ein fester Handschlag, ein Lächeln, der General verlässt den Raum.

Im Gespräch: Journalist Ilja Tüchter mit Brigadegeneral Otis Jones auf der Air Base in Ramstein.
Im Gespräch: Journalist Ilja Tüchter mit Brigadegeneral Otis Jones auf der Air Base in Ramstein.
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