Interview
David Kurzman über den Tod seiner Vorfahren auf der Titanic, Werte und teure Artefakte
Herr Kurzman, welchen Einfluss haben Ida und Isidor Straus auf Ihr Leben?
Ich habe einen Stammbaum an der Wand meines Büros, in dem Isidor und Ida – meine Ururgroßeltern – aufgeführt sind. Ich schaue ihn an, um mich daran zu erinnern, welche bedeutenden öffentlichen Projekte sie mit aufgebaut haben, dass sie ihre Schulden vollständig zurückzahlten, dass sie als Amtsträger dem Gemeinwohl dienten und sich gut um ihre Mitarbeitenden kümmerten. Das sind wichtige Werte, denen jede Generation gerecht werden sollte.
Warum sind Ihnen diese Werte so wichtig?
Die Werte, nach denen man lebt, bestimmen, wer man ist – und auch, wie glücklich man ist. Ich bin beeindruckt von den Werten, die ihnen wichtig waren, und ich möchte mein Bestes tun, mich an ihnen zu orientieren.
Wie häufig sind Ihre Vorfahren Thema bei Familienfesten oder bei Veranstaltungen, die Sie besuchen?
Ganz ehrlich, nicht besonders oft. Unsere Vorfahren waren zwar wunderbare Menschen, die viel Großartiges geleistet haben, aber sie sind nicht wirklich Thema alltäglicher Gespräche.
Haben Sie Isidor Straus’ Geburtsort Otterberg schon einmal besucht?
Leider hatte ich bisher nicht die Gelegenheit dazu.
Ihr kürzlich verstorbener Vater, Paul Kurzman, war in einer Dokumentation von Titanic-Regisseur James Cameron zu sehen. Wie stark hat Ihr Vater sich um die Weitergabe der Familiengeschichte bemüht?
Mein Vater sprach über unsere Verbindung zur Familie Straus und brachte mich bei der „Straus Historical Society“ unter.
Wann wurden Sie erstmals mit dem Untergang der Titanic konfrontiert?
Ich glaube, ich war ein Teenager, als ich das erste Mal davon hörte.
Die Titanic steht für vieles: technischen Fortschritt, das tragische Schicksal vieler Menschen – aber auch für das Band der Liebe zwischen Ihren Ururgroßeltern. Welche Gefühle lösen die Gedanken an die Titanic in Ihnen aus?
Es erinnert mich daran, dass manche Dinge ewig sind – die Liebe zum Partner, die Fürsorge für weniger Begünstigte, die Bindung, die über Jahrzehnte wächst. Das alles überdauert selbst die mächtigsten Seeschiffe.
Die Leiche von Isidor Straus wurde geborgen. Wie wichtig sind der Familie die beim ihm gefundenen Gegenstände, zum Beispiel das Medaillon mit seinen Initialen, dass ihr Vater in der Titanic-Doku zeigte?
Isidors Medaillon ist ein kostbarer Schatz, den ich ganz nah bei mir trage. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt – es ist schlicht einzigartig. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht, daran zu denken, dass mein Ururgroßvater es einst in einer Tasche dicht an seinem Herzen trug.
Das Medaillon bedeutet Ihnen – wie einst Ihrem Vater – sehr viel. Wie stehen Sie dazu, dass ein weiteres Andenken an Ihren Ururgroßvater, seine goldene Taschenuhr, kürzlich für mehr als zwei Millionen Euro versteigert wurde?
Jedem das Seine, würde ich sagen. Ich hörte von einem Freund, dass sich die Uhr im Eigentum eines Familienmitglieds befand – vielleicht war die emotionale Bindung zu der Uhr nicht sehr stark.
Joan Adler von der „Historical Straus Society“ sagte, sie hätte es bevorzugt, wenn die Uhr vor der Auktion einem Familienmitglied angeboten worden wäre. Stimmen Sie dem zu?
Ich habe dazu keine Meinung – weder in die eine noch in die andere Richtung. Ich hoffe aber, dass die Familienmitglieder mit dem Verkauf der Uhr zufrieden sind.
Seit der Entdeckung des Titanic-Wracks im Jahr 1985 wurden zahlreiche Artefakte geborgen und ausgestellt. Finden Sie es gut, dass Gegenstände vom Grund des Atlantiks geborgen werden?
Ich finde es wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass auf dieser tragischen Reise Menschen ums Leben kamen. Wenn die ausgestellten Artefakte dabei helfen, diese Verbindung für die Menschen greifbar zu machen, dann ist das für mich in Ordnung.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten: Würden Sie in einem Tiefsee-U-Boot zur Titanic tauchen?
Als Nachfahre der Familie Straus sollte ich wahrscheinlich lieber an Land bleiben und nicht versuchen, zu viele Bootsfahrten zu unternehmen.
Zur Person
David Kurzman lebt in Kalifornien und arbeitet dort in der Finanzabteilung eines Energieunternehmens. Der Ururenkel von Isidor und Ida Straus ist im Vorstand der „Historical Straus Society“ tätig.

