Blindenschrift
Tag der Braille-Schrift: Sechs Punkte, die die Welt bedeuten
Auf dem Tisch vor Aleksander Pavkovic liegt ein Faltblatt. Darauf stehen rissige Ziffern und Buchstaben. Pavkovic tastet über das Papier. Er ist von Geburt an blind. Unter dem Text für Sehende kann er mit den Fingerkuppen die Blindenschrift, die sogenannte Brailleschrift ertasten. Es ist eine Wahlschablone von der Bundestagswahl 2021. Für die nächste Wahl am 23. Februar werden solche Schablonen wieder benötigt, damit blinde und sehbehinderte Menschen an der Wahl teilnehmen können. Für die Entwicklung solcher Schablonen ist Robert Müller mit seinem Team zuständig. „Für ganz Bayern müssen wir sie bis zwei Wochen vor der Bundestagswahl liefern“, erklärt Müller. Er leitet das Beratungs-, Informations- und Textservice-Zentrum (BIT-Zentrum) des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes (BBSB) in München.
Diesmal ist die Schablone mit den jeweils zwei Löchern in der Mitte pro Zeile für Partei und Kandidat eine besondere Herausforderung, erklärt Müller. Denn bislang steht noch nicht fest, wie viele Parteien und Kandidaten in welchem Wahlkreis auf der Liste stehen werden. Danach richtet sich die Länge der Schablone. Bei der vergangenen Wahl waren es maximal 34 Löcher. Für dieses Mal hat Müller vorsorglich 39 eingeplant. In die Schablone wird beim Wählen der Stimmzettel des jeweiligen Wahlbezirks eingelegt. Dann können die blinden Wählerinnen und Wähler die Zahlen auf der Schablone abtasten und im Loch an der gewünschten Stelle ihr Kreuz machen. Für welche Parteien und Kandidaten die Zahlen stehen, verrät das mit den Schablonen verschickte Begleitmaterial.
Barrierefreie Dokumente für Behörden
Doch das ist nicht die einzige Aufgabe des BIT mit seinen 13 Mitarbeitenden. „Wir sind ein Auftragsservice, ein Gemischtwarenladen für barrierefreie, blinden- und sehbehindertengerechte Formate“, sagt Müller. Das können Texte in Blindenschrift, Großdrucke und barrierefreie digitale Dateien sein. Mit ihren Dienstleistungen wenden sie sich an blinde und sehbehinderte Menschen sowie an Organisationen, die ihre Medien für diese Zielgruppe aufbereiten möchten. Regelmäßig produzieren sie die Pläne für die bayerischen Landesgartenschauen oder barrierefreie Dokumente für Behörden und Unternehmen. Außerdem setzen sie Baupläne von Schulen und Kindergärten in tastbare Formate um. Damit können sich an der Planung beteiligte blinde Menschen, wie der Schwerbehindertenbeauftragte, einbringen und feststellen, inwieweit die Barrierefreiheit beim Bau der Einrichtungen berücksichtigt wird.
Für die Auftragsannahme solcher Leistungen ist Martina Haidl zuständig. Vor ihr auf dem Tisch stehen zwei DIN-A-4-Ordner. Es ist ein Kochbuch. Haidl öffnet einen der Ordner und zeigt, wie die DIN-A-4-Blätter des Buches aussehen. „Mindestens 170 Gramm schwer muss das Papier sein, damit die Punkte gut zu ertasten sind“, erklärt sie. 200 Seiten sind in jedem der beiden Ordner mit dem vom Franzosen Louis Braille 1825 entwickelten Schriftsystem bedruckt. Mit ihm lassen sich Buchstaben durch die Kombination von jeweils sechs ertastbaren Punkten in Doppelreihen darstellen. Für Aleksander Pavkovic eine geniale Idee. „Es ist die optimale Form, um blinden Menschen Texte schriftlich zugänglich zu machen“, sagt er. Es sei eine andere Qualität, ein Buch auf diese Weise zu lesen, statt es als Hörbuch zu hören.
Pavkovic ist unter anderem für das Korrektur-Lesen der Brailleschrift-Texte und Bücher zuständig. Vor seinem Arbeitsplatz am Computer liegen zwei Tastaturen – eine davon ist eine sogenannte Braillezeile, auf der ihm die Punkte der Blindenschrift ausgegeben werden. Für das Korrekturlesen nutzt er die Audio-Funktion. „Höre ich ein Wort, das seltsam klingt, überprüfe ich die Stelle mit der Tastatur“, sagt er. Ist er mit seiner Arbeit fertig, wird die korrigierte Fassung ausgedruckt, zugeschnitten und in einen Ordner geheftet. Produziert wird in DIN-A-4, 5 und maximal DIN-A-3-Format. „Mir gefällt die Arbeit, weil sie vielfältig ist“, sagt Pavkovic. Er könne so viele interessante Dinge lesen. So hat Haidl gerade einen Auftrag angenommen, in dem eine Privatperson drei philosophische Bücher in Blindenschrift übertragen lassen möchte.
Über eine halbe Million sehbehinderte Deutsche
Bevor sie mit ihrer Arbeit beginnt, schaut sie erst einmal, ob es die Bücher bereits im Medibus-Katalog gibt. Dort sind die Bücher der Vereinigung von Blindenschriftdruckereien verzeichnet. In Bayern gibt es nur die im BIT, bundesweit insgesamt fünf Druckereien. „Wir machen nichts, was es schon gibt, insbesondere im Audiobereich“, sagt sie. Dann überprüft sie, ob es schon ein E-Book auf dem Markt gibt, das sie mit einer speziellen Software in ein Brailleschrift-Dokument umwandeln kann. Normale Fließtexte, wie sie bei Romanen der Fall sind, seien nicht so schwierig, aber Lehrwerke, wie sie einmal eines für eine Auszubildende in Blindenschrift konvertieren musste, seien wegen der Umsetzung von Tabellen und Schaubildern deutlich komplizierter. Auch bei Inhaltsverzeichnissen und Verweisen muss sie aufpassen, weil Bücher in Blindenschrift wegen des dafür notwendigen großes Formats ungefähr zweieinhalb Mal so viele Seiten haben wie die Originaltexte.
Doch nicht jeder Blinde kann wie Aleksander Pavkovic von Geburt an nichts sehen und lernt im Kindesalter die Brailleschrift. Viele verlieren im Laufe des Lebens an Sehkraft oder erblinden vollständig. Das Statistische Bundesamt verzeichnete für das Jahr 2022 insgesamt 558.725 sehbehinderte Menschen. Davon waren 71.260 blind. Die häufigsten Ursachen für das Schwinden der Sehkraft sind altersbedingte Makula-Degenerationen, bei der die lichtempfindlichen Zellen in der Netzhaut absterben. Beim Glaukom, auch Grüner Star genannt, wird der Sehnerv mit der Zeit unwiderruflich geschädigt.
Damit sehbehinderte Menschen weiter am Leben teilhaben können, bietet das BIT auch an, Texte in Audiodateien zu konvertieren. Es werden zum Beispiel Fachbücher zur Vogelzucht eingesprochen oder auch Bücher zur Ernährung, Pflege und dem Trainieren von Hunden. Rund 40 ehrenamtliche und vier professionelle Sprecherinnen und Sprecher stehen dafür zur Verfügung. Aber auch Gerichtsakten oder Mitarbeiterzeitschriften werden als Audiodatei ausgegeben. Das BIT sorgt dafür, dass blinde Menschen besser am Leben teilhaben können – nicht nur an der Bundestagswahl.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.