Rügen RHEINPFALZ Plus Artikel Surfcamp auf Rügen: Begegnungen, die den Sommer verändern

Sieben Tage Sonne, Wasser und Wind – sieben Tage ohne Eltern, dafür mit Neoprenanzug, Lagerfeuer und dem Mut, etwas Neues zu wag
Sieben Tage Sonne, Wasser und Wind – sieben Tage ohne Eltern, dafür mit Neoprenanzug, Lagerfeuer und dem Mut, etwas Neues zu wagen: Im Surfcamp auf Rügen begegnen sich Kinder und Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten.

An den Stränden der Insel Rügen surfen Touristen, aber kaum Einheimische. Eine Wassersportschule ganz im Norden will einen Ausgleich schaffen.

Es ist Sommer und wie in jedem Jahr starten in Dranske auf Rügen 35 Kinder zwischen 11 und 18 Jahren in ihr Surfcamp: sieben Tage ohne Eltern, sieben Tage surfen. Sieben Abende mit Rallye und Lagerfeuer. Einige kennen sich schon, viele treffen zum ersten Mal aufeinander.

Zwischen vielen anderen Kindern versucht Jana, sich auf ihrem wackeligen Brett zu halten. Nach ein paar Stürzen hat sie es geschafft: Für Sekunden hält sie das Gleichgewicht, dann fällt sie rückwärts ins Wasser, die Augen weit aufgerissen.

Ben ist 13 und so dünn, dass er sich ohne Probleme in den engen Neoprenanzug quetschen kann. Er kann schon ein bisschen surfen, trotzdem ist er aufgeregt und reißt einen Witz nach dem anderen. Jehor hört nicht zu. Alleine sitzt er im Schatten unter einem niedrigen Baum und wirkt so, als würden die anderen ihn gar nicht interessieren.

Beim Surfen Grenzen überwinden

Der 15-jährige Jehor ist schon zum dritten Mal dabei. In der Ukraine war er Jugendmeister im Standardtanz. Vielleicht tanzt er darum so virtuos mit seinem Brett auf dem Wasser, er surft schon im zweiten Jahr bei den Besten mit. Aber einen Freund hat er hier nicht. Er sagt, dass er es nicht so leicht findet, neue Leute kennenzulernen.

Während Jana, Ben, Jehor und die anderen mit ihren Segeln und Brettern im Wasser sind, sitzt Sarah Miron an einem Tisch vor der Surfschule und sortiert Belege. Ob alles gutgeht? Wird funktionieren, was sie hier vorhat? Ein Surfcamp als Instrument, um Unterschiede abzubauen, unsichtbare Grenzen zu überwinden? Grenzen zwischen Kindern, deren Eltern Staatsanwälte oder Lehrer sind, und denen aus Rotensee, einem Plattenbauviertel in Rügens Hauptort Bergen, wo auch Ben wohnt.

„Manchmal habe ich Zweifel, ob wir die Richtigen erreichen“, sagt Sarah Miron. Sie hat das Camp überall beworben, in den Stadtanzeigern, in allen Schulen. „Wenn wir nicht ganz gezielt einzelne Kinder ansprechen, mit den Eltern in den Kontakt treten, immer wieder nachfragen, dann kommen am Ende doch nur die zum Surfcamp, die nach der einen Woche noch mal drei Wochen Urlaub mit den Eltern machen.“ Und das liegt nicht am Geld, das Camp wird gefördert.

„Mein Mann und ich haben Glück im Leben gehabt“, sagt Sarah Miron, „ich möchte gerne etwas davon weitergeben. An der Regionalen Schule, wo ihr Mann Schulleiter ist, organisieren die beiden die Hälfte des Nachmittagsprogramms selbst.

Identität, Coolness, Lässigkeit

Auf Brettern in den Wellen reiten, kiten, surfen: Wassersportarten können Jugendlichen in den komplizierten Jahren zwischen Grundschule und Führerschein Identität, Coolness und Lässigkeit bieten. Aber auf Rügen ist Surfen nur was für Touristen. Außer bei den Rügen Piraten. Die Schule am Dransker Hafen ist gleichzeitig Jugendclub, Gemeindezentrum und sogar Schwimmschule. Einige Kinder aus Dranske können überhaupt nur wegen der „Rügen Piraten“ schwimmen: Weil die nahegelegene Schwimmhalle keine Schwimmkurse mehr angeboten hat, entstand dort 2023 eine Schwimmlerngruppe für die Inselkinder.

Andreas Schmidt wollte als Jugendlicher Surflehrer werden, diesen Traum erfüllt er sich jetzt in den Sommerferien. In der übrigen Zeit arbeitet er als Deutsch- und Sachkundelehrer an einer Brennpunktschule in Berlin-Neukölln. „Hier wird noch der ursprüngliche Surfspirit gelebt“, sagt er. Sonst gehe es beim Surfen zu sehr darum, wer die tollste Ausrüstung hat.

Surfen für alle

Mit dem Verein „tow“ (touch on water), den die Piraten 2019 gründeten, wollen sie Rüganer für Wassersport begeistern. Neben dem Sommercamp bietet der Verein Surfen mit alkohol- und drogenabhängigen Jugendlichen oder SUP-Camps für Rollifahrer an. Eben Surfen für alle, die sonst nicht den Weg auf das Surfbrett finden würden, aus welchen Gründen auch immer.

Nach und nach kommen die Kinder aus dem Wasser. Die 13-jährige Jana schüttelt sich das Wasser aus den Haaren, bevor sie das rote Leibchen auszieht. „Ich habe safe zehn Kilo abgenommen“, sagt sie, „das war so anstrengend.“ Beim Mittagessen, Bratwurst im Brötchen mit Senf und Ketchup, sitzt sie ziemlich still zwischen zwei anderen Mädchen. Die Stimmung ist noch verhalten.

Nach dem Mittag geht es zurück in das kühle, brackige Boddenwasser. Der Wieker Bodden ist flach und dadurch bestens zum Surfen geeignet. Die vier Surflehrer stehen, Wasser bis zum Bauch, wie Leuchttürme zwischen den Kindern auf ihren Brettern. Überall spritzt Wasser, immer wieder verliert jemand das Gleichgewicht.

Nach dem Abendessen begleitet Sarah Miron die kleineren Kinder ins Bett, tröstet, hört zu, ermahnt das Licht auszumachen. Dann lässt sie sich neben Andreas Schmidt auf das Sofa im Flur der Herberge fallen: „Wir warten, bis alle schlafen“, sagt sie.

Vom Einzelgänger zum Vorbild

Vier Tage später ist die verhaltene Stimmung vom Beginn verflogen. Stühlerücken, Lachen, lautes Rufen mischen sich im Frühstücksraum. Die Kinder laden sich Obstsalat und Marmeladenbrötchen auf ihre Teller. Jehor, der Einzelgänger, ist umgeben von einer Gruppe gleichaltriger Jungs und wird bewundert. Auch weil er einer der besten Surfer ist. „Ich mag Sport“, sagt er, „in der Schule ist das für mich wie ein Spaß, nicht wie Unterricht. Geschwindigkeit mag ich generell.“

Die Fortgeschrittenen üben ihre Tricks, die Anfänger versuchen einen kleinen Parcours zu fahren. Sie surfen vor dem Wind, luven an, fahren eine Wende und dann wieder zurück zum Ausgangspunkt. Jana wird dabei vom Wind ein ganzes Stück vom Kurs abgetrieben. Auch wenn die Manöver noch nicht perfekt klappen – ungewollt ins Wasser fällt kaum noch jemand. Surflehrer Andreas Schmidt beobachtet Ben und Jannik, die auf der Seebrücke stehen und angeln. Beim Camp gehe es nicht um Nachwuchsförderung: „Kinder wie Ben lernen hier, dass sie etwas können, was sie nie für möglich gehalten hätten.“ Jehor hat Foilen gelernt. Bei Jana klappt die Wende. Ben liegt am Nachmittag bäuchlings auf seinem Brett, umgeben von einer Gruppe kichernder Anfängerinnen, und genießt die Aufmerksamkeit. Denn natürlich geht es beim Surfcamp nicht nur ums Surfen.

Eine Gruppe älterer Jungs bricht nachts aus ihren Zimmern aus und besucht die Mädchen in deren Räumen. In der Mittagspause fallen beim Kickern rassistische Sprüche, eine von Sarah Mirons Töchtern schreitet beherzt ein. Überm Feuer wird Stockbrot geröstet und gegessen: außen schwarze Kruste, innen roh. Grillen zirpen. Als der Vollmond riesengroß und orange über dem Wieker Bodden aufgeht, steht einer der Jungs verlegen mit einem Mädchen aus dem Nachbardorf auf der Brücke, Hand in Hand.

Es geht nicht nur ums Surfen

Vor der Surfschule sitzt Sarah Miron mit den anderen am Feuer. „Es funktioniert nicht immer so, wie man sich das vorstellt“, sagt sie. Ist das hier all die Zeit wert, die sie fürs Fundraising, für Werbung, fürs Einkaufen, Organisieren, Vorbereiten aufgewendet hat?

Zwei Mädchen aus schwierigen Familiensituationen haben sich ausgeklinkt. Sie sind nach dem dritten Tag nicht mehr aufs Brett gestiegen. Seitdem sitzen sie in eine Decke gewickelt vor dem Camp, während die anderen surfen. Mit dem Vater eines der Mädchen hatte Sarah Miron in der Mitte der Woche ein längeres Beratungsgespräch, sie hat sie an die Familienhilfe der Insel vermittelt. Ben wird von einem anderen Jungen rabiat angerempelt und verletzt sich dabei das Bein.

Am frühen Abend, bevor das Feuer angezündet wird, gibt es eine Rallye. Jana rennt mit ihren vier Freundinnen durch das Dorf, immer vorweg, sie springt und hüpft durch die leeren Straßen. Ihre Freundin bleibt stehen und schaut nach oben, in den blauen Sommerhimmel, wo fünf Graugänse fliegen. „Guckt mal, wir sind genau wie die da oben!“

Ob das Camp einen kleinen Beitrag dazu leistet, Ungerechtigkeit zumindest für den Moment weniger spürbar zu machen, ist für Jana, Jehor und Ben keine Kategorie. Ben hat am Ende des Abends den Schmerz im Bein wieder vergessen. Er hätte nach dem Feuer gerne noch eine Runde Kicker gespielt, statt jetzt ins Bett zu müssen. Besonders einen Song fand er super: „Der Beat kam anders hart“, sagt er.

Für Jana zählt, ob sie und ihre Freundinnen es wohl geschafft haben, die Rallye zu gewinnen. Jehor hält sein Stockbrot über die Glut. „Freunde finden ist hier viel leichter als in der Schule. Deswegen mag ich das Camp auch so.“ Es ist ihr Sommer. Und er hat gerade erst angefangen.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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