Sport allgemein RHEINPFALZ Plus Artikel Stand-up-Paddling: Zwischen Trend, Massenphänomen und Leistungssport

So stellt man sich Stand-up-Paddling vor: Entspannt dem Horizont entgegen. Im Wettbewerb geht es deutlich härter zur Sache.
So stellt man sich Stand-up-Paddling vor: Entspannt dem Horizont entgegen. Im Wettbewerb geht es deutlich härter zur Sache.

Keine Badesee ohne Board, auch in der Pfalz: Stand-up-Paddler wollen gewinnen, wenn sie gegeneinander antreten. Vor allem aber zählt für sie die Freiheit auf ihrem Brett.

Kaum zu glauben, dass die beiden in 20 Minuten im Halbfinale der deutschen Meisterschaft gegeneinander antreten werden. „Bei uns geht es ein bisschen lockerer zu“, sagt Manuel Lauble, „der Schnellere gewinnt, dann ist es wieder entspannt.“ Der Stand-up-Paddler fährt sich mit den Händen über seine Boardshorts. Surferstyle. Coolness als Identität, nicht aufgesetzt, sondern authentisch. Ole Schwarz sitzt auf dem Boot in der Dresdner Hafencity direkt gegenüber, die extrem verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase. Lässig, entspannt. „Hier wird einer mal Zweiter, dann wird der andere mal Zweiter“, sagt er, „man verliert keinen Sponsor, wenn man mal verliert. Man ist da nicht direkt raus.“ Trotzdem: Wenn beide gleich auf ihren Boards im Startschuh stehen, paddeln sie gegeneinander. „Kopf ausschalten und Vollgas“, sagt Lauble. Die Strecke ist mit 160 Metern extrem kurz. Normalerweise gehen die Sprints über 200 Meter.

Mit der idyllischen Vorstellung, auf einem ruhigen Gewässer dem Sonnenuntergang entgegenzugleiten, hat dieser Sprint nur wenig zu tun. Wobei es eben jener Gedanke ist, der die Stehpaddler antreibt: der Wunsch nach absoluter Freiheit. In Konstanz am Bodensee betreibt Lauble ein Grafikbüro direkt am Ufer. Die Boards liegen stets bereit. „Für mich ist das Training eine Mittagspause“, sagt er. „Das Paddeln ist mein perfekter Ausgleich zum Alltag im Büro.“ Zwischen zwölf und 14 Einheiten absolviert er pro Woche. „Ich kann das ganze Jahr über paddeln, egal welches Wetter“, sagt Lauble, „ob Wellen, Wind oder spiegelglattes Wasser.“

Spaß haben ohne Wind

Seit Jahrhunderten paddeln Fischer aus Polynesien oder Peru in ihren Kanus stehend über Meere und Seen. Auf Hawaii nahmen Surfer in den 1950er-Jahren ein Paddel zur Hilfe, um schneller zu den Riffen zu kommen. Und Surflehrer kamen auf die Idee, sich auf ihre Bretter zu stellen, um ihre Schüler besser im Blick zu behalten. Die wiederum begannen draufloszupaddeln, um zumindest ein wenig Spaß zu haben, wenn es keine Wellen gab. So hat auch Schwarz, Jahrgang 1997, zum Sport gefunden. Seine Eltern hatten ihm 2008 in Warnemünde einen Windsurfkurs geschenkt. „Wir hatten keinen Wind, und stattdessen sind wir Stand-up-Paddeln gegangen“, sagt er, „seitdem bin ich dabei geblieben.“

Damit ist er ein Vorreiter der Welle, denn heute ist Stand-up-Paddling, kurz SUP, längst über den Status einer Trendsportart hinaus. Kaum ein Badesee ohne Board, auch in der Pfalz: An manchen Gewässern gibt es an einem Sommersonntag mehr Bretter als Schwäne. „Es ist eine super Möglichkeit, sich ein bisschen zu bewegen und es ist supereinfach zu erlernen“, sagt Lauble. Verlieren viele anfangs häufiger das Gleichgewicht, sind schnell Fortschritte erkennbar. Im Stehen über das Wasser zu gleiten, gleicht einem Ganzkörpertraining. „Weil du dich immer ausbalancieren musst, trainierst du unbewusst deine gesamte Tiefenmuskulatur“, sagt der Profi vom Bodensee. Und stylish sieht es auch noch aus.

„Dieses Körpergefühl kommt quasi automatisch“

Ein paar Hundert Euro kostet ein Set mittlerweile im Discounter noch. Das Brett ist aufblasbar, das Paddel wird zusammengesteckt. Alles wird im Rucksack verstaut, zum Transport im Auto oder auf dem Fahrrad. Diese sogenannten Inflatables haben SUP in den vergangenen Jahren zum Massenphänomen gemacht. Zum Einstieg taugen die Discounter-Sets, finden die Profis. „Wenn es einfach nur ums Paddeln geht, würde ich sagen, kannst du alles kaufen, was es auf dem Markt gibt“, sagt Lauble. Seine Empfehlung: Am Baggersee einfach mal ein Board für eine Stunde ausleihen, um zu testen. „Es braucht Gleichgewicht und Spaß“, sagt er, „aber dieses Körpergefühl kommt quasi automatisch, je länger du auf dem Board stehst.“

Bei seinen ersten Versuchen auf dem Bodensee stand auch Lauble auf einem aufblasbaren Brett. 2017 war das, als SUP groß in Mode kam. „Wenn man ein bisschen sportaffin ist, ich war früher Schwimmer, dann will man immer etwas Schnelleres“, sagt Lauble. Selbst im entspanntesten Sport gilt: höher, schneller, weiter. Als ihm die Inflatables zu langsam wurden, stieg er um auf die Carbon-Variante. Kostenpunkt für ein Hardboard: zwischen 2500 und 5000 Euro. SUP entwickelte sich vom Trend- zum Freizeit- zum Leistungssport.

SportlichIm Halbfinale der deutschen Meisterschaft unterliegt Manuel Lauble (hinten) gegen Ole Schwarz. „Hier wird einer mal Zwe
SportlichIm Halbfinale der deutschen Meisterschaft unterliegt Manuel Lauble (hinten) gegen Ole Schwarz. »Hier wird einer mal Zweiter, dann wird der andere mal Zweiter«, sagt der Sieger.

Das Rennen gegen Ole Schwarz ist die Neuauflage des Endlaufs von 2023. Weil die nationalen Titelkämpfe während des Multisportevents „Finals“ ausgetragen werden, ist die Aufmerksamkeit groß. Hunderte Zuschauer stehen am Ufer der Dresdner Hafencity, das Fernsehen überträgt. „Inzwischen kennt gefühlt jeder SUP als Hobby“, sagt Schwarz, „aber die Leute, die auf dem See unterwegs sind mit dem Board, wissen oft gar nicht, dass es auch professionelle Wettkämpfe gibt.“ Im Ziel stehen die Sportler gebückt und erschöpft auf ihren Bretten, pumpen nach Luft. Manuel Lauble gilt zwar als Sprint-Spezialist, doch der Titelverteidiger siegt auch diesmal. Schwarz studiert an der Deutschen Sporthochschule in Köln, sein Trainingsgebiet ist der Rhein bei Bonn. Weniger beeindruckend als der Bodensee. „Ich kann keine großen Strecken fahren, ich fahre eher meine Runden“, sagt er, „Kopfhörer rein und los.“

Wie ein Pfeil im Wasser

Die Sprints sind zwar spannend, weil meistens knapp, ihre Berufung finden die SUP-Cracks aber erst in der Langdistanz. Über zehn, zwölf Kilometer gehen diese Rennen, die Sportler fahren einen Schnitt von mehr als zehn Kilometer pro Stunde. „Es ist wie ein Radrennen“, sagt Schwarz, „wir fahren im Windschatten des anderen, es geht darum, Kraft zu sparen und im richtigen Moment das Tempo anzuziehen.“ Taktieren mit dem Gefühl der Freiheit – Genuss inklusive. „Wir trainieren auch viel Grundlagenausdauer. Das ist ein lockeres Paddeln, eine Stunde, eineinhalb, manchmal zwei mit einem Puls von 130“, sagt Lauble. „Da kann man durchaus auch in die Natur gucken. Wir sind nicht immer nur am Ballern.“

Während die aufblasbaren Freizeit-Sportgeräte gemütlich über das Wasser gleiten, liegen die Hightech-Boards wie Pfeile im Wasser. Wenn die Athleten ihre Paddel aufrecht stehend ins Wasser treiben, erinnert das an die Canadier-Kanuten. Und genau hier beginnt eine große Diskussion: Was sind Stehpaddler – eher Surfer oder doch Kanuten? Beide internationalen Verbände wollen den Sport für sich beanspruchen. Der Streit eskalierte, als der Internationale Kanuverband 2018 seine SUP-Weltmeisterschaft in Portugal kurz vor deren Start absagen musste, weil der nationale Surfverband klagte, der portugiesische Kanuverband sei nicht zuständig für das Stehpaddeln. Eine Mediation scheiterte, die Sache landete vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas. Der entschied 2019, dass sowohl der Weltsurfverband als auch der Internationale Kanuverband für den Wettkampfsport zuständig seien. Auch im Boxen beispielsweise bieten verschiedene Verbände ihre Wettkämpfe an und suchen ihre Weltmeister.

Ist Olympia der richtige Ort?

„In Deutschland ergibt das ja durchaus Sinn, wir haben oben Meer“, sagt Manuel Lauble, „ich komme vom Bodensee, habe halt nur Flachwasser und kann auf dem Meer nicht trainieren. Deswegen kann ich auch keine Welle fahren.“ Der Deutsche Kanu-Verband und der Deutsche Wellenreiterverband begrüßten das Cas-Urteil – und so gibt es zwei deutsche Meisterschaften. Einige Athleten fahren von Dresden direkt weiter nach Fehmarn, auf der Ostseeinsel küren die Wellenreiter ihren deutschen SUP-Meister bei Wind und Wellen. „Das ist noch einmal eine andere Herausforderung“, sagt Schwarz, der sich wie Lauble auf das Flachwasser konzentriert. Dennoch: „Wir haben nicht so viele Wettkämpfe in der Saison, da sind wir für jeden Wettbewerb dankbar.“

Der sportpolitische Streit zwischen Kanuten und Surfern hat derweil noch eine andere Dimension – den Traum von Olympia. Mit Kalifornien als Hotspot hätte SUP perfekt ins Programm der Spiele 2028 in Los Angeles gepasst. Doch die Surfer haben das Wellenreiten, die Kanuten haben traditionell viele Kategorien an Wettkämpfen – und weil für neue Disziplinen andere weichen müssen, war für die Stehpaddler offenbar kein Platz. Wobei sich sogar die Athleten uneins sind, ob Olympia der richtige Ort für ihren Sport ist.

Aus dem Gleichgewicht

„Es gibt bei uns schon diese zwei Strömungen“, sagt Ole Schwarz. Jene, die den Sport weiter professionalisieren wollen – und jene, die ihn in seiner Ursprünglichkeit behalten wollen. So ist es bei vielen Trendsportarten, die den Schritt auf die olympische Bühne wagen, egal ob Breaking oder BMX im Sommer oder Snowboarden im Winter. Überall, wo Style und Individualität eine Rolle spielen, fühlen sich Sportler durch olympische Strukturen oft eingezwängt: keine Sponsoren, vorgegebene Ausrüstung, gleiche Kleidung.

Das ist auch für die freiheitsliebenden Stand-up-Paddler ein Problem. „Ich würde meine Badeshorts nur ungern wechseln“, sagt Manuel Lauble und lacht. Das gilt auch als Ehemann und Vater zweier Kinder Ende 30, Anfang 40.

Seine Badeshorts trägt er auch im Rennen um den dritten Platz im Dresdner Hafenbecken. Lauble verpatzt den Start, sein jüngerer Kontrahent zieht schnell davon. Er holt auf, doch es reicht nicht zum Podestplatz. Im Ziel gerät er ins Straucheln und fällt von seinem Board. Seine Mütze treibt auf dem Wasser. Kaum zu glauben: Auch die Ausgeglichensten überhaupt verlieren mal das Gleichgewicht.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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