Frankreich RHEINPFALZ Plus Artikel Spritzig-deliziös: Warum Champagner Zukunft hat

Nach dem Corona-Knick in der Nachfrage boomt das Geschäft mit dem Champagner.
Nach dem Corona-Knick in der Nachfrage boomt das Geschäft mit dem Champagner.

Noch kann der Klimawandel dem König der Schaumweine, dem Champagner, nichts anhaben. Aber längst kümmern sich Hersteller wie das Ehepaar Frédérique und Hugues Poret um die Herausforderungen der Zukunft. Von Birgit Holzer, Chigny-les-Roses

Es ist feine Maßarbeit, die Hugues Poret das ganze Jahr über vollbringt. Täglich geht er durch seine Parzellen und steckt den Kopf zwischen seine Weinreben. Er sieht nach jeder einzelnen von ihnen, überprüft ihren Zustand und legt je nach Jahreszeit Hand an, manchmal unterstützt von einem ganzen Team. Ab Mai entfernt er Knospen, die nicht fruchtbar sind. Im Frühsommer geht es an die sogenannte „Palissage“, bei der Poret und sein Team die Triebe voneinander trennen und sie zwischen zwei Hebedrähte klemmen, damit die Blätter nicht zusammenkleben, die Trauben gut von der Sonne beschienen und stets belüftet werden. Das schützt sie vor Feuchtigkeit, Fäulnis und Krankheiten. Zum Jahresende hin kümmert sich der Winzer, so wie alle seine Kollegen im Champagner-Gebiet, um den Rebschnitt.

„Man spricht vom Gründungsakt für die Rebe, denn von ihm hängt die Qualität der Trauben und der künftigen Weinlese entscheidend ab“, erklärt Hugues Poret. Insgesamt 45 Parzellen besitzen er und seine Frau Frédérique gemeinsam, kleinteilige Abschnitte, die sich auf etwa acht Hektar verteilen. Jetzt, im Winter, liegen sie kahl da. Die Weinberge des Hauses Duménil-Poret befinden sich beim Dorf Chigny-les-Roses etwas südlich von Reims, das gerne als Champagner-Hauptstadt bezeichnet wird. „Manche Parzellen sind flach, andere auf Hängen gelegen, der Sonneneinfall ist nicht gleich: Jede Rebe braucht eine für sie passende Behandlung“, erklärt Frédérique Poret. Eine maßgeschneiderte Behandlung eben.

Seit Jahrzehnten öko-orientiert

Für das Winzer-Paar ist sie ein unerlässlicher Bestandteil beim Bemühen um einen nachhaltigen Weinbau, der mit möglichst wenig Chemie auskommt. Bereits 1999 schlug der Familienbetrieb diesen Weg ein. „Ich selbst kam im Jahr 2000 dazu, der Umweltschutz gehörte da schon zu den Prioritäten“, sagt die 43-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie den Weinberg in der fünften Generation, der seit 1874 im Familienbesitz ist, zunächst nur unter dem Namen Duménil. Der Namenszusatz Poret wurde ergänzt, als Frédérique Porets Großmutter, die den Namen ihres Mannes trug, die Geschäfte übernahm, nachdem ihr Bruder im Krieg gestorben war. Sie war die erste Frau in der Familie an der Spitze des Weingutes – eine Art Pionierin und ein Vorbild für sie, sagt Frédérique Poret.

„Meine Eltern staunten nicht schlecht, als ich ihnen ankündigte, dass ich in ihre Fußstapfen treten möchte“, erzählt die Mutter zweier Töchter schmunzelnd, deren Mann Hugues ebenfalls aus einer Winzerfamilie stammt. Es habe sich eben lange um ein männlich dominiertes Metier gehandelt. „Wir sind drei Mädchen, und unsere Eltern rieten uns lediglich, einen Beruf zu wählen, der uns gefällt und begeistert.“ Das war und ist der Fall bei Frédérique Poret.

Das Edel-Getränk erlebt zurzeit sowohl im In- als auch im Ausland einen spektakulären Anstieg der Nachfrage. Französische Medien haben Anfang Dezember gemutmaßt, ob er an den Feiertagen zum Jahresende ausgehen könnte – Weihnachten und Silvester ohne Champagner ist für viele Familien in Frankreich undenkbar. Manche Häuser begrenzten wegen der Mangellage die Flaschen, die sie auf den Markt geben, hieß es. Einen solchen Aufschwung nach zwei schwierigen, von der Coronavirus-Pandemie geprägten Jahren hatte kaum jemand erwartet. Innerhalb Frankreichs stiegen die Sendungen um 3,5 Prozent und die Exporte ins Ausland um 13 Prozent, vor allem aufgrund der starken Nachfrage in den USA.

Lust am Leben

„Es wird keinen Mangel geben“, versicherte schließlich Maxime Toubart, Präsident der Gewerkschaft der Winzer der Champagne SGV. Das ist so, aber die Preise haben abermals stark angezogen.

Ein wachsendes Interesse für ihr Produkt, aber auch immer präzisere Kenntnisse stellt auch Frédérique Poret fest. „Vielleicht haben die Menschen Lust, das Leben zu genießen und gute Produkte miteinander zu teilen?“, mutmaßt sie. Lange sei es der Vorteil des Champagners gewesen, eine einzige Herkunftsbezeichnung zu haben, aber inzwischen erkennen die Kunden, dass es trotzdem verschiedene Stile und Methoden der Weinbereitung gibt. Ihr Haus verfügt über zwei Umwelt-Zertifikate. „Wir benutzen keine Unkrautvernichtungsmittel und kümmern uns intensiv um den Boden.“ Wo die Parzellen früher mit Plastikfolien voneinander abgetrennt waren, stehen heute kleine Stein-Mauern. Hecken oder Holzpflöcke markieren die Trennlinien.

Das Haus Poret-Duménil gehörte zu den ersten im Champagner-Anbaugebiet, die ab Anfang der 2000er-Jahre testweise auf Insektizide gegen die Raupen des Traubenwicklers, einen für Weintrauben schädlichen Nachtfalter, verzichteten. Stattdessen setzten sie die Technik der „sexuellen Verwirrung“ ein. Dabei hängen die Winzer Ampullen mit Sexuallockstoffen zwischen die Reben, welche verhindern, dass die Traubenwickler-Männchen ihre Weibchen finden können – sie werden „verwirrt“. Das Aufhängen der Pheromone, wie es auch in der Pfalz oder anderen deutschen Weinanbaugebieten praktiziert wird, verhindert somit die Fortpflanzung, ohne die Tiere zu töten und ohne den Einsatz schärferer chemischer Mittel. Inzwischen wird die Methode in der Champagne auf rund 40 Prozent der Fläche verwendet.

Geschützte Bezeichnungen

Das Anbaugebiet des Champagners ist geografisch klar definiert und abgegrenzt. Auch die Herstellung des Getränks folgt strikten Regeln, die in einem sogenannten Pflichtenheft festgelegt sind. Seit 1936 handelt es sich beim Champagner um eine geschützte Herkunftsbezeichnung, eine „Appellation d’Origine Contrôlée“ (AOC), um sich von anderen Schaumwein-Produkten abzuheben. 1992 wurde die geschützte Herkunftsbezeichnung „Appellation d’Origine Protégée“ (AOP) eingeführt, die die gleichen Garantien auf europäischer Ebene bietet. Dies dient dem Ziel, den „einzigartigen und unnachahmlichen Charakter“ des Champagners zu schützen, sodass der Verbraucher eine Qualitätsgarantie hat, heißt es seitens des „Comité interprofessionnel du vin de Champagne“, der Vereinigung der 16.200 Winzer und 360 Handelshäuser.

„Dieses Komitee arbeitet für die ganze Branche, also nicht für eine Marke mehr als für eine andere“, erklärt dessen Kommunikationschef Philippe Wibrotte. Nachhaltiger Weinbau gehöre seit mehr als 30 Jahren zu den strategischen Pfeilern, betont er. „Wir haben als erste Weinregion unsere CO2-Bilanz gemacht, um den Ausstoß zu verringern“, so Wibrotte. Es gebe etliche Initiativen, von der Verringerung chemischer Mittel bis zur Reduzierung der Verpackungen. Es wird auf Satellitenbilder zurückgegriffen, um den Zustand des Bodens genau zu kennen. Teils trägt auch das landwirtschaftliche Gerät Sensoren für diesen Zweck. Von allen französischen Weinbaugebieten verfügt die Champagne über die größte Flotte elektrischer Traktoren. Das Gewicht der Flaschen, die in der Region hergestellt werden, sank um 65 Gramm auf 825 Gramm – das sparte noch mal 20 Prozent an Kohlendioxid-Emissionen ein. „Außerdem verfolgen wir das Ziel, dass unser gesamtes Anbaugebiet von insgesamt 34.200 Hektar bis 2030 ein Umwelt-Zertifikat vorweisen kann“, sagt Wibrotte. Die Champagner sollen entweder eines der verschiedenen Bio-Siegel, das Label „Haute Valeur Environnementale“ (HVE) oder die 2014 ins Leben gerufene Zertifizierung „Viticulture Durable en Champagne“ (Nachhaltiger Weinbau in der Champagne) tragen. Über letztere verfügen bereits 43 Prozent der Flächen.

Klimawandel spürbar

Für Weinbauern gibt es inzwischen auch Anreize wie höhere Preise für Trauben aus nachhaltiger Herkunft. Der Wunsch der Kunden nach umweltfreundlichen Produkten tut ein Übriges. „Sie sind sehr sensibel geworden“, versichert Wibrotte. In manche Länder, etwa nach Skandinavien, ließe sich ohne Umwelt-Siegel kaum noch exportieren. Das gilt auch für Deutschland, dem viertwichtigsten Auslandsmarkt, wo zuletzt ein Plus von 28 Prozent verzeichnet wurde.

Insgesamt 46 Wetterstationen stehen im gesamten Anbaugebiet verteilt und ein „Monsieur Météo“, das französische Pendant für den Wetterfrosch, verfolgt täglich die meteorologische Entwicklung und gibt Warnungen vor Stürmen, Hagel oder Frost aus. „In den vergangenen 30 Jahren sind die Temperaturen im Schnitt um 1,5 Grad gestiegen“, sagt Philippe Wibrotte. Bis jetzt wirkt sich das allerdings nicht negativ auf die Weinreben in der Champagne aus, da es sich um eine Mittelmeer-Pflanze handelt, die Hitze mag. Zudem können die Kalkböden in der Champagne viel Wasser speichern. Doch gelte es die weitere Entwicklung in der Zukunft zu beobachten, was auch Anpassungen des Pflichtenheftes nach sich ziehen kann. „Wir brauchen eine langfristige Sicht, denn wenn Sie eine Weinrebe pflanzen, hat sie eine Lebenserwartung von mindestens 30 Jahren“, erklärt der Vertreter des Champagner-Komitees: „Bei der Auswahl ist es also wichtig, sich die richtigen Fragen zu stellen.“

Der Geschmack entwickelt sich mit diesen Veränderungen mit. „Die Säure erlaubt einem großen Wein eine lange Alterung im Keller, doch bei steigenden Temperaturen hat man mehr Zucker und der Säuregehalt sinkt“, erklärt Frédérique Poret. Trotz der heißen letzten Jahre sei ihr Champagner weiterhin rund und „gourmand“. Gourmand, das französische Wort, das keine echte Entsprechung im Deutschen hat, meint schmackhaft, köstlich, deliziös. Damit das so bleibt, wird Hugues Poret auch 2023 täglich durch seine Parzellen gehen und den Kopf zwischen seine Weinreben stecken, um sie zu hegen und zu pflegen.

Szene aus der Champagne – es ist ein langer Weg von der Rebe zum Genuss. Betriebe wie Duménil & Poret setzen dabei auf nachhalti
Szene aus der Champagne – es ist ein langer Weg von der Rebe zum Genuss. Betriebe wie Duménil & Poret setzen dabei auf nachhaltigen Anbau.
Huges Poret in seinem Weinberg.
Huges Poret in seinem Weinberg.
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